« stöhnte ich , nachdem er sich entfernt hatte , » das war eine Qual ! « » Ja , das war es , « bestätigte Friedrich . » Besonders unsere Unaufrichtigkeit war mir nicht behaglich - die falsche Voraussetzung nämlich , unter welcher wir ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben . Einen Augenblick drängte es mich , ihm zu sagen : Halten Sie ein , hochwürdiger Herr , ich selber hege die gleichen Ansichten gegen den Krieg , wie meine Frau , und was Sie sprechen , soll mir nur dazu dienen , die Schwäche Ihrer Argumente näher zu untersuchen . Aber ich schwieg . Wozu eines redlichen Mannes Überzeugung - eine Überzeugung , die noch dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist - verletzen ? « » Überzeugung ? - bist Du dessen sicher ? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu sprechen , oder bethört er seine Soldatengemeinde absichtlich , wenn er ihr den sicheren Sieg verspricht , durch den Beistand eines Gottes , von dem er doch wissen muß , daß er von dem Feinde gerade so angerufen wird ? Diese Berufungen auf » unser Volk « , auf » unsere « , als die einzig gerechte Sache , die zugleich Gottes Sache ist , die waren doch nur möglich zu einer Zeit , da ein Volk von allen übrigen Völkern abgeschlossen , sich für das einzig Daseinsberechtigte , das einzig Gottgeliebte hielt . Und dann diese Vertröstungen auf den Himmel , um desto leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen , alle diese Ceremonien - Weihen , Eide , Gesänge - welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so beliebte » Todesfreudigkeit « ( mir graut vor dem Worte ) erwecken sollen , ist das nicht - « » Alles hat zwei Seiten , Martha , « unterbrach Friedrich . » Weil wir den Krieg verwünschen , erscheint uns Alles , was ihn stützt und verschönt , was seine Schrecken verschleiert , hassenswert . « » Ja , natürlich , denn dadurch wird das Gehaßte erhalten . « » Nicht dadurch allein ... Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern festgewurzelt , und so lang sie da waren , war ' s doch auch gut , daß diejenigen Gefühle und Gedanken bestanden , durch die sie verschönt - durch die sie nicht nur erträglich , sondern sogar beliebt gemacht wurden . Wie viel armen Teufeln half jene anerzogene » Todesfreudigkeit « über das Sterbensweh hinweg ; wie viel fromme Seelen bauten vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte Gotteshilfe ; wie viel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefühl ward nicht durch jene Ceremonien geweckt und befriedigt , wie viel Herzen schlugen nicht höher bei den Klängen jener Gesänge ? Von allem Leid , das der Krieg über die Menschen gebracht hat , ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen , welches wegzusingen und wegzulügen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen ist . « Wir wurden von Berlin sehr plötzlich wieder abberufen . Eine Depesche meldete mir , daß Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wünsche . Ich fand die alte Frau von den Arzten aufgegeben . » Jetzt ist die Reihe an mir , « sagte sie . » Eigentlich gehe ich recht gern ... Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hingerafft wurden , hat es mich ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut - von diesem Schlag konnte ich mich nie mehr erholen ... Drüben werde ich die Andern wiederfinden ... Konrad und Lilli sind dort auch vereint ... es war ihnen nicht bestimmt , auf Erden vereint zu werden ... » Wäre zu rechter Zeit abgerüstet worden - « wollte ich zu widersprechen beginnen , aber ich hielt mich zurück : mit dieser Sterbenden konnte ich doch keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingstheorie » Bestimmung « zu rütteln versuchen . » Ein Trost ist mir , « fuhr sie fort , » daß wenigstens Du glücklich zurückbleibst , liebe Martha ... Dein Mann ist aus zwei Feldzügen zurückgekehrt - die Cholera hat euch verschont - es hat sich deutlich erwiesen , daß ihr bestimmt seid , miteinander alt zu werden ... Trachte nur , aus dem kleinen Rudolf einen guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen , damit sein Großvater noch da oben seine Freude an ihm haben möge « ... Auch darüber schwieg ich lieber , daß ich fest entschlossen war , aus meinem Sohne keinen Soldaten zu machen . » Ich werde unaufhörlich für euch beten ... damit ihr lange und zufrieden lebt . - « Natürlich hob ich den Widerspruch nicht auf , daß eine » unverrückbare Bestimmung « durch den Einfluß unaufhörlichen Betens zum Guten gelenkt werden solle , doch unterbrach ich die Arme , indem ich sie bat , sich mit Sprechen nicht anzustrengen , und erzählte ihr , um sie zu zerstreuen , von unseren schweizer und berliner Erlebnissen . Ich berichtete , daß wir auch mit Prinz Heinrich zusammengekommen und daß derselbe in seinem Schloßpark dem Andenken der ebenso schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten lasse . Nach drei Tagen , ergeben und gefaßt , mit den selbstverlangten - andächtig empfangenen Sterbesakramenten versehen , entschlief meine arme Tante Marie ; - und so waren denn alle die Meinen , Alle , in deren Mitte ich aufgewachsen , von der Erde geschieden ... In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermögens mein Sohn Rudolf eingesetzt und zum Vormund - Minister » Allerdings « bestellt . Dieser Umstand brachte mich nun in häufige Berührung mit diesem einstigen Freunde meines Vaters . Er war auch ziemlich der Einzige , der unser Haus besuchte . Die tiefe Trauer , in welche mich die Grumitzer Unglückswoche versetzt hatte , brachte es selbstverständlich mit sich , daß ich ganz zurückgezogen lebte . Unser Plan , nach Paris zu übersiedeln , konnte erst ausgeführt werden , wenn alle meine Geschäfte in Ordnung gebracht waren , was jedenfalls noch einige Monate in Anspruch