vor sie hin . „ Ihr kennt Euren alten Lehrer als mitleidig gegen jede Kreatur Gottes und Ihr wollt ihn verdammen , weil er sich dieses unglücklichen Fräuleins erbarmte , das Alle hassen , mit dem Keiner Erbarmen hat . Ihr haltet mich für einen Gottlosen , weil ich hoffte , dies verirrte und doch so edle Wesen werde seinen Gott auch wiederfinden , und weil ich ihr helfen wollte , ihn zu suchen ? — Ja , hebt nur Eure Steine auf , — seht , ich ziehe das Käppchen ab und biete Euch meinen weißen Scheitel dar — wessen Hand hat wohl die Kraft , danach zu zielen ? “ Der alte Mann stand mit entblößtem Haupte und hielt das Mützchen in den gefalteten Händen . Der Abendwind spielte in den silbernen Locken und leise fielen die aufgerafften Steine wieder zur Erde . Da zog Johannes sanft seinen Arm herab und zwei Lippen hauchten heimlich einen Kuß auf seine welke Hand . Es war Ernestine . Johannes sah es und seine Augen wurden feucht . Sie konnte fühlen — sie konnte dankbar sein ! Er wechselte einen frohen Blick mit dem Greis , dem dieser schöne Dank geworden . „ ’ S ist ein alter , schwacher Mann , “ murrten die Leute , „ man muß ihn laufen lassen . Er meint ’ s gut — laßt ihn nur ! “ „ Ich gehe und hole die Geistlichen , “ sagte Leonhardt leise zu Johannes und stieg die Treppe hinab . Ruhig schritt er mitten unter den Knäuel hinein , der ihn durchließ , aber sich schnell hinter ihm wieder zusammenballte . „ Kommen Sie , “ sagte Johannes und hob Ernestine wieder zu sich empor . „ Wir wollen versuchen , der peinlichen Szene mit Gewalt ein Ende zu machen . “ Er trug sie mehr , als er sie führte , die Stufen hinab . „ Platz da ! “ befahl er mit gebieterischer Stimme . Die Vordersten wichen auseinander . Da erschien Frau Keller wieder unter der Tür . Sie hielt den Weihwasserkessel , der über ihrem Bette gehangen , in der Hand und besprengte die Stelle , wo Ernestine gestanden , mit dem Wasser . Ein tobender Beifall belohnte die fromme Handlung der Frau . Ernestine , die sich umgewendet , erbleichte . Schwere Tränen zitterten ihr im Auge , ein Schwindel ergriff sie , und Johannes mußte sie halten , sonst wäre sie zusammengebrochen . „ Mut , Mut , “ flüsterte er ihr zu , „ wie kann Sie um dieser Albernheit willen Ihre Fassung verlassen . “ „ Seht Ihr ? Sie erträgt das Weihwasser nicht , — Steinwürfe hat sie ausgehalten , aber ein paar Wassertropfen werfen sie um . “ So schrieen Weiber und Männer durcheinander und aufs Neue entbrannte die Wut . „ Ist es denn möglich , “ rief Johannes , alle Vorsicht hintansetzend : „ Ist es denn möglich , daß im neunzehnten Jahrhundert , inmitten aller Zivilisation , noch so viel Dummheit auf einem Fleck Erde beisammen ist ! Glaubt Ihr denn wirklich , daß , wenn das Fräulein hexen könnte oder mit dem Teufel im Bunde wäre , — sie sich hier von euch mißhandeln ließe , daß sie sich nicht schon längst von hier weg oder Euch etwas an den Hals gewünscht hätte ? Glaubt Ihr wirklich , sie höre Euer albernes Geschwätz zu ihrem Vergnügen mit an oder fühle sich angenehm durch Eure Steinwürfe berührt ? Die schmerzliche Geduld , mit der sie so unerhörte Beschimpfungen erträgt , kann Euch beweisen , daß ihr keine übernatürliche Kraft zu Gebote steht — ja nicht einmal die einer rohen Seele wie die jener andern Dame , über die Ihr mit Recht entrüstet wäret . — Ich aber sage Euch , daß meine Kraft ungebrochen , meine Geduld aber gerissen ist , und daß meine Macht , wenn sie auch keine übernatürliche ist , doch so weit reicht , um Exzesse , wie der Eure , zu unterdrücken und Euch eine Anzahl böser Geister in Gestalt einer Abteilung von Gendarmen herbeizuzaubern . — Deshalb gebt Ruhe und laßt uns unbehelligt unseres Weges gehen ; mit jedem Augenblick der Zögerung wächst die Schwere der Anklage , die ich vor Gericht gegen Euch erheben werde . “ Damit schlang er einen Arm um Ernestine und mit dem andern schaffte er sich Raum , um sie durch die Menge zu führen , welche über die letzte Anrede betroffen , wenn auch murrend zu beiden Seiten auseinander wich . Jetzt eilten auch die Geistlichen , von dem Schulmeister gefolgt , mit allen Zeichen der Bestürzung herbei . „ Sie kommen zu spät , meine Herren , um zu verhüten , was Ihrer Gemeinde ein unverlöschliches Schandmal aufdrückte , “ sprach Johannes mit ungewohnter Strenge , und sein Blick ruhte durchdringend auf den bestürzten Gesichtern . „ Ich habe dergleichen in unserer Zeit für unmöglich gehalten , — Sie , meine Herren , haben dafür gesorgt , mich eines Besseren zu belehren und unsere Kulturgeschichte um einen unerhörten Abschnitt zu bereichern . Ich bin völlig im Klaren darüber , aus welcher Quelle die Flut der Schmähungen floß , die jene verführten Leute über Fräulein von Hartwich ergossen und , meine Herren , ich mache Sie verantwortlich für die Herstellung der Ordnung und für die Sicherheit dieser Dame . “ Er zog Ernestinens Arm fester in den seinen und schritt weiter , ohne eine Antwort der Geistlichen abzuwarten , welche sprachlos vor Schreck und Verlegenheit dastanden und dem großen Mann wider Willen mit einer Art von Ehrfurcht nachblickten . — Schweigend erreichte das schöne Paar das Schloß und trat in den Garten . Ernestine ließ sich willenlos durch die buschigen Gänge desselben führen . Unwillkürlich lenkte Johannes den Schritt nach dem Hügel , wo er sie zum ersten Male wiedergesehen . Er hatte bereits den Entschluß gefaßt , Ernestine nicht hier zu lassen , er wußte sie nur sicher unter