des Menschen aber ist im Jenseits daheim , aus welchem er stammt . Irdische Orte können ihm , falls er dort Liebe findet , zu einem vorübergehenden Heime werden , doch nur für hier , nicht aber auch für dort . Oder doch vielleicht ? Wo habe ich mir dieses Hier und wo jenes Dort zu denken ? Sollte es trotz alledem möglich sein , daß der » sogenannte « Tod nicht die Macht besitzt , dem wirklichen Leben Grenzen zu setzen ? Weder räumliche noch zeitliche ? Hatte nicht soeben da drin im Zimmer Waller mit seiner Frau gesprochen ? Ein Lebender mit einer Verstorbenen ? Oder war das nicht Wirklichkeit , sondern nur Traum , nur Fieber , nur Wahnsinn ? Da horch ! Es gab drin im Gemache ein Geräusch . Ich ging leise hinein . Der Kranke lag im Schatten , doch konnte ich seine Gesichtszüge unterscheiden . Er sprach sehr , sehr leise mit sich selbst . Da setzte ich mich an den Tisch und lauschte . Das Flüstern wurde vernehmbarer . Ich konnte einzelne Worte , dann aber bald ganze Sätze verstehen . Für mich waren sie ohne Zusammenhang , wohl aber nicht für ihn . Doch plötzlich rief er so laut und so deutlich , als ob es Viele , sehr Viele hören sollten : » Gebt was Ihr bringt , doch bringt nur Liebe mit , Das Andere alles sei daheim geblieben ! « Woher hatte er diese Zeilen ? Natürlich von seiner Tochter ! Aber auf welche Weise ? Kann ein Mensch , der ohne Besinnung liegt , sehen oder hören und sich sogar auch merken , was Andere lesen ? Indem ich mich dies fragte , fuhr er mit wieder gesunkener Stimme fort : » Du stehst bei mir ; ich sehe dich im Licht , wie ich dich nie vorher so licht gesehn . Bist du die Liebe ? Bist du dies Gedicht ? Was ist mit dir , was ist mit mir geschehn ? Hab ich an dich , die Liebe , denn gedacht , als meine Seele noch am Eifer hing ? O sag , wer hat dich zum Gedicht gemacht , grad als ich mich so schwer an dir verging ? « Er schloß in leisem , klagendem Tone , langsam und ruhig sprechend ; nun aber fuhr er hastig fort : » Wer drückte Petri Schwert mir in die Hand , vor welchem nur der Knecht den Nacken beugt ? Wer machte es in ihr zum Feuerbrand , der gegen meinen eigenen Glauben zeugt ? Wer gab mir aus der Heimat Alles mit , was christlich heißt und doch nicht christlich ist - - - ? War ' s der etwa , der an dem Kreuze litt - - - ? « Er hob die dürre , skelettartige Hand empor , als ob er eine Vision vor sich habe , und schloß , schwer und wieder langsam sprechend : » Sag mir , o Christus , sag , ob du es bist ! « Die Hand blieb einige Zeit erhoben ; dann sank sie ruckweise , wie zögernd , nieder . Ueber seine soeben noch erregten Züge glitt ein helles , warmes Lächeln ; er schüttelte wenn auch nur schwach , doch bemerkbar den Kopf und sprach , sich selbst beantwortend : » Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt , Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben . « Hierauf legte er die Hände zusammen wie ein Kind , welches sich über Etwas freut , und sprach in frohem Tone weiter : » O nein , o nein ; so weit der Himmel reicht , erklingt noch heut dein großes Liebeswort , und jeder Tag , der aus dem Morgen steigt , verkündet es der Menschheit weiterfort . Du hast gelebt - - zu unserer Seligkeit ; du hast geliebt - - geliebt die ganze Welt ; im Leben der Geringste deiner Zeit , bist du im Lieben ewig , ewig Held ! « Trotz seiner großen Schwäche hatte er seine Stimme zum Tone der Begeisterung erhoben . Das schien ihn angegriffen zu haben ; er schloß die Augen , welche er offen gehabt hatte , und lag längere Zeit ohne Wort und Bewegung da . Dann sah ich , daß er die Hand erhob und sie bewegte , als ob er Jemand zu sich herwinke . Dabei sagte er : » Gib mir die Hand ! Ich will dein Eigen sein ; du hast mich früher ja so oft geführt . Ich handle falsch , ich gehe irr allein ; das hab ich , als du fehltest , ja gespürt . Du gingst zwar fort , in jenes Christenland , wo auch die seligen Heiden Christen sind , doch ist dir ja der Weg zu mir bekannt ; o komm , o komm , du lichtes Himmelskind ! « Wer war es , der ihm in Gestalt seiner Frau vorschwebte ? Ein Truggebilde , ihm vom Traume , vom Fieber , vom Wahnsinn vorgetäuscht ? Er sprach mit diesem Wesen , in kurzen , abgebrochenen Sätzen , und so leise , daß ich nichts verstehen konnte . In den Zwischenpausen lauschte er , als ob er Antwort höre . War es die Hand des Traumes , des Fiebers , des Wahnsinnes , welche alle Spuren der Qual , des Leides aus dem armen , eingefallenen Gesicht strich ? Es lag so rührend ergeben , so zufrieden lächelnd da , fast selbst wie eine Vision , auf dem hellen , weichen Kissen ! Erst nach längerer Zeit verstand ich wieder , was er sagte , ein bittendes Wort : » O , falte mir die Hände jetzt ; ich will zum Vater treten . Ich habe sein Gebot verletzt und muß um Gnade beten . « Ich sah gespannt zu ihm hin . Seine Hände näherten sich einander ; sie falteten sich , aber nicht als ob er dies selbst tue