Wille , nicht ihre Pflicht , wenn sie für den Vater etwas besorge ; seine Magd sei sie nicht ! Sie habe es in der Fremde besser kennen gelernt . Und wenn er sie etwa zwingen wolle , dann werde sie auf der Stelle gehen ; sie habe keine Pflicht , ihm zu gehorchen , da er ihr das Erbteil vertan habe . Der Büttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt , vieles zu ertragen . Es schien fast , als wolle er auch den Rutenstreichen , die ihm seine Jüngstgeborene erteilte , geduldig den Rücken hinhalten . Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes-und Vaterwürde . Ernestine hatte sich geweigert , die Grube hinter dem Hause auszuschöpfen ; diese Art Beschäftigung sei unter ihrer Würde , erklärte sie . Das brachte bei dem Alten das Maß zum Überlaufen . Seit Menschengedenken hatten im Büttnerschen Hause die Frauen diese Arbeit versehen . Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal gegen die althergebrachte gute Sitte auflehnen ! - Diesmal machte der Bauer von seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch . Er holte den Haselstock aus der Ecke hervor , den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte ; der hatte auf ihrem und der Geschwister Rücken gar manchen Tanz aufgeführt . Das Mädchen war klug genug , es nicht zum Äußersten kommen zu lassen . Sie kannte den Vater in der Wut . Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbeit ; der Alte stand mit dem Stocke daneben als Wache , bis sie die ganze Grube ausgetragen hatte . Ernestinens Antwort auf diese Demütigung war , daß sie , ohne ein Wort zu sagen , aus dem väterlichen Hause wegzog ; ihre sieben Sachen nahm sie mit sich . Sie wohnte fortan im Dorfe zur Miete . Der Vater dürfe sie nicht zwingen , bei ihm zu leben , erklärte sie , da er ihr nichts zum Leben gebe . - So fand Gustav die Verhältnisse , als er nach Halbenau zurückkehrte . Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner . Sein erster Gang , nachdem er Frau und Kind begrüßt hatte , galt dem Bauerngute . Was hatte sich da alles verändert seit dem Frühjahre , wo er in die Fremde gegangen war : das Gut in fremde Hände übergegangen , zerstückelt , ausgeraubt ! Scheune , Keller , Stall leer ! Im Hause alles verwahrlost und verwildert ! Die Mutter gestorben ! Dazu die Kinder alle fortgezogen ! Karl mit seiner Familie in ein anderes Dorf , Toni in die Stadt . Und nun zum letzten noch Ernestinens Auflehnung ! Gustav , der den Vater seit einem halben Jahr nicht gesehen , fand ihn furchtbar verändert . Der Alte war teilnahmslos und stumpf geworden . Selbst die Rückkehr seines Lieblingssohnes riß ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrüten . Sein Leben war schlechter als das eines Hundes . Seit Ernestine das Haus verlassen , war nicht mehr gekocht worden . Kohlenvorräte und Holz fehlten . An Eßwaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller . Der alte Mann lebte von Milch , in die er sich etwas Brot schnitt . Sein Bart war ihm langgewachsen , umgab als gelbgraue , struppige Krause das ausgemergelte Gesicht . Die Augen lagen in tiefen dunklen Höhlen . Seine Kleider starrten von Schmutz . Er ging nicht mehr aus dem Hofe . In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht gesehen . Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah , rannte er hinauf in die Dachkammer , schloß sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen keine Antwort . Dem Sohne fiel das Herz vor die Füße , als er diese Dinge wahrnahm . Viel zu helfen war hier nicht ! Das Gut konnte er dem Vater ja doch nicht zurückerobern . Gustav sorgte dafür , daß wenigstens Vorräte ins Haus kamen . Dann machte er einen Versuch , Ernestine zum Vater zurückzuführen ; aber der scheiterte an dem Eigensinn des Mädchens . Gustav veranlasse infolgedessen Paulinen , täglich einige Stunden auf das Bauerngut zu gehen , dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst für seine Notdurft zu sorgen . * * * Weihnachten war herangekommen . Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief an mit dem Poststempel Berlin . Toni schrieb an Ernestine , sie werde zum Heiligenchrist nach Halbenau kommen . Ihr » Chef « habe ihr Urlaub gegeben , damit sie sich zu Hause auskurieren solle . Sie habe nämlich vom vielen Stehen geschwollene Beine bekommen , daß sie kaum noch Schuhe über die Füße ziehen könne . Ernestine ließ Tonis Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen . Er war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süß ; der Inhalt war Kauderwelsch . Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben . Niemand freute sich sonderlich auf Tonis Kommen . Die Geschwister hatten sie schon so gut wie vergessen . Man wunderte sich höchstens , wo sie das Geld zu der weiten Reise hernehme . Eines Tages , in der letzten Woche vor dem Feste , kam Therese von Wörmsbach nach Halbenau herüber . Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzählte , Tonis Kind sei am Tage zuvor gestorben . Sie war hauptsächlich nach Halbenau gekommen , um bei den Familienmitgliedern eine Beisteuer für das Begräbnis zu erbitten . Man empfand es allgemein als Segen , daß das Würmchen gestorben . Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbnis . Sie waren beide noch nicht bei den Geschwistern in Wörmsbach gewesen . Als sie zurückkamen , konnten sie nicht genug davon erzählen , wie traurig es dort sei . Das Haus , eine Hütte , die jeden Augenblick einzustürzen drohte , die Kinder elend und zerlumpt , Karl dem Trunke ergeben und schlecht gegen seine Frau , Therese völlig herunter von dem Jammerleben ! Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners , ihres streitbar zufahrenden Wesens wegen . Aber jetzt