Liebe . An Agathokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner Jugendfreuden , die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der Gegenwart zusammen , alles Trübe , Nächtliche , was zwischen unserer frohen Kindheit und dem seligen Jetzt lag , ist verschwunden , wir sind wieder , was wir damals waren , fröhliche , glückliche Kinder , und in seinem engelreinen Geiste ist nichts , was diesen schönen Traum störte , nichts , als die Erhabenheit seiner Ansichten , und die Fülle seiner Empfindungen , mit der er das Wohl seiner Glaubensgenossen , der ganzen Welt heiß umfaßt , und die zuweilen , wie ein leuchtender Blitz des Himmels , über die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend , erhebend fährt . In einsamen Stunden , wenn der Hain um mich rauscht , wenn ein reges Frühlingsleben durch alle Wesen webt und schauert , und ich im Gefühl meines Glückes selig zerfließe , dann fühle ich den Hauch der allgegenwärtigen Gottheit , und mein inniges Entzücken löset sich in stillen Dank auf gegen den , der das Dunkel meines Schicksals so väterlich erhellte , und durch finstere Pfade mich zu diesem Lichte geführet hat . Ist es möglich , daß Menschen so selig seyn und bleiben können , als ich es bin ? Ist diese Stille alles Verlangens , dieses Bewußtseyn ganz erfüllter Wünsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in bessern Welten , um auf dieser einheimisch zu seyn ? Ach so frage ich mich oft , und mein erschüttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen Veränderung . Aber ich weise diese Gedanken nicht zurück , ich segne diese heilsamen Warner vor Uebermuth , die gewiß mein Schutzgeist mir sendet . Sie lehren mich meines Glückes in Demuth freuen , und seinen ungetrübten Genuß durch kindliche Ergebung heiligen . Unsere Lebensweise ist bequem , aber von dem Ueberflusse entfernt , unserer Sclaven sind wenig , unsere Speisen sind einfach ; aber wir fühlen bestimmt , daß die Reichthümer unseres Vaters unser Glück nicht erhöhen , daß sie es vielleicht durch die tausend kleinen und großen Verbindlichkeiten und Sorgen , die der Reichthum auferlegt , nur stören würden . Jetzt würzt kurze Entsagung den erkauften Genuß , jetzt freut das Selbsterworbene , das Erübrigte mehr , als was das Glück mit vollen Händen achtlos ausstreut . O wüßte das Constantin , er würde seine Begriffe von Glück , wenigstens für unsere Lage , verändern , und meinem Agathokles nicht mehr zürnen ! Dieser Zwiespalt ist es , der den einzigen Tropfen Bitterkeit in unsern Freudenkelch gießt . Ich sehe , daß Agathokles mehr darunter leidet , als er aus Schonung mir gesteht . O daß ich einen Weg vor mir sähe , Constantin zu versöhnen ! Aber er ist mächtig , der Sohn des Cäsars , ein künftiger Augustus , und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht mehr so unbedeutend , als in den Zeiten eines Octavians oder Mark Aurels . Das ist das Böse an unserm Verhältniß - wir sind nicht gleich . Und diese Gleichheit in allen Empfindungen , in allen Richtungen des Geistes ist es , welche allein und dauerhaft das Glück einer Verbindung sichert . Agathokles und ich wurden schon als Kinder mit und für einander gebildet , jeder Eindruck gemeinschaftlich aufgefaßt , jede Empfindung von einem Herzen dem andern beantwortet . Wir lebten , wir lasen , wir lernten gemeinschaftlich . Selbst in Edessa unter dem Geräusch der Waffen wußte er Stunden zu gewinnen , um mit mir zu lesen , über das Gelesene , über die Ereignisse des Tages zu sprechen , unsere Gefühle und Gedanken umzutauschen , und so nicht blos mein Herz , sondern auch meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen . Wie segenreich , wie beglückend ist jetzt diese Uebereinstimmung für mich ! Nicht weil Verfassung und Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einräumen , die manches rohe Gemüth mißbraucht , sondern , weil zwei Menschen ein schönes Ganzes ausmachen , und als Einheit dastehen und wirken sollen , sollen auch ihre Geister gleichförmig gebildet seyn , und nur die Verschiedenheit des Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf eine reizende Abwechslung in den schönen Einklang bringen . Aber wenn die verschiedenen Charaktere sich selbstständig zu unterscheiden , und jeder als ein vollendetes Ganzes dazustehen streben , wer soll entscheiden , welcher von Beiden im Fall eines Streites nachgeben , und seine Individualität aufopfern soll ? - die hergebrachte Sitte ? - dann muß das Weib ewig der unterdrückte Theil seyn - die Vernunft ? - Und wer bestimmt , auf wessen Seite sie steht , wenn jedes die Sache aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Gründen unterstützt ? - O nur die Liebe , die Liebe kann das bewirken , und sie bewirkt es sicher . Sie führt auf tausend stillen Wegen die Gemüther zu einander , sie zeigt uns den Gesichtspunkt , aus dem der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet , als den richtigsten , sie macht uns theurer , was ihm lieb ist , und ohne Opfer , ohne Nachgeben verschmelzen zwei Willen in Einen . So ist mein Verhältniß zu Agathokles - und wenn du wir oft in frühern Zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedürfniß , mich an ein liebendes Herz anzuschmiegen , als Schwäche vorwarfst , so versichere ich dich , daß gerade jetzt aus dieser Schwäche , wie du es nennst , mein schönstes Glück entspringt . Leb ' wohl , Junia ! Ich weiß , du freust dich meiner Seligkeit , und meine Briefe , wenn sie auch arm an Vorfällen sind , werden sie dir doch manchen vergnügten Augenblick machen , wenn du in ihnen die Schilderung meines Glückes findest . 83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Jul . 303 Ich komme von Synthium . Von Synthium ? höre ich dich rufen . Wie kamst du dahin ? - aus eigenem Willen , lieber Bruder