Schwestern umschmeichelten ihn unter Lachen und Weinen , ohne daß ihre Herren Ehegemahle darob eifersüchtig wurden . Die unglückliche Mutter aber dankte ihm wie eine zum Tode Verurteilte für die erwirkte Gnadenfrist . » Ja , er soll mit Ihnen gehen , « schluchzte sie . » Handeln Sie für ihn , als ob er Ihr Bruder wäre . « Und endlich die weisen Richter , was blieb ihnen übrig , als aus der Not eine Tugend zu machen und ihren Herrgott im stillen zu preisen , weil ihnen einen Winter lang vor dem bösen Buben Ruhe verschafft worden war ? Keiner aber inniger als der alte Familienfreund , der vier Jahre hindurch bei seinen Vormundspflichten weit Unleidlicheres auszustehen gehabt hatte als der junge Leichtfuß bei seinen Mündelpflichten . Die Seemannsprobe unter der geistigen Obhut des wohlberufenen Inselpfarrers war eine Erlösung für den gottesgelehrten alten Herrn . Er stellte daher , einer etwaigen weichmütigen Sinnesänderung vorzubeugen , auch lediglich die Bedingung , daß die Reise sobald als möglich angetreten werde ; und als Dezimus sich jede Stunde zu ihr bereit erklärte , gleichviel ob Bruder Steuermann bereits in sein Winterquartier gerückt sei oder nicht - Herr im Hause war ja doch die Steuerfrau - , wurde gleich der heutige Abend zum Antritt der Bußfahrt bestimmt . Diese würde unter persönlicher Führung des treuen Vormunds vonstatten gegangen sein , wenn nicht Fräulein Lydia sich zu seiner Stellvertretung erboten hätte ; ein Tausch , gegen welchen von keiner Seite Einwand erhoben wurde und von Seite des Kandidaten Frey am wenigsten . Die unglückliche Lydia ! Sie allein teilte die allgemeine Befriedigung nicht . Wohl drückte auch sie Dezimus die Hand , wie man sie einem nothelfenden Freunde zu drücken pflegt ; aber die Purpurblüte war auf ihren Wangen erloschen und auf ihre Seele die Last zurückgewälzt , von welcher sie sich durch ein edles Opfer zu erlösen gehofft hatte . Keiner im Kreise ihrer Gleichgesinnten ahnete diese Last . Der einzige Fremde in diesem Kreise aber verstand und empfand sie wie einen eigensten Schmerz . Im Pfarrhause feierte der Kandidat , der eine bängliche Schicksalsfrage so befriedigend gelöst hatte , einen zweiten außerordentlichen Triumph ; wenn auch nicht gerade als inspiriertes Genie , so doch als ein Held des Glücks . Vater Blümel , der Versöhner , würdigte diese Lösung zwar als den ersten tatsächlichen Beweis , daß der Sohn über den Angelegenheiten im hohen Himmel und an demselben nicht zum Simplex und Tolpatsch in den Nöten des Menschenlebens geworden sei ; Mutter Hanna aber , die eines solchen Beweises längst nicht mehr bedurfte , sah in dem bösen Buben bereits den Admiral einer in Zukunft möglichen deutschen Flotte oder doch zum allerwenigsten einen wackeren Schiffskapitän ; das jedoch keineswegs um seiner maritimen Begabung willen , sondern lediglich aus dem Grunde , daß die Hand ihres gesegneten Johanniskinds sich in seine Untaten gemischt hatte ; und Röschen - ja freilich , das liebe Röschen schmollte und schmälte recht strudelköpfisch , bei Lichte besehen war aber auch dieses Schmollen und Schmälen ein Triumph und ein recht süßer Triumph . Dieser alte Dezem ! Kaum in das Haus , wollte er schon wieder fort , und Röschen hatte sich doch den ganzen langweiligen Sommer hindurch auf die Kandidatenvakanz , und zum ersten Male seit vier Jahren auf eine lustige Weinlese gefreut ! Und wenn er noch ganz allein auf seine wüste Insel gegangen wäre ! Aber in Gesellschaft eines wunderschönen Fräuleins - denn der dumme Junge zu dritt , der zählte für Null - bei Nacht und Nebel in die weite Welt hinein zu dampfen , schickte sich das ? Schickte sich das ganz besonders für einen Kandidaten pro ministerio ? Nein , es schickte sich nicht . Und darum wollte Röschen mit . Röschen wollte endlich auch einmal eine Reise machen , das Meer sehen , eine große Stadt und was es etwa sonst noch Hübsches bei Wege zu genießen gab . Ja , das liebe Röschen wollte mit , absolut mit ; und ihren alten Dezem , ei nun , den hatte sie bald genug herum . Fürs Leben gern hätte er sie mitgenommen . So als zehntes Korn , von Rosen und Lilien eingefaßt , oder als Dezemshuhn , von Lerche und Schwan begleitet , was hätte das für einen Einzug in Mutter Stinens Inselhause gegeben ! Der Plan scheiterte aber leider an dem Nein des sonst so nachgiebigen Papa Blümel , der seinen Liebling eine kleine Törin schalt ; und als nun auch Leutnant Martin sich die Vorstellung erlaubte , daß eine so schöne Dame wie Fräulein Rose doch eine gar zu gefährliche Eskorte für einen jungen Sträfling wie Bruder Philipp sein würde , und weheleidig hinzusetzte , daß er und seine beiden Schwestern sich so herzlich auf ein zerstreuendes Zusammensein mit ihrer liebenswürdigen Freundin gefreut hätten , was blieb dem lieben Röschen da übrig , als zu lachen und ihrem alten Dezem zu erklären : während er mit dem schönen Fräulein Bußpsalmen singe , werde sie , um sich seiner angemessen zu beschäftigen , es sich angelegen sein lassen , einem betrübten Witwer gründlich Trost zu spenden . Zu welchem lobenswerten Vorsatz der alte Dezem seinen Segen gab . Ach , es war durchaus keine Lustreise in des lieben Röschens Sinn , zu welcher die drei jungen Menschen mitten in der Nacht aufbrachen . Eine hastige , stillernste Fahrt durch Gegenden , in welchen , auch wenn die Sonne scheint , die schlummernde Seele nicht erwacht und die bedrückte sich nicht erhebt . In keiner der bedeutenderen Städte wurde geweilt ; umgehend lösten Dampf- und Postverbindung sich ab . Mit schwerem Herzen durch Dunkel und Nebel nur immer voran ! Aber nicht Lydia allein , auch Dezimus fühlte sich beklommen . Von seinem Heldenstolze war eine klägliche Neige übriggeblieben . Wie ein Experimentator , ja , wie ein Abenteurer kam er sich vor , wie ein waghalsiger Spieler mit fremdem Glück . Graue Dunstschleier umhüllten das Inselhaus , das