ihrer Bosheit , indem sie dem gemeinen Mann Gehorsam vorpredigten . Darum müßten sie sich alle zusammentun , die das Herz auf dem rechten Fleck , Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und Sinn für den Fortschritt hätten ; und sie müßten es durchaus dahin bringen , daß Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen bliebe . Das wär ' eine Schande , sagte er . Und in diesem Ton ging das fort . So sprach er , so las er aus allerhand Schriften vor . Wer ihm glaubte - das war ich ! besonders dann , hochwürdiger Herr , wenn er den Schoppen dazu setzte . Ich hatte ja immer einen unruhigen Kopf , wie Sie ja wissen , und meinte , ich wäre zu was Besserem geboren ; ich wußte nur nicht zu was . Aber der Florentin steckte mir ein Licht auf - nur leider ein Irrlicht ! Ich wollte in Deutschland ein freier Amerikaner werden , und haßte deshalb Fürsten und Herren und Priester , und half Barrikaden gegen sie bauen . Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weißes Haupt , hochwürdiger Herr , als ich durch die Flur strich , um meine Kameraden aufzusuchen , mit denen ich , unter Florentins Anführung , den Marsch auf Windeck und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte . Es kam aber nicht dazu ! Florentins Stirn war nicht eisern genug , um vor dem Schloß Stich zu halten , und Gräfin Regina ließ uns durchaus nicht herein . Aber , hochwürdiger Herr , da der Florentin , der doch auf dem gräflichen Schloß in Sammt und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden , und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden - mit der ganzen Welt mißvergnügt war : mußte ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben , es gehe verkehrt auf der Welt zu ? « » Es war eine Versuchung , armer Wendel , und Du hättest ihr wohl widerstehen können . « » Freilich , hochwürdiger Herr ! aber ich war wie ein Mensch , der im Rausch umherrast , um etwas zu ergreifen , was in seinem verkehrten Hirn sitzt , aber sonst nirgends . « » Ach , Wendel ! « jammerte die Bäuerin , » hättest Du auf mich gehört und auf Dein armes Weib , so wärst Du nimmer in dies Elend geraten . « » Ich weiß ! ich weiß , Bärbel ! Ihr war ' t beide brav und gottesfürchtig und habt mir tausendmal gesagt : Wenn dich die bösen Buben locken , so folge ihnen nicht ; und habt mich bitterlich weinend gebeten , mich mit dem lieben Herrgott durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen . Dafür hab ' ich Euch verlacht und verspottet , und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit , und mein armes Weib ' in ' s Elend geschleppt , wo sie vor Hunger und Kummer umgekommen ist ohne Priester und Sakrament - und die Rosel verloren für Zeit und Ewigkeit - und den siechen Leib , den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein Haus zurückgebracht , weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiß wohin . Ja , Bärbel : Gottes Mühlen mahlen langsam , langsam , aber trefflich fein ; was durch Langmut er versäumet , holet er durch Schärfe ein . Das war ein Kernspruch von der Mutter selig ; weißt Du ' s noch , Bärbel ? ich vergaß ihn Zeit meines Lebens . Als ich drüben blind und krank an den Pocken lag - ein armer Lazarus vor des reichen Mannes Tür - da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn . Ja , ja , Bärbel ! Gottes Mühlen mahlen langsam , langsam , aber trefflich fein ! « » Wenn Du das einsiehst , armer Wendel , « sagte Levin mit zärtlichem Mitleid , so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen . « » Und ich wollt ' es schon aushalten , hochwürdiger Herr , wenn nur nicht der Gram um mein Weib und die Rosel wäre ! mir hat der Florentin den Kopf verdreht - der Rosel das Herz . « Regina hatte bisher schweigend zugehört . Jetzt stand sie auf und sagte mild wie der Engel der Barmherzigkeit : » Wendel , ich kann ' s nicht aushalten , eine so traurige Geschichte von der armen Rose zu hören . Ich will hinausgehen und die Buben ein wenig im Katechismus examinieren . « » Im Katechismus ? « sagte die Bäuerin , indem sie Regina begleitete ; » daß Gott erbarm ! Die Buben sind wie die Wilden , gnädige Gräfin , und wissen vom Katechismus so wenig , wie die Krähe vom Sonntag . « » Wo ist denn die Rose ? kann man ihr nicht helfen ? « fragte Levin , als er mit Wendel allein war . » Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein ; sie ist ja so jung . « » Auf Georgi neunzehn Jahre , hochwürdiger Herr . Sie war von Kindesbeinen an ein sauberes Mädel , aufgeweckt und klug - aber hoffärtig ! den Sparren im Kopf hat sie richtig von mir geerbt : sie wollte hoch hinaus . Das grämte ihre arme Mutter ; mich freute es . Als der Florentin hier herum scharwenzelte , war sie blutjung ; aber sie suchte immer dabei zu sein , wenn er mit mir sprach , und begriff alles so gut , daß sie mir manches erklärte , was ich nicht begriff , so z.B. das Selbstregiment , welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen würde ; und die edle freie Liebe , die jede glücklich machen würde , wenn sie der Neigung ihres Herzens freien Lauf ließe . Ich meine , sie war damals schon in ihn vernarrt . Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch