geriet , weil wir leider hier in ganz erträglichem Ruf und Ansehen stehn , suchte an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat , welche ihrerseits , und so weiter ; Sie kennen diesen Hergang der Dinge . So kam es , daß wir Ihre Ankunft durch ein Stadtgespräch vorauswußten ; etwas verdrießlich für uns ; indessen läßt sich zu dergleichen nichts tun , man muß die abweichenden Ansichten der Menschen , besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen , schon in Geduld ertragen . « Er empfing den Brief der Herzogin , lobte die Handschrift der Adresse , und steckte ihn gleichgültig ein . » Ich würde Sie bitten , bei uns zu wohnen « , sagte er zu Hermann , » wenn wir nicht so beschränkt uns halten müßten , wie es überhaupt hier Ortssitte ist . Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns gemietet , wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten überschaun . « Er führte ihn nach einem großen Hause unter der Lindenallee der Stadt , in ein geräumiges heitres Zimmer . Wirklich überblickte Hermann von dort die großen , teils fertigen , teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen , zu welchen der Friede nun wieder die Kräfte und den Mut gegeben hatte . Medon verließ ihn , nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte . In ein neues wundersames Verhältnis zu freundlichen Feinden geklemmt , konnte Hermann den Schlummer nicht finden , durch den er sich auf die erzwungnen Nachtfahrten zu erholen gedachte . Er sprang von seinem Lager auf , und suchte in der Zerstreuung sich zu beschwichtigen . Er durchstrich die wohlbekannten Straßen und Plätze , erneuerte einige Bekanntschaften , und wünschte , daß der Tag vorbei sein möchte . An enghäusliche Zustände seit einiger Zeit gewöhnt , fühlte er sich ungeachtet der günstigen Wendung seines Schicksals in der weiten , breiten Stadt , unter den rasch und gleichgültig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen ziemlich unlustig . Daß er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde , ward ihm bald fühlbar . Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt , als er bereits von mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse , mit denen er sich in nachfragende Gespräche eingelassen , ein unzweideutiges Verhöhnen seiner provinziellen Einfalt hatte erfahren müssen . Zweites Kapitel Einige Tage vergingen , bevor Hermann sich entschließen konnte , Medons Haus zu besuchen . Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenüber geworden ! Das Gefühl der Unhöflichkeit , welche in seinem Meiden lag , schien ihm erträglicher als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau , welcher er , er mochte es deuten , wie er wollte , das Verletzendste überbracht hatte . Medon war einige Male gekommen , ohne ihn zu treffen , nachher hatte er diese Bemühungen eingestellt . Die alten Bekannten zeigten sich unverändert gegen ihn . Man wußte schon von seinem Abenteuer , die Männer lachten darüber , die Frauen , welche hier sämtlich sehr loyal waren , staunten seinen Heldenmut an , und beide Geschlechter vereinigten sich in dem Behagen , welches die Gesellschaft immer empfindet , wenn man ihr zu reden gibt . Er konnte in weniger Zeit einen großen Kreis durchlaufen , weil jedermann äußerst beschäftigt war , seine Stunden genau eingeteilt hatte , und man ihn nach fünf oder zehn Minuten überall gern entließ , um zu einer neuen Tagesobliegenheit übergehn zu dürfen . Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drängen , Treiben und Quirlen einen moralischen Schwindel . Um sich einigermaßen zu fassen , forschte er nach einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschläge , und fand denselben freilich da , wo er ihn am wenigsten wünschen konnte . Die Bewohner einer großen Stadt , von den auf sie einstürmenden Lebensreizen überdrängt , sind unfähig , wie die Pfahlbürger kleinerer Orte ihren stillen eigensinnigen Gang zu gehn . Ein Heerführer tut ihnen not , um ihr gefährdetes Inneres an ihn zu klammern . Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand Mode , welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlösung aus Unsicherheit und Langeweile bedürftigen Geschlechte dasteht . Nicht selten entscheidet das Verdienst über die Wahl , mitunter freilich auch der Zufall , und im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen , daß die Dauer dem Feuer , womit er begonnen wird , nicht gleichzukommen pflegt . Eben war Medon Mode geworden . In seinem Hause versammelten sich die bedeutendsten Gelehrten , Staatsmänner , Künstler und Dichter der Hauptstadt . Wohin Hermann hörte , überall vernahm er ein fast andächtig zu nennendes Lob . Die Männer wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden . Es sei schön , sagten mehrere , daß einmal wieder jemand sich zeige , der ohne Gehalt , ohne Dienstpatent und Ordensband an den Geschäften des Staats teilnehme , denn man hielt es für ausgemacht , daß sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen benutzt werde . Die Frauen schwärmten dagegen mehr über seine musterhafte Häuslichkeit . Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen , welcher sich in witzigen Schlagreden auszeichnete , die seine Anhänger umhertrugen und groß nannten . An Medon fand man es dagegen groß , daß von ihm kein einziges Bonmot zu berichten sei , vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen schlichten Kraft bestehe . Doch muß , um die diplomatische Treue dieser Denkwürdigkeiten nicht zu verletzen , bemerkt werden , daß mehr von Großartigkeit als von Größe die Rede war , denn dieses Zwitterwort besaß damals schon den Ruf , in welchem es sich noch jetzt erhält . Einem solchen Manne gegenüber , in diesem Ansehn gegründet , sollte also Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn . Ein tiefes , sonderbares Gefühl sagte ihm , daß sie recht habe , hörte er auf seinen Verstand , traute er so vielen klugen Leuten nur einiges Urteil zu , so mußte er seine Botschaft für unnütz und lächerlich erachten . Er