Du hast mit ihm gekämpft , solange du lebst ; er hat dich oft zum Fall gebracht , doch standest du immer wieder auf , gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand , die dich beschützt . Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach ; mit ihm vereint aber wird sie riesenstark . Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht ; es wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen ! Dein Wille , der nach der Vereinigung mit Gottes Willen strebt , gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht , welcher das Böse zwar widerstreben kann , doch endlich unterliegt . El Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind , der immerwährend auf der Lauer liegt . Auch dich hat er nicht etwa freigegeben ; er wartet nur , und kommt der Augenblick , an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst , so schlägt er seine Krallen plötzlich ein , und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem . Ich seh ' ihn lauern hier an deinem Wege ; schon speit er seinen Geifer dir entgegen ; es kommt mit ihm bald zum Zusammenprall ; drum sei darauf bedacht , daß du dich seiner wehrst ! « Als er jetzt für einen Augenblick innehielt , schwebte mir eine Erkundigung auf der Zunge . Als ob er diesen meinen Gedanken lesen könne , sagte er : » Wer dieser Drache ist , das möchtest du gern wissen ? « » Ja , « antwortete ich . » Der Abfall ist ' s von Gott . Nicht nur der äußere Uebertritt von einem Glaubenspfad zum andern ist gemeint ; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche , dessen Bürger du jetzt bist , nach dem Gebiete der Lieblosigkeit . Hab acht , daß du den ersten Schritt nicht thust ! Ihm folgt der andre nach , und ehe du es merkst , daß du den Pfad verlassen hast , bist du schon fern von ihm . Ich warne dich nicht nur in diesem Augenblick . Zwar werde ich dich heut verlassen müssen , doch führt mein Weg mich wieder zu dem deinen . Ich wurde jetzt gebeten , dir zu sagen , daß du dem Drachen grad entgegengehst . Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu vermeiden , und darum soll ich dir ein Zeichen geben , wenn er die Tatzen hebt , um dich zu fassen . Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort El Aschdar dreimal rufen hören . Sobald du es vernimmst , weich schnell zurück vor dem Entschluß , den du vollbringen willst ; er würde dich ins unvermeidliche Verderben führen ! « Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen , als ob es sich wirklich um eine Gefahr für mich handle . Nun ließ er die Hand wieder sinken und sprach mit weniger lauter Stimme : » Der schwache Körper , welcher vor dir steht , ist durch Verführung dir zum Feind geworden ; ich bitte dich , entzieh ihm dennoch nicht die Liebe , deren er so sehr bedarf , dahin zu kommen , wo er landen soll ! Zusammen hab ich dich mit ihm geführt , zum Heile ihm und dir zur schönen Uebung . Verzeih ' ihm , was er nur im Irrtum thut , und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens ! Ich weiß im heiligen Mekka ein Gemach , in dem drei Decken des Gebetes liegen ; von roter Farbe zwei , die sind es nicht ; der Grund der mittleren ist blau gefärbt , gestickt mit goldnen Sprüchen des Kurans ; das ist die richtige ; dort findest du das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlüssel für die That , die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung . - Nun hab ich dir das Nötige gesagt . Geh ' also hin , wo man dich schon erwartet ! Halt ' fest an dem , was dir gegeben ist , und bleib ein guter Mensch ! Leb wohl , doch nicht für immer ! « Nach diesen Abschiedsworten verließ der Münedschi die Stelle , an welcher er stand . Er schritt an mir vorüber und ging zurück , geraden Weges wieder auf den Brunnen zu . Ich hatte mit dem Rücken nach dieser Gegend gestanden . Als ich mich umdrehte , sah ich die Beni Khalid kommen , im Westen des Brunnenfelsens , also so , wie es dem Boten gesagt worden war . Meine Anwesenheit war also dort geboten . Hatte das der Blinde gemeint , als er sagte , ich solle dahin gehen , wo man mich schon erwarte ? Sonderbar ! Ich ging also , ohne Zeit zu haben , über das nachzudenken , was mir gesagt worden war . Freilich wollte sich mir ganz besonders das einprägen , was ich über das Gemach in Mekka gehört hatte . Das war ja wie eine Prophezeiung gewesen ! Drei Decken oder Teppiche des Gebetes , der mittlere blau mit goldgestickten Kuransprüchen ! Dieser mittlere sollte es sein . Was denn ? Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet ! Ich hatte allerdings schon wiederholt im stillen die Idee gehabt , daß El Ghani , welcher den Blinden so auszunützen wußte , auch schuld an den großen Verlusten sei , über welche der Münedschi geklagt hatte . War etwa das gemeint ? Und Rettung sollten wir durch diesen Teppich finden ? Rettung kann sich nur auf eine Gefahr , eine Not , eine Bedrängnis , überhaupt auf etwas nicht Wünschenswertes beziehen . Erwartete uns dort so etwas ? Denkbar war dies allerdings , zumal nach dem Zusammentreffen mit El Ghani und seinen Leuten ! und El Aschdar , der Drache ! Er laure schon auf mich , und der Zusammenstoß mit ihm sei unvermeidlich ! Ich mußte dieses Sinnieren aufgeben , weil mich jetzt die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm . Die Beni Khalid