? Was bedeutet das alles , da du mich doch immer allein gelassen hast ... allein auch in dem Augenblick , da mein Leib den Keim des Wesens eintrank , das ich neun Monate in mir getragen , das dazu bestimmt war , als unser Kind bei fremden Leuten zu leben und das nicht auf Erden hat bleiben wollen . Aber während all dies schwer in seine Seele sank , gab er ihr mit leichten Worten zu , daß sie wirklich nicht unrecht hätte , und daß Briefe und seien sie selbst zwanzig Seiten lang nicht sonderlich viel enthalten könnten ; und während ein peinigendes Mitleid mit ihr in ihm aufquoll , sprach er linde die Hoffnung auf eine Zeit aus , in der sie auf Briefe beide nicht mehr angewiesen sein würden . Und dann fand er zärtlichere Worte , erzählte von seinen einsamen Spaziergängen in der Umgebung der fremden Stadt , wo er ihrer dächte ; von den Stunden in dem gleichgültigen Hotelzimmer , mit dem Blick auf den lindenbepflanzten Platz und von seiner Sehnsucht nach ihr , die immer da war , ob er allein über seiner Arbeit saß , oder Sänger am Klavier begleitete oder mit neuen Bekannten plauderte . Aber als er mit ihr vor dem Haustor stand , ihre Hand in der seinen , und ihr mit einem heitern » Auf Wiedersehen « in die Augen blickte , sah er betroffen in ihnen eine müde , kaum mehr schmerzliche Enttäuschung verglimmen . Und er wußte : Alle die Worte , die er zu ihr gesprochen , nichts , weniger als nichts hatten sie ihr zu bedeuten gehabt , da das einzige , das kaum mehr erwartete und immer wieder ersehnte doch nicht gekommen war . Eine Viertelstunde später saß Georg auf seinem Parkettsitz in der Oper , zuerst noch ein wenig verdrossen und matt ; bald aber strömte die Freude des Genießens durch sein Blut . Und als Brangäne ihrer Herrin den Königsmantel um die Schultern warf , Kurwenal das Nahen des Königs meldete und das Schiffsvolk auf dem Verdeck im Glanz des aufleuchtenden Himmels dem Land entgegenjauchzte , da wußte Georg längst nichts mehr von einer übel verbrachten Nacht im Kupee , von langweiligen Bestellungsgängen , von einem recht gezwungenen Gespräch mit einem alten , jüdischen Doktor und von einem Spaziergang über feuchtes Pflaster , in dem das Licht der Laternen sich spiegelte , an der Seite einer jungen Dame , die brav , vornehm und etwas gedrückt aussah . Und als der Vorhang zum erstenmal gefallen war und das Licht den rotgoldenen Riesenraum durchflutete , fühlte er sich keineswegs in unangenehmer Weise ernüchtert , sondern es war ihm vielmehr , als tauchte er sein Haupt von einem Traum in den andern ; und eine Wirklichkeit , die von allerhand Bedenklichem und Kläglichem erfüllt war , floß irgendwo draußen machtlos vorbei . Niemals , so schien es ihm , hatte die Atmosphäre dieses Hauses ihn so sehr beglückt wie heute ; nie war seiner Empfindung so offenbar gewesen , daß alle Menschen für die Dauer ihres Hierseins in geheimnisvoller Weise gegen allen Schmerz und allen Schmutz des Lebens gefeit waren . Er stand auf seinem Eckplatz vorn im Mittelgang , sah manchen wohlgefälligen Blick auf sich gerichtet und war sich bewußt , hübsch , elegant und sogar etwas ungewöhnlich auszusehen . Und war nebstbei auch das erfüllte ihn mit Befriedigung ein Mensch , der einen Beruf , eine Stellung hatte , und selbst hier , im Theater , mit Auftrag und Verantwortung gewissermaßen als Abgesandter einer deutschen Hofbühne saß . Er blickte mit dem Opernglas umher . Aus den hintern Parkettsitzen grüßte ihn Gleißner mit einem etwas zu vertraulichen Kopfnicken , und schien gleich nachher der neben ihm sitzenden jungen Dame die Personalien Georgs zu erläutern . Wer mochte sie sein ? War es die Dirne , die der mit Seelen experimentierende Dichter zur Heiligen , oder war es die Heilige , die er zur Dirne machen wollte ? Schwer zu entscheiden , dachte Georg . In der Mitte des Wegs mochten sie ja ungefähr gleich ausschauen . Georg fühlte die Linsen eines Opernglases auf seinem Scheitel brennen . Er sah auf . Else war es , die von einer Ersten-Stock-Loge auf ihn herabschaute . Frau Ehrenberg saß neben ihr , und zwischen ihnen beugte sich ein hochgewachsener junger Mann über die Brüstung , der kein anderer war , als James Wyner . Georg verbeugte sich und zwei Minuten später trat er in die Loge , freundlich , aber keineswegs mit Erstaunen begrüßt . Else in schwarz samtnem , ausgeschnittenem Kleid , eine schmale Perlenkette um den Hals , mit einer etwas fremden , aber interessanten Frisur streckte ihm die Hand entgegen . » Wieso sind Sie denn eigentlich da ? Urlaub ? Entlassung ? Flucht ? « Georg erklärte es kurz und wohlgelaunt . » Es war übrigens nett « , sagte Frau Ehrenberg , » daß Sie uns ein Wort aus Detmold geschrieben haben . « » Das hätte er auch nicht tun sollen ? « bemerkte Else , » da hätt man ja glauben können , daß er mit irgendwem nach Amerika durchgegangen ist . « James stand mitten in der Loge , groß , hager , gemeißelten Antlitzes , das dunkle , glatte Haar seitlich gescheitelt . » Nun sagen Sie Georg , wie fühlen Sie in Detmold ? « Else sah zu ihm auf , mit gesenkten Wimpern . Sie schien entzückt von seiner Art , das Deutsche noch immer so zu sprechen , als müßte er sich ' s aus dem Englischen übersetzen . Immerhin nützte sie es zu einem Witz aus und sagte : » Wie Georg in Detmold fühlt ? Ich fürchte , James , deine Frage ist indiskret . « Dann wandte sie sich an Georg : » Wir sind nämlich verlobt . « » Es sind noch keine Karten ausgeschickt « , fügte Frau Ehrenberg hinzu . Georg brachte seine Glückwünsche dar .