darum war ihm bange für Ulrich , weil er dessen hochfliegende Seele kannte ; sie konnte sich auch verfliegen und gleich der Motte , weil das Licht ihn anzog , im Lichte fangen und verbrennen . Weil er keine gemeine sinnliche Natur war , konnte es ihm um so eher geschehen , nicht auf gemeine leichtsinnige Weise , sondern durchdrungen von einer poetischen Schwärmerei sein Gelübde , das ihn alle Frauen meiden hieß , zu brechen - so daß doch immer das Resultat , der gebrochene Schwur , dasselbe blieb - ob nun die Verführung von einer realistischen oder idealistischen Anschauung und Seite kam , die Sache blieb sich gleich . Der Propst nahm Ulrich bei der Hand und sagte gutmüthig : » Vergieb dem älteren , erfahrenen Manne , der es recht gut weiß , daß Keiner so fest steht , daß er nicht falle . Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein , was den Ritter und Dich um die Scheurlin zusammenführte - sei gegen sie auf Deiner Hut . « » Aber ich bitt ' Euch , unterbrach ihn Ulrich ärgerlich , » eine so stolze Patrizierin - und ein armer Steinmetzgeselle ; wozu hier noch eine Warnung , und sei sie noch so wohlgemeint . « Der Propst zuckte die Achseln . » So wie ich diese Frau kenne , ist es möglich , daß sie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des römischen Königs und künftigen deutschen Kaisers annimmt und im Stillen ihn von sich weist , nicht mehr gestattet , als die Welt eben sehen darf - aber auch , daß sie im niedern Steinmetzgesellen den Kunstgenius herausfindet und ihm gegenüber keinen Stolz mehr kennt - wenn nur die Welt nichts davon erfährt . « Ulrich schüttelte den Kopf zu diesen Warnungen . Freilich war es ihm , seit er Elisabeth ' s Retter gewesen und seit sie , da er im Kampfe für sie in ihre Augen geschaut und sie über ihn gebeugt verzweiflungsvoll gehaucht hatte : » todt - und für mich « - als sei er dadurch nicht nur belohnt für das , was er für sie gethan , sondern auch geweiht , als sei er berufen , für sie noch mehr zu thun . Aber das lebte als ein so heiliges Gefühl in ihm , daß er es sich selbst und Andern verbarg , und weil ihm war , als habe er damals einen Blick in Elisabeth ' s Inneres gethan , nicht duldete , daß man sie verunglimpfe - ja , nach dem , was Kreß jetzt sagte , erschien sie ihm seiner Verehrung um so würdiger , weil sie von einem Buben gelästert ward sowohl , als auch dadurch , daß sie gerade im Gegentheil zu dem , was man ihr hier nachsagte , die stolzeste Zurückhaltung gegen ihn beobachtete . Wenig Tage nach diesem Zwiegespräch schlich der Jude Ezechiel im Abenddunkel in Ulrich ' s Wohnung , die er nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht . Ulrich meinte , er komme , um sich doch noch für die im Kloster ihm übergebenen Kleider die Bezahlung zu holen , die er damals verweigert hatte . War Ulrich auch in manchen Beziehungen über die ärgsten Vorurtheile hinaus - er fühlte sich doch sehr gedrückt und erniedrigt durch den Gedanken , daß ein Geheimniß von ihm in den Händen dieses Juden sei ; denn wenn er auch nicht wußte , zu welchem Zweck er , Ulrich , im Kloster die Kleider bedurfte , so gab es doch , wie bei jedem Geheimniß , das nicht mehr unser alleiniges Eigenthum , Möglichkeiten und Zufälligkeiten genug , es theilweise wenigstens zu verrathen , oder doch diese Mitwissenschaft des Israeliten gefährlich werden zu lassen , um so mehr , da die Verschlagenheit dieser Leute und ihr Streben , keinen Christen zu schonen bekannt , und in der That mehr als Vorurtheil war . Deshalb galt auch allerdings vor Gericht ihr Zeugniß nicht , und darum war wieder ein Jude eine ungefährlichere Person in diesem Falle , als jede andere ; aber da eben dieser durch seinen Trödlerkram und sein großes » Geschäft « sich schon manchem Christen unentbehrlich gemacht und ihn sich verpflichtet , so hatte er überall Einfluß und Leute , die in seiner Hand waren und nach seinem Willen handeln mußten . Ulrich fühlte sich gedemüthigt , daß Ezechiel ihn diesen wohl gar schon beizählen könne . Kam er auch jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhüllenden Mantel um sich , so lag doch die Möglichkeit nahe , daß Jemand ihn oder doch den Juden in ihm erkenne - und da der Umgang mit einem Juden , besonders für einen christlichen Baubruder , schimpflich war , so wollte er sich des unwillkommenen Besuchs so schnell als möglich entledigen , indem er sogleich fragte ; wie viel er ihm schulde ? Aber Ezechiel wies noch einmal standhaft jede Bezahlung zurück , und erzählte , daß er der Frau Scheurl den Ring gebracht , und wie diese ihm , dem Finder , selbst dafür danken wolle - denn es sei ihr gar viel an dem Ringe gelegen . Sie lasse ihn daher bitten , ihr eine Abendstunde zu bestimmen , in welcher er bei ihr selbst diesen Dank empfangen könne ; sie werde dann auch Alles einrichten , daß sein Kommen ganz unbemerkt bleibe , da ihm das wohl erwünscht wäre . Ulrich trat einen Schritt zurück . Im ersten Augenblick dachte er wohl an des Propstes Warnung , wie an dessen Urtheil über Elisabeth ; im nächsten aber , wo er einen Blick auf das cynischlächelnde Gesicht des Juden warf und dessen ganze widerwärtige Erscheinung - da begriff er , daß Elisabeth nicht einen solchen zu ihren vertrauten Aufträgen wählte , selbst wenn ein Zufall ihn wie durch die Uebergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten gemacht . Er fühlte sich versucht , den Juden zu packen und die Treppe hinabzuwerfen ; aber - er mußte