Linie , Mund und Augen aber weit zurück und sozusagen wie im Schatten lagen ; desto mehr aber bedeutete seine Tochter , die , groß und stark und ohne alle Ähnlichkeit mit ihm , überhaupt gar nicht seine Tochter , sondern ein angeheiratetes Kind aus seiner verstorbenen Frau erster Ehe war . Sie hieß Ulrike . Beinahe häßlich , mit großen , nichtssagenden und zum Überfluß auch noch weit vorstehenden Augen , hatte sie doch die feste Überzeugung : schön und durch ihre Schönheit zu etwas Höherem berufen zu sein . Ihr Umgang mit Frau Hulen erschien ihr unter ihrem Stande , mehr noch unter ihren persönlichen Ansprüchen , wurde aber doch von ihr gepflegt , weil sie wußte , daß ein adeliger junger Herr bei der Alten zu Miete wohnte . Ihre Gedanken gingen immer nach dieser Richtung hin . Herr Ziebold hatte sich neben Mamsell Laacke auf das Sofa gesetzt ; Ulrike trat an das Theater und nahm einzelne Figuren , Karl Moor , Roller und den hübschen Kosinski , aus der offenen Szene heraus ; von der Zunzen war keine Rede mehr . Schimmelpenning , den Rücken gegen eins der Fenster gelehnt , starrte gleichgültig auf die Decke , und nur Ziebold und Grüneberg unterhielten ein Tagesgespräch , zu dem beide sehr ungleich beisteuerten , Grüneberg in einem Schwall von Worten , Ziebold in einzelnen kurzen und mitunter spöttischen Bemerkungen . Die Hulen kam immer mehr in Aufregung ; sie fühlte , daß es nicht so ging , wie es gehen sollte , und immer neue Versuche zur Annäherung ihrer Gäste machend , sagte sie schon zum dritten oder vierten Mal : » Sie kennen sich ja schon von früher . « Die so Angeredeten schienen sich aber jedesmal nur sehr langsam und widerstrebend darauf zu besinnen . Die Widerstrebendste war Frau Ziebold . Sie spielte mit ihrer goldenen Erbskette , über deren Ursprung allerhand dunkele Gerüchte gingen , und warf ihrem Manne Blicke zu , sich mit dem dummen Menschen , dem Grüneberg , nicht zu weit einzulassen . Sonst verzog sie keine Miene . Nur wenn sie Ulrikens Wichtigkeit sah , lächelte sie . Denn sie kannte die Grünebergs » vom Geschäft her « und hatte der Tochter , die hinter dem Rücken des Vaters alles tat , was ihr bequem war , mehr als einmal aus der Verlegenheit geholfen . Von Gästen fehlte nur noch Feldwebel Klemm ; endlich kam auch er , und Frau Hulen , die Wunderdinge von ihm erwartete , atmete auf . Er war in demselben Aufzuge , Stulpenstiefel und hochzugeknöpfte schwefelgelbe Weste , in dem er sich überall präsentierte , und machte sich , nachdem er Mamsell Laacke zum Ärger Ulrikens mit besonderer Auszeichnung begrüßt hatte , namentlich mit den Ziebolds zu schaffen , sei es , weil er in seiner Eigenschaft als Zwischenträger und Gelegenheitsmacher allerhand unaufgeklärte Beziehungen zu ihnen hatte oder weil er einfach zeigen wollte , daß er das Recht habe , sich über das Gerede der Leute wegzusetzen und seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen zu lassen . An Schimmelpenning , der mittlerweile seine Stellung mit halbrechts gewechselt und sich an einen altmodischen Eckschrank gelehnt hatte , ging er ohne Gruß vorüber ; beide maßen sich mit einem Ausdruck von Geringschätzung . » Wir sind nun alle beisammen « , nahm Frau Hulen das Wort , » und ich denke , wir wollen recht fröhlich und ausgelassen sein . Nicht wahr , liebe Laacke ? Sie singen uns doch nachher etwas ? Schweizerfamilie oder Bei Männern , welche Liebe fühlen . « » Aber , liebe Hulen . « » Warum nicht , Laackechen ? Es ist ja bloß ein Lied . Und Mamsell Ulrike hört es gewiß gern und wir andern auch . Und nicht wahr , Herr Ziebold , Sie begleiten doch ? Aber nun wollen wir uns zu Tische setzen . Bitte , liebe Zunzen , helfen Sie mir den Tisch hereinbringen . « Unsere gute Hulen hatte die letzten Worte sehr laut gesprochen ; nichtsdestoweniger antwortete die Alte , die vielleicht wirklich nicht gehört hatte , vielleicht auch nur ärgerlich war , zu dieser Dienstleistung wie selbstverständlich herangezogen zu werden : » Na , ich denke doch , bis zehn « , worauf sich Mamsell Laacke , um allen weiteren Erörterungen vorzubeugen , mit fast jugendlicher Raschheit erhob und den Eßtisch aus der Küche hereintragen half . Stühle wurden gerückt , und in kürzester Zeit saß alles : Klemm obenan , Frau Hulen unten , die Zunzen dicht neben ihr ; dann kamen die Pfandleihersleute , an beiden Ecken einander gegenüber ; neben Ziebold , wie sie es sich ausbedungen hatte , die Laacke . Alle Speisen standen schon in der Mitte , als erster Gang eine große Schüssel mit Mohnpielen , daneben links ein Heringssalat und rechts eine Sülze . Alles reich gewürzt ; auf dem Mohn eine dichte Lage von gestoßenem Zimt , auf dem Salat kleine Zwiebeln , die mit Pfeffergurken und sauren Kirschen abwechselten . Ein echtes Berliner Essen . » Bitte , so vorliebzunehmen ; Mamsell Ulrike , wollen Sie nicht so gut sein und die Pielen herumgehen lassen ? Gott , wie ich mich freue ! « » Ganz auf unserer Seite « , antwortete Herr Ziebold und putzte erst seine Brille , dann heimlich auch die Gabel am Tischtuchzipfel ab . Was das Gespräch anging , so konnte sich ' s aller Wahrscheinlichkeit nach nur darum handeln , ob es durch Klemm oder Schimmelpenning geführt werden sollte ; Grüneberg war zu einfältig , und Ziebold , der in seinen jungen Jahren ein echter Berliner Vielsprecher gewesen war , hatte sich inzwischen aus diesem Geschäft zurückgezogen und begnügte sich damit , die Reden anderer mit einigen Schlagwörtern zu begleiten . » Sagen Sie , liebe Hulen « , nahm Schimmelpenning das Wort , » wie heißt denn eigentlich der junge Herr , der bei Ihnen wohnt ? « » Vitzewitz , Herr Nuntius .