Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte . Niemand ließ es sich besonders angelegen sein , in ihm die dem Menschengeiste innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schließens zu Gunsten der uralten Mythen und der phantastischen Ueberlieferungen zu beschränken oder zu verwirren , aus denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt . Er hörte , daß sein Vater katholisch sei , auch der Herr Caplan , der sich im Verlaufe der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen , war ein Katholik , seine Pflegeeltern waren Protestanten , die ihm liebsten Menschen , Seba und ihre Eltern , waren Juden , und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem Glauben , zu dem er sich nicht selbst bekannte . Das zerstörte in dem Knaben unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen , und die hingeworfene Aeußerung der Kriegsräthin , daß der Herr Caplan wohl daran denken möge , Paul einmal katholisch zu machen , da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe , brachte diesem frühzeitig den Begriff bei , daß die Religion dem Menschen nicht angeboren , nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei , sondern daß man sie wählen oder wechseln könne . Sie däuchte ihm wie ein Stand , wie ein Beruf zu sein , den man sich erwähle , und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen Falles allgemeine Folgerungen ziehen , überraschte Paul eines Tages Seba und ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung , daß er nicht katholisch , sondern ein Jude werden wolle . Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn , wie man über Kinder zu lachen pflegt , wenn man sich nicht die Mühe nehmen will , ihren Aeußerungen nachzudenken ; aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt , daß Herbert , der um Seba ' s willen sich ihm zugewendet hatte , die Frage an ihn richtete , wie er darauf komme . Sie sagen ja , daß Sie wieder nach Richten fahren werden , da sollen Sie es dem Herrn Caplan bestellen , daß ich nicht katholisch werden will ! erklärte der Knabe . Aber weßhalb denn nicht ? fragte Herbert scherzend . Paul besann sich . Weil - hob er an , brach dann ab und sagte , als finde er nicht für gut , seine Gründe anzugeben , kurz und trocken : Ich will ein Kaufmann werden wie Dein Vater , Seba . Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei sich ! Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe , welche sich hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches , scharfe Schlüsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach Kinderart vermischten ; aber Herbert meinte , es sei nicht der übelste Gedanke , auf welchen der Knabe verfalle , wenn er Kaufmann werden wolle . Seba wendete ein , daß der Herr Caplan einmal geäußert , Paul solle , wenn er erwachsen sei , die Rechte studiren , da man ihn für den Staatsdienst bestimme ; Herbert jedoch legte darauf kein Gewicht . Der Herr Caplan wird nicht ewig leben , sagte er ; und was dann ? Seba antwortete ihm leise ; auch Herbert ' s Gegenrede wurde so leise gegeben , daß der Knabe fühlte , man wolle sie ihm entziehen ; indeß er hatte doch einzelne Worte vernommen , und diese reichten hin , ihn in der Voraussetzung zu bestärken , daß sein Vater sich nicht eben um ihn sorge , da in Schloß Richten Jedermann vollauf mit sich selbst zu thun habe . Am nämlichen Abende , als Seba sich mit dem Knaben allein befand , fragte er sie , was sie wohl thun würde , wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte . Ich würde mich bemühen , seine Liebe zu verdienen ! gab sie ihm zur Antwort . Ja , wenn Du bei ihm wärest ! meinte er ; aber wenn man nicht bei seinem Vater ist ? Dann würde ich suchen , mich so tüchtig und so brav zu machen , daß er stolz auf mich werden und mich zu sich rufen müßte ! Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet , denn er blickte sie unbefriedigt an , als wisse er sich nicht zu helfen , bis er nach einer Weile , sichtlich beruhigt durch die Lösung , welche er in sich gefunden hatte , achselzuckend sagte : Freilich , Du bist auch nur ein Mädchen , Du kannst nicht in die weite Welt gehen ! Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren , denn je mehr Paul heranwuchs , um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie , und was diese erschaffen hatte , dessen bemächtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des Knaben und spann es aus und hielt es fest , bis man bei irgend einem zufälligen Anlasse es gewahrte , daß er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen , einen eigenen Gedanken gefaßt habe . Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine Stufe zu der Selbständigkeit , durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge ablöst , um sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammtheit einzureihen und in derselben zu behaupten . Es ist schwer zu bemerken , dieses allmähliche Aufsteigen zur Selbständigkeit , schwerer noch , anzugeben , durch welche unscheinbaren Mittel und Anstöße es gefördert und geleitet wird . Es waltet auch hier , wie über allem Werden ein Geheimniß , das sich in dem Einen langsam , in dem Andern plötzlich enthüllt , so daß wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen : Ist dies dasselbe Wesen , das wir kannten ? Ist dies der Knabe , der Jüngling , der noch gestern vor uns stand ? Wir glauben ein Wunder zu sehen , weil wir nicht beobachtet , nicht verstanden haben , was geschah ; und nicht nur an Anderen , auch an sich selber glaubt man solche Räthsel , solche Wunder zu erleben , wenn man aus irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfen , wenn man