schon zu weit . « » Oh , vergib mir , daß ich dich so weit getrieben , statt dir dein Haus lieb , zu einem Tempel zu machen ! « » Und du mir auch ! « bat er . Der nun eintretende Pfarrer traf die beiden Hand in Hand . » Es freut mich , daß das Wichtigste und Schwerste schon vorüber ist « , sagte er freundlich . » Nicht das Schwerste « , widersprach der Kranke , » mir ist lang nie so wohl gewesen innerlich als jetzt . Der Friede mit sich und der Welt tut einem so wohl , daß man sogar sein spätes Kommen nicht mehr bedauern kann . « Der Pfarrer schickte Angelika , deren Schmerz in heiße Tränen zu schmelzen begann , zum Zimmer hinaus , um dem Kranken seine Beichte abzunehmen . Es war die höchste Zeit , denn immer seltener kehrte ihm das volle Bewußtsein zurück . Angelika aber galten diese Augenblicke für die wichtigsten ihres Lebens . Mit ihm glaubte sie an die geheimnisvolle Pforte getreten zu sein und läuterte sich von mancher Kleinlichkeit an dem auch sie furchtbar brennenden Schmerz der immer wachsenden Entzündung , der der Arzt vergebens wehrte . Am dritten Tag verkündete die Glocke das Ende seiner Leiden . Mit ihm wurden die aus dem Schutt gefundenen Gebeine des Krämers beerdigt . Sechsundzwanzigstes Kapitel Schluß Am folgenden Sonntage , an welchem Zusel neben Stighansen die ganze Verwandtschaft auf beiden Seiten zu einer Hochzeit einzuladen gedachte , wie man sie noch selten erlebt haben sollte , ging sie unter dem weißen Schleier der Leidtragenden mit brennender Kerze hinaus auf das Grab ihres wahrhaft geliebten Vaters . Neben ihr auf der Bank , welche das Weihwasserbecken trug , kniete die ältere Schwester und betete für ihren Gatten . Noch als nirgends mehr ein Kirchgänger zu sehen war , knieten sie stumm nebeneinander . Angelika konnte wenigstens doch weinen . Seit sie und Andreas in demütiger Selbstbeschuldigung sich die Hände reichten , war ihr Herz leichter geworden . Zusel aber fand noch keinen Gedanken , der die Tiefgebeugte nur ein wenig erhoben hätte . Bleiern und unbeweglich lastete auf ihr die Untat des Vaters und sein trauriges Ende . Sie , die früher , wo es angeblich Hansens und Dorotheens ewiges Heil galt , schon fast in den Ruf einer Betschwester kam , sie fühlte sich nun von den ihr eingegebenen Trostgründen der Religion fast noch mehr als von jeder anderen Vorstellung gequält . Die Unglückliche hatte , wenn auch sich selbst unbewußt , im vertrauten Umgange mit ihren frommen Freundinnen die Überzeugung gewonnen , welche der Krämer schon aus dem zuletzt plötzlich entstandenen Unfrieden des Elternhauses mitnahm und später fast immer als maßgebend gelten ließ - nämlich die , daß fromme Worte für die erwachsenen Kinder soviel seien als für die kleinen die Erinnerung an den heiligen Klaus oder an den heißen Rollhafen im Fegfeuer . Wer solche Worte brauche , wolle nur selbst einen Vorteil daraus ziehen . Zusel war ihrem Gotte nie ferner gewesen , als da sie so häufig von seinen Geboten redete . Da kam der letzte Montag und predigte der kalt und hart Gewordenen furchtbar eindringlich von einer gerechten Vergeltung . Auch da wieder nahm Zusel wie eine rechte Betschwester vor allem den Rosenkranz zur Hand , aber sie fühlte bald , daß ihr eigenes nun erwachtes Gewissen weniger leicht als ihre Nachbarschaft zu täuschen sei . Sie wagte nicht mehr zu beten . Jeder fromme Trostgedanke traf das tiefwunde Herz wie ein neuer Stich . Auch hier auf dem frischen Grabhügel betete sie nicht . Trockenen Auges starrte sie unverwandt auf die beiden Kreuze , bis sie hinter sich ein schwaches Hüsteln zu hören meinte . Schnell drehte sie sich um , während Angelika ganz ruhig blieb und nichts zu merken schien . Bleich und zitternd lehnte das Mathisle drüben an der Kirchenmauer . Es verließ jedoch seinen Platz und kam dem Grabe näher , sobald es sich bemerkt sah . Ein kalter Schauer durchrieselte das Mädchen beim Anblick des Mannes , dessen Kindern durch sie und den Vater so viel Unrecht angetan war . Ihre früher ganz guten Gründe dafür wollten sie nicht mehr beruhigen . Lange rang sie mit sich , bis ein Wort der Anrede gefunden war . Es paßte zwar noch nicht recht , aber es mußte nun einmal etwas gesagt werden . » Du hast wohl noch kein Seelenalmosen erhalten ? « begann sie mit möglichster Ruhe . » Man denkt im Schrecken über solche Todfälle nicht mehr an alle die Armen , die man dann den Verstorbenen zu Hilf ' und zum Trost als Fürsprecher bei Gott gewinnen möchte . Nun klage nur nicht , daß du nicht mit dem Haufen abgefertigt worden bist . Heute mittag kommst du hinauf , und du wirst zufrieden sein . « Noch selten hatte Zusel sich zu etwas Gewalt antun müssen wie zu diesen Worten . Jetzt aber belohnte sie das Gefühl , ein gutes Werk getan zu haben , und es ward ihr schon etwas leichter . Sie hatte die Mittel , dem armen Vater gegenüber manches noch gutzumachen , und der Vorsatz , es auch zu tun , gab ihr wieder Selbstgefühl und Kraft . Das Mathisle hüstelte noch einmal , dann sagte es , um ein Seelenalmosen tät es freilich bitten , aber um eines , das man ihm auch da gleich geben könnte ; Verzeihung möchte es , daß es doch wieder einmal ruhig leben und schlafen könnte . Und nun wurde des langen erzählt , wie und warum es des Himmels Strafrute dem Krämer gewünscht und Gott schon durch einen der älteren Tochter abgezwungenen Eid und auf andere Weise gleichsam zum furchtbaren Strafgerichte gezwungen habe . Das Mathisle behauptete so bestimmt , an dem ganzen Unglück schuld zu sein , daß auch die aufmerksam gewordene Angelika zu erschüttert war , um gleich ein Wort zum Widerlegen und Beruhigen zu finden . Zusel