ich mich dessen selbst versah , hatte sie die Thüre leise zugedrückt , so daß die Musik nur noch gedämpft herüberklang - dann stand sie mit wenigen Schritten hinter der Prinzessin . Dieses Geräusch ließ endlich die hohe Zeichnerin aufsehen - purpurn schoß ihr die Röte des Erschreckens über das ganze Gesicht ; aber sie sammelte sich unglaublich rasch , klappte das Buch zu und maß die Störerin über die Schulter mit einem indignierten , stolzen Blick . » Hoheit , ich weiß , daß ich eine schwer zu entschuldigende Taktlosigkeit begehe , « sagte Charlotte - an dem starken zuversichtlichen Mädchen bebte jede Fiber , ich hörte es an ihrer Stimme . - » Es ist ein günstiger Augenblick , den ich kühn erhasche , ohne die Erlaubnis zu haben , zu Euer Hoheit sprechen zu dürfen ; aber ich weiß mir nicht anders zu helfen ! ... Wenn Hoheit mir auch zu jeder Stunde eine Audienz im Schlosse gewähren wollten , ich würde den Mut nicht finden , das auszusprechen , was ich hier , unter dem Schutze dieser Augen « - sie zeigte nach Lothars Bild - » getrost wage . « Die Prinzessin wandte ihr im höchsten Erstaunen nun voll das Gesicht zu . » Und was haben Sie mir zu sagen ? « Charlotte sank in die Kniee , ergriff die Hand der fürstlichen Frau und zog sie an ihre Lippen . » Hoheit , verhelfen Sie mir und meinem Bruder zu unserem Rechte ! « flehte sie mit halberstickter Stimme . » Wir werden um unseren wahren Namen betrogen , wir müssen das Gnadenbrot essen , während wir vollgültige Ansprüche auf ein bedeutendes Vermögen haben und längst auf eigenen Füßen stehen könnten ... In unsern Adern fließt stolzes , edles Blut und doch fesselt man uns förmlich mit Ketten an dieses Krämerhaus und zwingt uns gewaltsam in bürgerliche Verhältnisse - « » Stehen Sie auf und sammeln Sie sich , Fräulein Claudius , « unterbrach sie die Prinzessin - die hoheitsvolle , tiefernste Gebärde , mit der sie winkte , hatte durchaus nichts Ermutigendes . » Sagen Sie mir vor allem , wer betrügt Sie ? « » Es will mir nicht über die Lippen , denn es sieht aus wie schwarzer Undank ... Die Welt kennt uns nur als die Adoptivkinder eines großmütigen Mannes - « » Ich auch - « » Und doch ist er ' s , der uns beraubt ! « fiel Charlotte wie verzweifelt ein . » Halt - ein Mann wie Herr Claudius raubt und betrügt nicht ! Da glaube ich weit eher an einen schweren Irrtum Ihrerseits ! « Ich hätte hervorstürzen und die Kniee der Dame umfassen mögen für diesen Ausspruch . Charlotte hob den Kopf - man sah , sie raffte all ihren Mut zusammen . Mit einer raschen Bewegung stieß sie auch die Thür zu , durch welche ein lautes , neckendes Gespräch zwischen der Hofdame und Dagobert herüberscholl . - » Hoheit , es handelt sich hier nicht um Geld - das ist vorläufig völlig Nebensache , « sagte sie fest . » Herr Claudius liebt den Besitz , aber ich selbst bin fest überzeugt , daß er streng jedweden unrechtlichen Erwerb von sich weist ... Dagegen werden Hoheit mir zugeben , daß schon mancher tüchtige Charakter in leidenschaftlicher Verfolgung einer Idee , einer hartnäckig verblendeten Ansicht zuerst zum Selbstbetrüger und schließlich zum Verbrecher an anderen geworden ist ! « Sie preßte die Hand auf die Brust und schöpfte tief Atem , während drüben die wundervollen Melodien hochauf rauschten - er ließ ahnungslos seine strengverschlossene Seele zum erstenmale nach langen Jahren wieder in Tönen ausströmen , und hier wurde sein reiner Name an den Pranger gestellt - und ich durfte ihn nicht einmal warnen , ich mußte aushalten auf dieser Folter ! Wie haßte ich in diesem Moment unbeschreiblicher Qualen die Anklägerin dort ! » Herr Claudius mißachtet den Adel , ja , er haßt ihn ! « fuhr sie fort . » Er ist selbstverständlich zu einflußlos , um an dem Bestehenden rütteln zu können ; aber wo es in seine Hand gelegt ist , das Erstarken der Aristokratie zu verhindern , da thut er es aus allen Kräften , ja , eben in diesem Punkte scheut er selbst den Betrug nicht ... Hoheit , mit meinem Bruder tritt ein neues Adelsgeschlecht in das Leben , und , ich sage es mit Stolz , eine neue , feste Stütze in das Fundament der maßlos beneideten hohen Kaste ; denn wir Geschwister sind durch und durch aristokratisch gesinnt ... Aber gerade deshalb sollen wir nie erfahren , wer uns das Leben gegeben hat . - Herr Claudius will das Wappenschild an dem alten Krämernamen nicht dulden . « Das Gesicht der Prinzessin wurde plötzlich weiß wie Wachs . Sie hob hastig unterbrechend die Hand und deutete nach Lothars Bild . » Und weshalb wollten Sie mir das alles gerade unter dem Schutze dieser Augen sagen ? « stieß sie mit völlig veränderter heiserer Stimme heraus . » Weil es die Augen meines lieben Vaters sind - Hoheit , ich bin seine Tochter ! « Die Prinzessin taumelte zurück und hielt sich an der Tischecke . » Lüge , abscheuliche Lüge ! ... Sagen Sie das nicht noch einmal ! « schrie sie auf - wie entsetzlich veränderte sich das liebliche Gesicht , wie hart und eckig hob sich der drohende Arm ! - » Ich dulde keinen Flecken auf seinem Namen ! ... Claudius war nie verheiratet , nie - das weiß die ganze Welt ! ... Er hat nicht einmal geliebt , nie geliebt - o mein Gott , nur diesen einen Trost raube mir nicht ! « » Hoheit « - » Schweigen Sie ! ... Wollen Sie wirklich behaupten , daß er sich vergessen habe , der stolze , unnahbare Mann ? ... Und wenn - o Gott im Himmel , es ist ja nicht wahr - aber wenn auch