? - Die Zunge des Bösen , der den Feind will verderben . Persisches Gleichniß . Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer . Die Osterfeiertage waren vor der Thüre , und alle Geschäfte des Raths , wie des Gerichts mußten bis auf den Punkt vorbereitet werden , die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu können . Die Kanzelleien waren angefüllt von fleißigen Schreibern , harrenden Boten , befehlenden und in die Feder sagenden Rathsherren ; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien , unter welchen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparne hin und her schlüpften , bald zu gütlichem Vergleich beredend , bald zu ernstem Streit vor dem Richter anhetzend . Gläubiger mit ihren Schuldnern , Treuenhänder mit ihren Mündeln , Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thüren aus , Thüren ein , und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude , die Säle ausgenommen , wo hinter schweren Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten , oder Bürgermeister und Rath im weiten Kreise versammelt saßen , des Regiments zu pflegen . Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln beladen , die Treppen auf und ab ; mürrische Rathsdiener schreckten durch die Gänge . Altbürger , im Bewußtseyn ihres städtischen Ansehens , und Gewichts , stiegen gravitätisch umher , und maßen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande , die , um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen , herbeigekommen waren , um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen . Nebst all diesen , mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beschäftigten Leuten , drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müßiger Gesellen , die heute schon die Osterzeit begonnen hatten , um allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau zu tragen , - und eine Menge Gesindels , das , keinem zünftigen Gewerbe zugethan , sein elend Stücklein täglichen Brods täglich aus der blauen Luft holt , wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und mit leichter Mühe aus der Furche den Waizen holt , der im Grunde nicht für sie bestimmt ist , und von welchem sie noch nicht wußte in verwichner Nacht . Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom Lande , die Andern zeigten den Fremden die Eingänge zu den verschiednen Kanzleien ; die Trägsten endlich bettelten geradezu die Vorübergehenden an , oder bildeten , an Mauer und Treppengeländer gelehnt , eine Straße von Gaffern , durch welche Alles hindurch mußte , um gehörig bewitzelt und beräuchert zu werden . Für diesesmal hatte jedoch der Mund dieser Faulthiere Feiertag , wie ihre beständig ruhenden Hände , und eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte , hinaus auf die Gasse , wie Menschen , die auf etwas Außerordentliches gespannt sind . Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls ruchtbar geworden , daß heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden . Dem Gesindel war es schon ein Fest , diejenigen von Angesicht zu sehen , gegen welche schon der Name ihres Volks den allgemeinen Hohn , die gräßlichste Erbitterung rege machte . Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm , und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Volke . Ursache genug , die grausame Neugier zu verdoppeln , und den Wunsch zu erhöhen , bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu hören , vollstrecken zu sehen . Denn ; todeswürdig , - so vernünftelte das Volk - todeswürdig müßte ihr Vergehen seyn , und unmenschlich die Strafe . - Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer , um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch Verwünschungen und Schmähungen noch schrecklicher zu machen . Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen . » Seht ihr den Rothkopf .. ? « flüsterten sie unter einander : » Kennt ihr den Juden , der sich taufen ließ ? Dort schleicht er die Treppe hinan . Was will der hier ? « - Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk , grüßte hier demüthig einen ihm begegnenden Vornehmen , der vor ihm ausspuckte ; warf dort einem bösen Schuldner , der ihm auswich , einen drohenden Wink zu ; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andächtig kriechend den Hut , und berührte darauf furchtsam die Zizis , die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen Brust trug , um den hochgelobten Gott der Sünde wegen , daß er den Sabbat entheiligen müsse , um Vergebung zu bitten . - Er verlor sich in den schwach erhellten Gang , der zu der Thüre der peinlichen Kammer führte . Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulengewölben harrenden Pöbel . Von starker Wache geleitet , schleppten sich in schwerer , schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens über die Stufen des Gebäudes : Der Greis Jochai und sein Sohn . Das Elend einer kurzen , aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt ; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen geröthet , ihre im Moderduft des Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt , denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen , die Nichts mehr von einander wußten . Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden , sich in gleichem Leide als Genossen zu finden , und von halb menschlichen Wächtern begünstigt , des Glücks genossen , sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher . Sie durften zwar kein Wort wechseln , aber ihre Blicke sagten sich genug , hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt . - Dieses Paar , in unscheinbare Überreste feiner Gewänder gehüllt , Haar und Bart triefend von Nässe , starrend von Schimmel und Moder , wankenden Fußes einherschreitend , niedergezogen von schleifenden Ketten , dieses Paar des Erbarmens , wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt . Nicht die Leiden der