meisten , Eberhard von Auffenberg . Philippine hockte häßlich zusammengekauert neben dem Inspektor , und hätte sie nicht an ihren Fingernägeln gebissen , so hätte man glauben müssen , sie schlafe . Während das Brautpaar zum Altar schritt , fiel plötzlich die volle Sonne durch die Kirchenfenster , und es wirkte eigentümlich rührend , als dabei Lenore das Haupt erhob , den Schleier zurückstreifte und mit schimmernden Augen das goldene Licht empfing . Der alte Jordan hatte die Stirn auf das Betpult gelegt und sein Rücken zitterte . 14 Spät in der Nacht , und in unsinniger Erregung , weil eines hochzeitlichen Bettes denkend , das ihn den äußersten Qualen der Eifersucht preisgab , spielte Herr Carovius auf seinem Klavier die Revolutionsetüde von Chopin . Immer wieder begann er von vorn , immer wuchtiger wurde sein Anschlag , immer toller das Tempo , immer großartiger der Schwung seiner Gebärden und immer drohender sein Gesicht . Er hielt Abrechnung mit dem Weibe , das er leibhaftig vor sein neronisches Tribunal nicht ziehen konnte und schüttete , was er gegen den Musiker Nothafft auf dem Herzen hatte , in die Musik eines andern . Der Neid des Nachempfinders vergriff sich am Schöpfer , die Ohnmacht des Schmeckers raste gegen den Koch . Es war , wie wenn ein durchgefallener Komödiant in der Wildnis deklamiert , wo ihm nur das Echo seiner eigenen Stimme antwortet . Sein Haß gegen das Allgemeine , gegen die Einrichtungen der Gesellschaft , gegen Gesetz und Wohlfahrt , Staat und Familie , Liebe und Ehe , Weib und Mann war zur höchsten Flamme aufgelodert . Selten hat einer so sich selber aufgerissen , zerfleischt und besudelt wie dieser entbürgerte Bürger , indem er musizierte . Er machte die Musik zu einer ausschweifenden Orgie , zu einem erniedrigenden Laster . » Genug ! « röchelte er , mit einer grellen Disharmonie schließend . Er schlug krachend den Deckel des Instruments zu und warf sich in einen abgeschabten Ledersessel . Was sein inneres Auge sah , spottet des Wortes . Er war in dem Haus dort . Er hatte die Macht , seinen Nebenbuhler zu zerschmettern . Er durfte das Weib mißhandeln , das ihm durch die Tücke der Umstände versagt war . Er züchtigte sie , er zog die Wimmernde bei den Haaren aus dem Bette der Lust . Er weidete sich an ihrer Scham , wie auch an den zornigen Zuckungen des geknebelten Musikers . Er ersparte ihnen keine Beschimpfung , die ganze Stadt war Zeuge seines Strafgerichts , und alle Menschen fürchteten sich vor ihm . So befriedigt der Kleinbürger seinen Rachedurst . So ahndet der Nero unserer Zeit die Verbrechen , die die Menschheit dadurch an ihm verübt , daß sie sich Genüsse und Glücksgüter verschafft , deren er nicht teilhaftig werden kann . Weil er aber heute mehr als je seine grauenhafte Verlassenheit empfand und ihm das Unrecht zu Bewußtsein kam , welches ihm der eine Mensch zufügte , an dem er seit Jahren mit hündischer Treue hing und der ihn jetzt mied , wie man einen zum Dienst nicht mehr tauglichen Hund meidet , so beschloß er in seinem erbitterten Gemüt , hierfür eine Sühne zu nehmen , die nicht in bloßen Phantasiespielen bestand . Mit diesem Vorsatz suchte er endlich den Schlaf . 15 Der Inspektor hauste nun allein in den beiden Dachstuben . Er hatte sich von selbst erbötig gemacht , an Lenores Stelle die Schreibarbeiten anzufertigen , und die Arbeitgeber hatten sich damit einverstanden erklärt . So verdiente er wenigstens die Miete und konnte auch ein paar Taler für seine Beköstigung zahlen . Lenore und Daniel schliefen in dem vorderen Eckzimmer ; in der Wohnstube , wo jetzt auch das Klavier stand , arbeitete Daniel . Philippine und Agnes blieben in der Kammer neben der Küche . Noch immer band Lenore Blumen , noch immer bezog sie von dem mysteriösen Unbekannten reichlichen Lohn dafür . Sie trieb diese Beschäftigung nicht in Daniels Nähe , sondern in ihrem früheren Stübchen unterm Dach . Da saß oft der Vater bei ihr und schaute ihr gedankenvoll zu . Sie hatte bisweilen das Gefühl , als ob er um alles gewußt habe , was zwischen ihr und Gertrud und Daniel vorgefallen war , und als habe er nur in unendlicher Zartheit und Bescheidenheit , wohl auch in Furcht und Schmerz , darüber geschwiegen . Denn vor dieser Zeit war er nie bei ihr gewesen , hatte sie nie so still angeschaut , war immer vorübergegangen , immer bestrebt gewesen , allein zu sein . Es dünkte ihr , als wisse er überhaupt vieles von Menschen und Dingen und schweige nur aus sanfter und mitleidiger Überlegenheit . Daniel lebte nicht viel anders denn vor der Hochzeit . Nächtelang saß er am Tisch und schrieb . Oft traf ihn die frühaufstehende Lenore , mit der Feder in der Hand und eingeschlummert . Dann lächelte sie eigen und weckte ihn durch einen Kuß auf die Stirn . Er schrieb die Noten aus dem Kopf wie andere Leute ihre Briefe . Er brauchte gar kein Instrument mehr zur Probe und Unterstützung . Einmal zeigte er Lenore achtzehn verschiedene Fassungen von ein und derselben Melodie . Die ganze Arbeit der Nacht hatte darin bestanden , zu ändern und wieder und wieder zu ändern . Lenores Herz war beklommen , und beinahe hätte sie gefragt : Für wen , Daniel ? Alles für die Truhe ? Langsam fing sie an zu begreifen , daß nicht der grübelnde Verstand die Stufenfolge der Vollendung erzwingt , sondern der sittliche Wille . Es kam wie ein Blitz , daß sie eines Tages das dämonische Element in diesem Trieb erkannte , den sie ehedem seiner Bastelsucht und seinem nörglerischen Wesen hatte zuschreiben wollen . Da schauderte sie vor der ungeahnten Not und fühlte Erbarmen mit dem Mann , der sich in Finsternis vergrub , um die Welt lichter zu machen . Die Welt ? Was wußte die Welt von den Gebilden ihres Daniel ? Opus