litten es nicht , daß Antonie noch länger die Augen mit der Hand beschattete . Emanuele zog ihr liebkosend die Hand herab und nannte sie ein dummes , süßes , zuckersüßes Herzchen . » Antonie , um Gottes willen ! « rief der Junker von Lauen . » Antonie ! Antonie ! « Sie sahen ihn alle darauf sehr verwundert an , und vor allen übrigen der Graf Basilides , welcher jetzt auch am meisten das Recht dazu hatte . » Meine Herren - meine Damen - Herr Graf , das ist eine Grausamkeit ! Das ist eine - « Tonie Häußler erhob die Hand wieder und winkte dem armen Teufel : » Sei still , lieber Freund ! Es ist nichts ; - ich bin wohl und - sehr glücklich . « Sie blickten sämtlich wahrhaftig mit großer Verwunderung auf den Junker von Lauen , und Zoe klopfte ihm mit dem Fächer auf den Arm : » Liebster , wir sind en famille . Weshalb sollten wir uns nicht glücklich fühlen ? « Und Emanuele drohte ihm lächelnd mit dem Finger und legte denselben zierlichen Finger in demselben Augenblick bedeutungsvoll auf die Lippen . Unterdessen war wieder ein Wagen vorgefahren , und ein alter Herr war mühselig ausgestiegen , hatte die Nummer des Hauses mit einer Notiz in seiner Brieftasche verglichen und war mühsam die Treppen hinaufgestiegen . Niemand hatte den Klang der Türglocke vernommen , niemand den schweren greisenhaften Schritt im Vorzimmer . » Der Herr von Glaubigern ! « sagte die hübsche Kammerjungfer , voll zweifelhaften Staunens den neuen Besucher meldend , und mit einem lauten Schrei richtete sich das Pflegekind des Herrn von Glaubigern empor , stieß mit heftiger , krampfhafter Bewegung die sie auf beiden Seiten Umgehenden zurück und sank langsam in die Knie , beide Arme nach dem Retter ausstreckend . Daß der Edle von Haußenbleib nicht in die Knie sank , hatte seinen Grund einzig und allein in der vollkommenen Versteinerung des Mannes . Er wußte die Bedeutung des Besuches sehr gut zu würdigen und sah gläsern auf den alten Mann und wiederholte tonlos die Meldung der schönen Kammerjungfer : » Der Herr Ritter von Glaubigern ! « - Fünfunddreißigstes Kapitel Ja , da stand er ! - so alt , so kümmerlich , halb blind und tief gebückt , und doch ein Ritter und ein Held , dieser Chevalier Karl Eustach von Glaubigern - wie vielleicht in diesen Tagen die menschenbevölkerte Erde keinen zweiten aufweisen konnte , um damit vor dem milden Auge der Sonne zu prangen und sich zu rühmen ! Es war ein weiter Weg aus dem chinesischen Gartenhäuschen auf der Terrasse zu Krodebeck in die Vorstadt Mariahilf ; aber es war ein noch viel weiterer und wunderbarerer Weg aus der müden , schlaftrunkenen , längst wie in sich selber verlorengegangenen Existenz des Greises in diese helle , grelle , wirbelnde gegenwärtige Stunde hinein . Wahrlich lag ein Heroentum sondergleichen in dieser Kraft , mit welcher der alte Mann aus der vergangenen Zeit den Leuten der Gegenwart unter die Augen trat - ein vom Kopf bis zu den Füßen geharnischter Streiter , ein waffenrasselndes Gespenst , das den besten Willen hatte , den Kampf auf Leben und Tod mit den erstaunten und bestürzten Herrschaften aufzunehmen , und welches sich durchaus nicht aus dem goldenen , heiterblauen , vergnüglichen Tage , aus dem hellen Mittage hinweglächeln ließ . Was der Edle von Haußenbleib auf der Stelle wußte , das ahnten die übrigen bereits im nächsten Moment so bestimmt und deutlich , daß der Herr des Hauses sich jede weitere Erklärung ersparen mochte . Der Graf Basilides Conexionsky wußte ganz genau , was ihm die Ankunft dieses wunderlichen Ritters bedeute ; er erschien als der Ruhigste im Kreise , und da wir die Ehre hatten , ihn ziemlich genau kennenzulernen , so wissen wir , daß er auch wirklich vielleicht der Ruhigste war . Er lehnte sich jetzt freundlich-nachdenklich auf den Sessel der schönen Zoe , und um Augen und Mund zwinkerte und zuckte ein gar nicht geheimgehaltenes Ergötzen über die händereibende Verlegenheit seines lieben , teuern , verehrungswürdigen und verehrten Geschäftsfreundes , seines Nonno Teodorico von Haußenbleib , seines babbo carissimo , oder wie er ihn sonst in den Momenten zärtlichster Vertraulichkeit zu nennen beliebte . Der Edle war in der Tat verlegen und rieb sich wirklich die Hände . Er sprach von der großen Ehre , die ihm und seinem Hause widerfahre , er bat seine Enkelin , sich doch zu fassen und zu beruhigen ; er bat mit dem kläglichsten Blick im Kreise umher um Hülfe , und vor allen Dingen wünschte er den Chevalier von Glaubigern , die holde Zoe , die heitere Emanuele , den norddeutschen Krautjunker und - sich selber zu allen Teufeln oder - mit Ausnahme der letzterwähnten Persönlichkeit - in die allerunterste , tiefste und kühlste Kasematte der von ihm so unendlich geliebten und verpflegten Festung Verona . » Sollen wir gehen ? « flüsterte Emanuele Werdenberg der Freiin von Wanesch zu , und Zoe bewegte leise das Haupt : » Nein ! ... Natürlich nicht ! « Sie blieben natürlich , und sie blieben auch nicht die einzigen , welche an diesem seltsamen Morgen dem Edlen von Haußenbleib und seiner Enkelin einen Besuch machten . Es hielten noch mehrere Wagen vor dem Hause , und die Türglocke klang , und Toinette meldete manchen wohlklingenden Namen . Es rauschten Schleppen herein , und Kavaliere von allen Lebensaltern und Stellungen kamen , ihre Glückwünsche zu bringen ; die glänzenden , im Sonnenschein tanzenden Wogen stiegen immer höher um den Greis und sein Pflegekind , und beide sahen und hörten nichts mehr von dem , was sie umgab , umflüsterte und in wachsender Verwirrung umdrängte . Der Ritter von Glaubigern hatte seinen Pflegesohn zurückgeschoben und sich über die Tonie geneigt . Er hatte sie wortlos aufgehoben , und sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen und hing an ihm , und er war stark genug