— ist ’ s nicht schon genug des Unheils ? “ Keller zuckte die Achseln gegen Johannes . „ Ihr seht , meine Frau will ’ s auch nicht haben . “ Johannes stampfte wütend mit dem Fuße . „ Seid Ihr Menschen ? “ „ Wir hoffen ’ s , Herr ! “ sagte Keller trotzig , die Hände in die Hosentaschen steckend . „ Und bessere als solche , die ’ s mit dem Weibsbild halten , “ ergänzte die Meute und ein großer Kiesel flog dicht an Johannes vorüber . „ Wenn ich so wahnsinnig wäre wie Ihr , “ rief Johannes , „ so würfe ich Euch die Steine zurück , die hier niederfallen und ich träfe besser als Ihr . Aber ich balge mich nicht mit Betrunkenen noch streite ich mit Unzurechnungsfähigen — ich will nichts von Euch , als daß Ihr dieser Dame und mir Platz macht , um sie nach Hause zu führen . “ Die Masse stand dicht zusammengekeilt und murmelte undeutliche Reden , von denen Johannes nur verstand , daß man Ernestine noch nicht genug gezüchtigt habe und daß sie nicht so leicht davon kommen solle . „ Ich will Euch zahlen , was Ihr fordert , wenn Ihr das Fräulein so lange aufnehmt , bis ich hier Ruhe schaffe , “ sagte Johannes wieder zu Keller . „ Laßt mich ungeschoren , Herr ! Über meine Schwelle kommt sie weder für Geld noch gute Worte . “ „ Mutter , laß sie doch herein , “ flehte plötzlich eine Stimme , deren Wirkung auf die tobende Menge unbeschreiblich war . Käthchen hatte sich unbemerkt aus dem Bette gestohlen und in seiner Herzensangst herausgeschleppt . Jetzt schlang es das Ärmchen um Ernestines Knie und sah weinend zu ihr auf : „ Sie sollen Dir nichts tun — ich habe Dich so lieb ! “ „ Jesus Maria , “ schrie Frau Keller , „ mein Kind , mein Kind . “ — Sie riß es Ernestinen weg und trug es , von ihrem Mann gefolgt , ins Haus . „ Willst Du Dir den Tod holen ? “ schalt der Vater in Verzweiflung . „ Nein , das Fräulein , das Fräulein , “ hörte man die Kleine noch in der Hausflur wimmern . Nun begann eine Bewegung , deren Charakter immer bedenklicher ward . „ Da hört Ihr ’ s , da seht Ihr ’ s mit eigenen Augen ! Jetzt kriecht gar das krank Kind aus dem Bettchen . Glaubt Ihr nun , daß sie ’ s ihm angetan ? Sie muß fort von hier , heute noch — oder wir jagen sie zum Dorfe hinaus — “ „ Leute , Leute , um Gotteswillen , wozu laßt Ihr Euch hinreißen ? “ erklang jetzt eine sanfte Stimme hinter Johannes . „ Oho — der Schulmeister , “ schrieen Alle durcheinander , „ der soll nur kommen — den haben wir schon lange auf dem Strich . Kommt nur herunter , Schulmeister — wir wollen Euch Eure Freundschaft mit der Hexe eintränken . “ Und wieder ergoß sich die Flut über die untersten Stufen der Treppe , auf der Johannes stand . „ Zurück , “ gebot Johannes und übergab Ernestine dem Lehrer . „ Zurück — Ihr seht — ich habe jetzt die Arme frei ! “ Unwillkürlich wichen die Vordersten vor der drohenden Gefahr zurück . „ Verblendetes Volk , “ rief Johannes in tiefster Empörung . „ Ist Euch denn gar nichts mehr heilig in Eurer Wut , nicht ein wehrloses Mädchen , nicht einmal das greise Haupt Eures Lehrers ? Was hat Euch der arme Märtyrer getan , der seine Lebenskraft an die undankbare Aufgabe vergeudete , Euch zu vernünftigen Menschen zu machen ? “ „ Er ist mit der Hartwich im Einverständnis , er ist Schuld , daß sie das Kind geküßt hat . Das Haus über dem Kopf sollte man ihm abbrennen . “ „ Ja , ja , “ brüllte der Haufe durcheinander , „ ausgesengt gehören die Nester — Seines und Ihres . Die Spötter , die Religionsverächter ! Die sollen noch an Gott glauben lernen ! “ „ Auch das noch ? “ donnerte Johannes sie an : „ Wollt Ihr Eure Frömmigkeit dadurch zeigen , daß Ihr zu Mordbrennern werdet ? Wehe Euch , wenn Ihr Hand an das Eigentum dieser Beiden legtet , wißt Ihr , welche Strafe auf Brandstiftung steht ? Das Zuchthaus ! Und mein Wort darauf , ich würde dafür sorgen , daß Ihr Eurer Strafe nicht entginget . “ Ein wütendes Geschrei erhob sich auf diese Worte . „ Herr Professor , “ bat Leonhardt , „ reizen Sie diese Menschen nicht noch mehr , wir überzeugen sie ja doch nicht . Leute , “ rief er hinab , und seine Stimme zitterte mehr aus Schmerz denn aus Furcht , „ Leute , ich bin unter Euch , mit Euch alt geworden , ich kenne Euch besser als Ihr Euch selbst . Ihr seid zu vernünftig , um etwas zu tun , das Euch unfehlbar der strafenden Obrigkeit überlieferte — und zu gut , um ein Verbrechen an Menschen zu begehen , die Euch nichts zu Leide getan ! Ihr glaubt es selbst nicht , daß ich ein Religionsverächter bin . Habe ich Eure Kinder nicht zu gottesfürchtigen und brauchbaren Menschen erzogen , habe ich Euch nicht treu beigestanden in jeder Not ? Das kleine Haus , das Ihr in blinder Wut zerstören wollt , gewährte Manchem von Euch ein freundliches Obdach , ist Euren Kindern eine geheiligte Stätte , und Ihr könntet Hand daran legen ? Geht auf den Friedhof und seht , ob ein Grab Eurer Lieben da ist , das nicht die Blumen meines stillen Gärtchens zieren , und Ihr könntet es unter der Asche meines Hauses begraben ? Nein — macht Euch nicht schlechter , als Ihr seid . “ Er ließ Ernestinen sanft auf die Stufen niedergleiten und trat