ihm das Schneckenhäuschen hinauf . Franz fing es geschickt auf - und da fiel ihm plötzlich etwas wunderbar Poetisches ein : » Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar ! « Er wußte nicht mehr , wo und von wem er das gehört hatte , vielleicht von der Gusti oder vom Jean , wenn sie abends an den Hoffenstern ihre Gefühle austauschten und die Buben mit brennenden Wangen lauschten , - aber famos war es gewiß . Den Zeigefinger auf das emporgehaltene Schneckenhäuschen richtend - » Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend - « Was war das ? » Ach Gott , Mama , warum schlägst Du mich ? « Und mit einem Satz war er auf dem Boden und stand totenbleich vor ihr . » Mama , was hast Du gethan ? « Hatte sie wirklich mit dem Schirm nach dem deklamierenden Kind geschlagen ? Sie konnte sich im Augenblick nicht deutlich Rechenschaft geben vor Erregung . Ein furchtbarer Vorwurf drohte ihr aus dem entsetzten Gesichte des Knaben . So waren sich Stiefmutter und Stiefkind noch nie gegenüber gestanden . Hermann kam herbei . Er hatte den Vorgang nur halb gesehen . » Was gibt ' s denn ? « Um sich Fassung zu geben in dieser seltsamen Ratlosigkeit , herrschte sie ihn an : » Geh mit dem Franz heim , er war unartig . Eugen bleibt bei mir . « Hermann betrachtete bald die Stiefmutter , bald den Bruder . Dann schüttelte er den Kopf , faßte Franz am Arm und sagte : » Gut , gehen wir heim . Komm ! « » Darf ich nicht auch mit heim ? « fragte Eugen schüchtern , mit einem fragenden Blick auf die Hand in Hand davongehenden Brüder . Was wollte sie eigentlich nun selbst ? Sie reichte Eugen schweigend die Hand und ging mit ihm der Brücke zu . Kaum war sie in der Mitte derselben angelangt , stieß sie in einer Lichtung des Gewühls auf den Professor Hirneis . Seine Freunde hatten immer behauptet , daß er zwei linke Beine habe , denen schwer auszuweichen . Diesmal schien die Unmöglichkeit des Ausweichens auf beiden Seiten gewesen zu sein . Sie waren sich fast schon auf die Füße getreten , als sie sich erst erkannten . » Ah , Frau Kommerzienrat , sieht man Sie auch wieder einmal ; welch ' angenehme Überraschung ! « » Die hätten Sie sich früher verschaffen können , Herr Professor , wenn Ihnen daran gelegen wäre ... « » Gnädige Frau , das Leben stellt Ansprüche ... Wollen Sie sich gütigst erinnern , daß ich einmal fünf Einladungen ausgeschlagen habe , nur um einen Abend in Ihrer Gesellschaft zubringen zu können . « » Das muß sehr lange her sein , Herr Professor ? « » Ja , nach den vielen Veränderungen , die wir seitdem erlebt , gewiß einigermaßen lange ... Wie geht es dem Herrn Gemahl ? « » Danke ... « » Was führt Sie zu so später Stunde in diese Vorstadtgegend ? Darf man so indiskret fragen als alter Freund ? « » Das Bedürfnis eines längeren Spaziergangs , Herr Professor , « antwortete sie nicht ohne Verlegenheit und Überraschung . Was berechtigte ihn zu dieser Aushorcherei ? War ihr Privatleben etwa wie ein Buch , in dem jeder blättern und nach Belieben Fragezeichen und Randglossen anbringen durfte ? Hat nicht jeder genug zu thun , sein eigenes Lebensbuch zu studieren und in Ordnung zu halten ? Oder erwirbt mit der Berufung auf alte Bekanntschaft jede Rücksichtslosigkeit einen Freischein ? » Wohnt nicht auch der Herr Baron von Drillinger hier in der Nähe ? In der Auenstraße ? « Er konnte sich diese unverschämte Anspielung nicht schenken . » Sie können versichert sein , daß mir das sehr gleichgültig ist . Mein Besuch in der Auenstraße gilt einer ganz anderen Person - einer - einer Kindspflegerin . « Das war ihr wie eine Eingednug gekommen . Vor einer Minute hatte sie selbst noch nicht daran gedacht . Aber jetzt war ' s doppelt gut , daß ihr diese Absicht nachträglich zu ihrem Spaziergang eingefallen . Die Kindspflegerin ! Der Gedanke an Elisa v. Hutzler war ihr durch den Kopf geblitzt . Aber warum Kindspflegerin ? Richtig , Eugens Amme wohnte mit ihr im nämlichen Häuschen . Und beiden Frauen stand sie als Wohlthäterin schon lange nahe . Jetzt , wo alles im tollen Wechsel kreist , wird es auch da eine Veränderung geben . Es ist gut , darauf vorzubereiten . Der Professor aber dachte : » Natürlich rückt sie ihm auf die Bude und schleift den armen Jungen als Aushängeschild der Harmlosigkeit mit . « Er stellte sich jedoch möglichst befriedigt von dieser Antwort : » Freilich , ja , ja , ich kann mir ' s denken ; ein Werk der Barmherzigkeit , so en passanr , wie es unsere im Wohlthun nie ermüdenden Frauen zu üben pflegen . Ich will Sie nicht länger aufhalten . Es ist mir eine große Freude gewesen . Habe die Ehre , Frau Kommerzienrat , habe die Ehre ! « Die , Ehre ! Ja , ja . Das war der berühmte Gelehrte und Schriftsteller , um den sich die , schöngeistigen Damen rissen , ihre Gesellschaftsabende mit ihm zu schmücken - und in seinem Gemüte doch nur ein roher Egoist und rüpelhafter Geck . Wie so viele andere hatte er auf den ersten kommerzienrätlichen Soireen Frau Leopoldine umschmeichelt und manch ein glühendes Gedicht in professorlichem Zopfstil gewidmet , sogar ein komisches Epos » das bräunliche Schinkenbein « hatte er sich ' s kosten lassen , sie wenigstens zur Bewunderung seiner universellen Begabung zu entflammen und ein dankbares Lächeln von ihr zu erhaschen ; denn ihr Lächeln , behauptete er damals , sei noch schöner , als ihr wunderschöner Mund , ihr Blick noch schöner , als ihr wunderschönes Auge ... Als sich jedoch sein von Frau Raßler nicht genügend gewürdigtes