in seiner Art , so treu , freundlich und fest zwischen ihm und der harten , kalten Welt der Wirklichkeit gestanden hatten . Unter den Hügeln lagen die Wächter seiner Jugend , und er , den einst ein so mächtiges Sehnen aus ihrem Kreise weggetrieben hatte , er stand jetzt und sehnte sich wieder , doch nicht mehr in die Ferne . Der rostige Schlüssel in seiner Hand zog ihn fast zur Erde nieder ; es war kein Gewicht der Welt dem seinigen zu vergleichen . Hinter der Pforte , welche dieser Schlüssel öffnete , war alles vollendet , und Hans Unwirrsch hatte Lust , den andern nachzusteigen in die Tiefe . Da aber trat aus dem Dunkel und der Bedrängnis , die ihn umgaben , eine lichte Gestalt ; diese hielt ihn zurück , und um ihretwegen sagte er , daß seine Zeit noch nicht gekommen sei . Einen letzten Blick warf er über die Gräber , dann ging er fort und schloß die Pforte des Kirchhofes hinter sich , wie er es versprochen hatte . Er gab den Schlüssel , der so rostig war , obgleich er doch soviel gebraucht wurde , in der Wohnung des Totengräbers einem lachenden , hübschen Kinde , das versprach , ihn an den Vater abzuliefern . Wie er den Rest des Tages und die Nacht verbrachte , konnte er später nicht sehr genau angeben ; - er saß in dem Stübchen der Base Schlotterbeck in dem Lehnstuhl , in welchem der Oheim Grünebaum gestorben war , und sah die Lampe , die ihm in seiner Kindheit geleuchtet hatte , durch die gläserne Kugel scheinen . Er sah sie langsam erlöschen und sah den Morgen über dem Hause dämmern , das einst der Trödler Samuel Freudenstein mit seinem Sohn Moses bewohnt hatte . In den folgenden Tagen besuchte er alle Orte , an die sich eine Kindheitserinnerung knüpfte , und viele Menschen , die ihm einst nahegestanden hatten , besuchte er auch . Der Professor Fackler war jetzt auch ein alter Mann und ebenfalls ein wenig kindisch ; er konnte den Namen des Kandidaten Unwirrsch nicht behalten , und an Moses Freudenstein erinnerte er sich gar nicht . Seine Frau war gestorben , aber auch das vergaß er dann und wann und redete seine jüngste Tochter mit dem Vornamen der Gefürchteten an . Der Kanzleidirektor Trüffler hatte längst das Zeitliche gesegnet , und seine Nachkommen hatten die Stadt verlassen . Auf der Schwelle eines ärmlichen Judenhauses sah Hans auch Esther , die Haushälterin des Trödlers Freudenstein . Sie war das älteste Weib der Stadt , grade hundert Jahre alt . Der Segen des Herrn war bei ihr , ihre Augen waren noch hell , ihr Geist war noch scharf und klar ; doch in welcher Weise sie gegen Hans über Moses , den Sohn Samuels , sprach , darüber redete Hans niemals . Ein Schulgenosse , der das Jus studiert hatte und jetzt eine ähnliche Rolle in Neustadt spielte wie der Armenadvokat Siebenkäs in Kuhschnappel , ordnete währenddem die Vermögensverhältnisse des Kandidaten Unwirrsch . Das Haus in der Kröppelstraße wurde versteigert und dem Maurer für bare dreihundert Taler zugeschlagen . Fünfzig blanke bare Taler wurden gelöst aus der fahrenden Habe der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum , aber die Glaskugel wurde nicht verkauft . Hans Unwirrsch hatte soviel Geld niemals auf einem Tische zusammen gesehen , aber auch niemals hatte ihn ein Haufen so angewidert und so unglücklich gemacht . Mußte es ihm doch zumute sein , als ob er alle seine süßesten , liebsten Erinnerungen zu Gelde gemacht habe ; und von welcher Seite er auch den Mammon ansehen mochte und wie vernünftig und verständig er sich auch die Sache vorstellen mochte , seine Gefühle blieben dieselben . Und wenn ihm jemand das Geld gestohlen oder abgeschwindelt hätte , so würde er sich gewiß nicht an die Polizei gewendet haben , sondern wäre dem Halunken noch dankbar gewesen . Es kam der Tag - ein schneedrohender Novembertag war ' s - , an dem Hans Unwirrsch nichts mehr in seiner Vaterstadt zu schaffen hatte . Er konnte gehen , wann es ihm beliebte und eine große Öde ließ er hinter sich zurück . Für die Gräber auf dem Kirchhofe hatte er nach Kräften gesorgt : Abschied hatte er von den Toten und den Lebenden genommen ; der Advokat gab ihm das Geleit zum Posthause und sah ihn abfahren , kehrte frierend heim und dachte eine Viertelstunde nachher nicht mehr an ihn . Als die Post sich mühsam zu den Höhen hinaufarbeitete , fing es wirklich an zu schneien , und durch das runde Fenster an der Hinterwand des Wagens sah Hans seine Heimat im Dunst und Nebel versinken . Er war allein im Wagen und hatte Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken , aber er war nicht dazu imstande . Nur verworrene Bruchstücke von allerlei Erlebnissen , Gedanken und Bildern durchfuhren seinen Geist . Körperlich und geistig durchgerüttelt und durchgeschüttelt , erreichte er am Mittag die Eisenbahnstation und kroch als der erste in einen leeren Waggon , der jedoch nach einigen Augenblicken voll wurde . Es stiegen verschiedene Damen und Herren ein , die der Kandidat Unwirrsch bereits kannte . Der Kasten mit dem Titi langte an unter dem Arme jenes großen Barbaren , der so unhöfliche Bemerkungen machen konnte . Die beiden jungen Damen mit dem Wilden-Tier-Geruch waren nicht verlorengegangen , und die Krone des Ganzen erschien , die Herrin der wandernden Horde , die dicke Madam mit der männerhaften Stimme und dem ausgezeichneten Pelzrock . Nichts von alledem , was die Herreise so gemütlich für Hans machte , fehlte auf der Rückreise , und da die Gesellschaft schlechte Geschäfte auf ihrer Razzia gemacht und dazu den Waschbären an der Schwindsucht verloren hatte , so war ihre Stimmung womöglich noch heiterer und liebenswürdiger als bei der ersten Begegnung . Mitten in der Nacht langte Hans in der Grinsegasse an und fand in seiner Wohnung nicht alles in der richtigen Ordnung .