der Verunglückten getan werden konnte , war sehr wenig ; der größte Teil der Arbeiter befand sich in den Gruben , kaum einige Mann standen dem Inspektor zur Verfügung ; aber die Weiber rannten in Sturmeseile , alarmierend und laut jammernd durch die Stadt nach dem Klostergute und drangen , umringt von einem immer stärker anwachsenden Menschenschwarm , bis in den Hausflur ... Ein zeterndes Wehklagen , in das sich das unwillige und drohende Gemurmel der mitgelaufenen Menschen mischte , hallte schauerlich von den alten Wänden wieder . Die Knechte und Taglöhner kamen aus dem Hinterhof herbeigestürzt : die Mägde aber verriegelten die Tür der Küche und verkrochen sich – sie glaubten nicht anders , als die aufgeregte Menge wolle den Herrn Rat massakrieren . Man klopfte nicht , sondern schlug unter Flüchen und Drohungen mit derber Faust an die Tür der Amtsstube , als der fahrlässige Grubenbesitzer nicht sofort erschien . Da flog drinnen der Riegel zurück und der Rat trat auf die Steinstufe heraus – er war ganz fahl im Gesicht vor Schreck und Bestürzung . Zwanzig Kehlen zugleich schrien ihm die Unglücksbotschaft zu . Dem sonst so kalt beherrschten , finsteren Mann wankten sichtlich die Knie ; er griff schweigend nach seinem Hut und schritt sofort durch die Leute , die sich ihm anschlossen , ohne daß er Kraft und Geistesgegenwart gefunden hätte , ihre lärmende Begleitung mit strengen Worten zurückzuweisen . Seine Knechte und Taglöhner und die beherzte Stallmagd liefen auch mit . Von diesem Auftritt in dem Hausflur hatte Mosje Veit keine Ahnung . Er war von dem Birnbaum herabgeklettert ; nachdem er auch den letzten Zipfel von » Tante Thereses « Kleid hinter dem Gebüsch hatte verschwinden sehen , war er nach der immer noch offenstehenden Gartentür in der Mauer gelaufen und hatte sie zugeschlagen und verschlossen . Nun sah sich die Tante gezwungen , in der Küchenschürze , ohne Hut und Schal über die Promenade zu gehen , wenn sie auf das Klostergut zurückkehren wollte – es geschah ihr ganz recht ; warum war sie fortgelaufen zu den fremden Leuten , die er und der Papa nicht ausstehen konnten ! Er hatte auch versucht , die bleichende Leinwand , die nicht gestohlen war , wie er gelogen , von den Pflöcken zu nehmen und sie zusammengerollt im Gebüsch zu verstecken ; das gab einen heillosen Schrecken und Arger für die Tante Therese ; aber für seine Hände waren die starken flachshaltigen Weben doch zu schwer – den Spatz mußte er sich vergehen lassen . Er biß dafür die im Grase liegenden Frühbirnen eine um die andere an und warf sie wieder hin , und griff schließlich zu seinem an der Mauer lehnenden Blasrohr , um nach den Spatzen zu schießen . Aber man kam ja gar nicht , um ihn zu suchen , wie das jeden Mittag geschah , wenn gegessen werden sollte ; und es mußte doch längst Tischzeit sein . Er lief durch den Hof und guckte in die Ställe und in die Gesindestube . Die Türen standen offen ; das Vieh brummte und blökte , aber keine Menschenseele war zu sehen , und auf dem weißgescheuerten Tisch in der Gesindestube lag weder das große Hausbrot , noch dampfte die mächtige Eßschüssel , die stets pünktlich , auf den Glockenschlag , gebracht wurde . Auch die Küche war leer . Aus der Bratröhre quoll heißer Dampf , und auf dem Herde kochte der Suppentopf über – das brodelte , zischte und schäumte , und Veit schob , kichernd vor innerer Wonne , ein dürres Holzstück um das andere in das Feuer ; es sollte brennen , brennen , bis kein Tropfen Suppe mehr im Topfe und der Braten in der Röhre zu Pulver verbrannt war ... Die » dummen « Mägde benutzten zu frech die Gelegenheit , da die Tante für einen Augenblick nicht zu Hause war , und standen irgendwo und klatschten zusammen ... Und richtig , als er in den Hausflur zurückkehrte , da sah er sie drüben am offenen Mauerpförtchen stehen und lebhaft mit mehreren Männern und Frauen verhandeln . Das sollte aber auch gleich auf der Stelle der Papa erfahren – er sollte sie beim Klatschen und Faulenzen erwischen . Veit klopfte an die Tür der Amtsstube , denn in der letzten Zeit hatte sie der Rat stets verschlossen gehalten , auch wenn er im Zimmer war – er behauptete , man laufe ihm neuerdings zu direkt und unverfroren in seine Arbeitsstube und störe ihn um jeder Kleinigkeit willen . Aber das Klopfen wurde drin nicht beachtet ; und so versuchte Veit , mit der Türschnalle zu rasseln – knarrend fiel die Tür zurück ; sie war nicht verschlossen gewesen und der Papa mußte fortgegangen sein – das Zimmer war leer . Für Mosje Veit war das eine kostbare Entdeckung . Er kramte für sein Leben gern in der Amtsstube , in den alten Scharteken , die sich auf den unteren Brettern der Büchergestelle hinreihten , und von denen viele alte grobe Holzschnitte enthielten . Er trat auch oft auf die Galerie und predigte über das Geländer herab in plärrendem Kanzelton , als sei die Amtsstube von einem andächtigen Auditorium erfüllt . Manchmal war es ihm auch geglückt , den Wandschrank auf der Galerie zu öffnen und die alten zinnernen Orgelpfeifen , die pausbäckigen Holzengel an das Tageslicht zu schleppen . Er lief spornstreichs die wenigen Stufen hinauf und blieb plötzlich stehen , während seine intelligenten Augen auffunkelten wie die eines Fuchses , dem eine willkommene Beute zuläuft – da war ja wieder einmal dem Heiligen auf der Holzwand der Arm ausgerissen ! ... Der Spalt , der so unbarmherzig das segnend ausgestreckte Glied von dem Rumpfe schnitt , erwies sich zwar diesmal kaum halb so breit und gähnend wie neulich ; aber er war doch sichtbar und lief in scharfer Linie durch die Holzschnitzereien bis hinunter auf die Dielen , wie eine Türluke . Der Knabe bückte sich – ein Stückchen Holz , vielleicht an der