waren , seit jenes Unglück sich ereignet haben sollte , erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit , ohne daß man nur irgend eine Auskunft erhalten konnte . Eben so wurde auch den Personen vergeblich nachgeforscht , die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet seyn wollten . Nirgends war eine Spur von dem zu finden , was man suchte , aber man stieß auch auf keinen neuen Beweis für Alberts und Raimunds Untergang . Undurchdringliches Dunkel ruhte über Beider Geschick . Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände war aber auch der nächste Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein für verstorben gehalten , ohne daß seine Erben gültige Beweise seines Ablebens beibringen konnten . Er war während des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermißt worden , aber niemand hatte ihn fallen sehen , niemand ihn auf der Wahlstatt unter den Todten gefunden . Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem Tode oder Leben gebeten , doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glücklicher als Baron Meinau in den seinigen . So gingen ein paar Jahre hin , während denen in dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde . Baron Meinau freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Kräften ; doch als fortwährend keine Aussicht für die Erfüllung seiner Wünsche sich zeigen wollte , so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen in seinem Gemüthe auf , die ihn muthles zu machen drohten . Wie freudig mußte ihn daher ein Kurier überraschen , der aus dem Stifte von Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt , ihm von ihr die Nachricht überbrachte , daß Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sey ; daß er zwar für den Augenblick sich in einem fremden Welttheile befinde , jedoch hoffentlich bald wieder nach Europa zurückkehren werde . Rasch wie ein Jüngling , trotz seiner siebenzig Jahre und seiner Silberlocken , warf sich Baron Meinau augenblicklich in den Reisewagen , um zu ihr , die ihm eine so frohe Botschaft sandte , hinzueilen und sich von den nähern Umständen ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen . Zwar hatte er Anna noch nie gesehen , aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards Briefen kannte er sie genugsam , um sie innig zu verehren und von ihrer Theilnahme an dem Hause von Leuen fest überzeugt zu seyn . Auch Anna ehrte und liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklärten , sie wußte daß dieser ihm bis an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte , und sah ihn und seine nähere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen . So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war , eilte diese ihm den Inhalt des elfenbeinernen Kästchens vorzulegen und zu seiner größten Freude fand er darin Beweise für Raimunds Ansprüche , welche ihm unwiderleglich scheinen mußten . Sogar das Taufzeugniß desselben fehlte nicht , denn Albert hatte in der Nacht , da er von Leuenstein sich auf immer entfernte , dieses zufälliger Weise unter den Documenten mitgenommen , die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des Kardinals brauchte . Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in Berathschlagungen zu über die Schritte , welche sie während Raimunds Abwesenheit zur Vertheidigung seiner Rechte gemeinschaftlich thun wollten . Auch die Beweise für seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht . Meinau konnte nicht umhin , den seltnen Geist , den geübten Scharfblick zu bewundern , welchen Anna bei dieser Gelegenheit an den Tag legte . Die Leichtigkeit , mit welcher sie bei einem Geschäfte , das so weit außer dem gewohnten Bereich der Frauen lag , das Verworrenste zu durchschauen vermochte , setzte ihn oft in Erstaunen , doch noch weit inniger fühlte er sich bewegt , wenn der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie für den Augenblick weit weg von dem Gegenstande , der Beide beschäftigte , in das dämmernde Reich der Erinnerung zurückführte . Dann feierte er mit ihr in mancher schönen ernsten Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes , dessen Bild auch er noch immer im treuen Herzen bewahrte . Beide tauschten gegen einander manchen schönen Zug aus seinem Leben aus , und das Gespräch schien nimmer enden zu wollen , bis sie verstummend , vom Gefühle inniger Wehmuth überwältigt , von einander scheiden mußten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zurückzog , um ungesehen zu weinen . Meinau rüstete sich endlich zur Abreise in die Residenz , wohin Anna ihm auf einige Tage zu folgen versprach ; denn für den Augenblick hielten ihre eignen Verpflichtungen sie ab , sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu entfernen . Sie war bereit , sobald dieses nöthig würde , als Zeuge für Raimund aufzutreten und die wichtigen Verbindungen , in denen sie selbst mit dem regierenden Fürstenhause stand , konnten allerdings , wenigstens zur Beschleunigung beitragen . Uebrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen Hause unbesorgt . Angelikas Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit , und Vicktorine , das wußte sie , bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles für den Augenblick ihrer Gegenwart nicht , obgleich diese über der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen führte und sie auf das dringendste beschwor , bald wieder zu ihr zurückzukehren . Die Tante kannte die heftige Natur dieses ihres Lieblings zu gut , um nicht den Entschluß zu fassen , die Entdeckung von Raimunds wahrem Stande und Namen Vicktorinen bis zur völligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu verschweigen . Und dieses war ein Grund mehr , um fürs erste deren Nähe zu meiden ; denn sie fühlte wohl , daß es ihr sehr schwer fallen würde , den unablässigen Fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen . » Fast möchte ich auf meine alte Tage anfangen , recht modern abergläubig zu werden , « rief Meinau der Tante entgegen , als er in ihr Zimmer trat , um sich vor seiner Abreise in die