in Marburg hast Du wahrscheinlich wenig Zerstreuung , wer weiß , was Dir gelingt oder vielmehr einfällt , denn fiel es Dir ein , so fiel es Dir auch vom Himmel , aber dies schon so lang erharrte Phänomen will immer nicht sich ereignen . - Ich bitte Dich , schreibe bald , daß ich wieder ins Geleis Deiner Ereignisse und Erfahrungen komme ; es ist mir ganz tot hier , meine Augen hindern mich sehr am Schreiben . Caroline An die Günderode Lieber Widerhall , ich hab Dir was zu sagen von meiner schmerzlichen Langenweil , die ich bei allem empfinde , weil ich immer noch nichts von Dir weiß , ich mein , wann ich nicht rufe , so mußt Du rufen , aber nein , Du bist der Widerhall , und ich darf nun nicht eher hoffen , als bis mein Rufen bei Dir angeschlagen hat . Gestern hab ich meinen Brief zugemacht dem Bedienten mit auf die Post gegeben , und siehe , er brachte ihn mit einem großen Paket angekommener Briefe wieder zurück , in der Meinung , ihn dort für mich empfangen zu haben , jetzt ging er erst heute um vier Uhr ab , dies Verzögern , dies Vormirliegen meines Briefes , dem ich Flügel angewünscht hätte , und den ich gewohnt bin , nie eher zuzumachen , als bis er die Reise antritt , war mir sehr unheimlich , ich bin so gedächtnislos , daß wenn ich den Brief schließe , ich schon nicht mehr weiß , was er enthält ; und nur ein Nachgefühl läßt mir die Ahnung zurück , wie er Dich berühren werde ; aber bald fang ich an zu zweifeln , ob ' s nicht lauter Einbildung sei , daß ich mir denke , Dir tiefe innere Anschauungen mitgeteilt zu haben , und so fühl ich ermattende Zweifel , und ich denk , was soll doch das dicke Briefpaket , da kann doch unmöglich lauter Klugheit drin stehen , wo soll ich ' s her haben , ist ' s doch so leer mir im Kopf ! - Und dann tut mir ' s so leid , daß ich Dir nicht meine Seele konnt hingeben , nackt und bloß , wie sie Gott zu sich aufnimmt , daß ich statt ihrer Dir einen Schwall von Worten schickte , die suchen und suchen , Dir eine Flamme aus den Wassern dieses bodenlosen Ozeans , in dem wir alle schwimmen , entgegen zu hauchen ; da möcht ich den Brief aufbrechen und nur einen Augenblick wahrnehmen , daß ich ' s Herz auf der Zunge hatte , und doch kommt er mir so versiegelt vor , als sei er Dein Eigentum schon , was mich nichts mehr angeht , weil ' s immer Gott gleich von mir nimmt , sobald ich ' s in der Glut meines Angesichts hingeschrieben hab . Ja es ist mir ein paarmal geschehen , daß ich einen Brief von mir bei Dir gefunden hab , so war er mir ganz fremd , und die Worte und Gedanken wunderten mich recht . Heute hab ich also Deinen Brief unverletzt entlassen aus wahrer Pietät , weil er Dein gehört , und weil ich mich nicht in die Geheimnisse eindringen will , die Gott Dir durch meine Hand vertraut , denn sonst würde er nicht so schnell das Gedächtnis von mir nehmen , um so mehr kannst Du an das drin glauben , was vielleicht Dich berührt . Christian , der mir nach Frankfurt so ernste und liebende Briefe geschrieben hatte , vor denen ich mich oft schämte , weil sie viel höhere Kräfte mir zutrauten und wecken sollten , als je erwachen werden , der geht hier um mich herum und betastet mein Ingenium , und entdeckt , daß die Fundgruben des Genies zum Teil leer sind und die Felder des Wissens steinigter Acker , und das Licht der Begeistrung lauter Nebel , doch verläßt er mich nicht und sorgt für Lehrer . Der Schäfer sollte Geschichte mit mir treiben , da er aber sehr ernst und gründlich ist und durchaus will , daß der freie aufgeweckte Mensch mit vollem Interesse dabei sei , so konnte er ' s nicht mit mir aushalten , es ging gegen sein Gewissen , er hat dem Christian bedeutet , es sei besser , mich auf andre Weise zu beschäftigen ; da ich eine nervenangreifende Empfindung habe , wenn ich Zahlen wahrnehmen soll , wenn ich das Frühere vom Späteren unterscheiden soll , wenn ich Namen behalten soll , so sei es nicht möglich , bei gutem Gewissen mir Zeit und Geld zu rauben . Es tut mir leid , daß auch der mit Blindheit geschlagen ist über mich und von der närrischen Idee besessen , ich lerne , um was zu wissen , um Kenntnis zu sammeln ; Gott bewahr , da könnte ich nur innerlichen Raum mit Dingen ausfüllen , die mir im Weg sind , wenn sich ein Reisender viel Besitztum anschafft , so hat er erst die Not , alles unterzubringen , und hat er sich an Überflüssiges gewöhnt , so muß er einen Bagagewagen hinter sich drein fahren haben . Den Mantel umgeschwungen und damit zum Fenster hinaus und alles Gerümpel dahinten gelassen , das ist meine Sinnesart , lernen will ich wie Luft trinken . - - Geist einatmen , wodurch ich lebe , den ich aber auch wieder ausatme , und nicht einen Geistballast in mich schlucken , an dem ich ersticken müßt . Das will mir aber keiner zugeben , daß solche Unvernunft naturgemäß sei . Ich würde am End freilich nichts wissen , was ich ihnen gern zugebe , aber ich würde wissend sein , was die mir nicht zugestehen - aber durchgeistigt sein von des Wissens flüchtigem Salz , einen Hauch der Belebung durch es empfinden , einen Kuß , wenn Du ' s erlaubst , einen flüchtigen - dem ich eine Weile noch nachfühle , der in mir sich verwirklicht