den Glauben als Tyrann und Aristokrat , der Zappler und Stänker schätzt ihn als geistiger Proletarier und Skandalmacher , beide aus Selbstsucht . Will man die Bedeutung des Glaubens kennen , so muß man nicht sowohl die orthodoxen Kirchenleute betrachten , bei denen der Institutionen wegen alles über einen Kamm geschoren ist und das Eigentümliche daher zurücktritt , als vielmehr die undisziplinierten Wildlinge des Glaubens , welche außerhalb der Kirchenmauern frei umherschwirren , sei es in entstehenden Sekten , sei es in einzelnen Personen . Hier treten die rechten Beweggründe und das Ursprüngliche in Schicksal und Charakter hervor und werfen Licht in das verwachsene und fest gewordene Gebilde der großen geschichtlichen Masse . Es lebte in unserer Stadt ein Mann , welcher sich ein Vergnügen daraus machte , den Leuten , welche sich mit ihm abgaben , allerlei Erfindungen und Aufschneidereien vorzutragen , um sie nachher ihrer Leichtgläubigkeitwegen zu verhöhnen , indem er erklärte , die Geschichte sei gar nicht wahr . Jemand anders aber mochte erzählen , was er wollte , so stellte der Mann es in Abrede und hatte eine ganz eigene tückische Manier , die Treuherzigkeit , mit welcher ihm etwas gesagt wurde , ins Lächerliche zu ziehen , auf die gleiche Weise , wie er die Treuherzigkeit derer , welche ihm glaubten , spöttisch zu machen wußte . Er aß keine Krume Brotes , die er sich Nicht durch eine Lüge verschafft ; denn er wäre lieber Hungers gestorben , eh als er in ein auf gradem Wege erworbenes Stück Brot gebissen hätte . Aß er aber sein Brot , so sagte er , es sei gut , wenn es schlecht war , und schlecht , wenn es gut war ; hatte er Hunger , so benagte er es zimpferlich und warf die Brocken umher ; hatte er keinen Hunger , so nahm er anderen den Bissen weg , den sie eben in den Mund stecken wollten , und fraß sich so voll , daß er krank wurde ; alsdann behauptete er , sich sehr wohl zu befinden ! Überhaupt ging sein ganzes Streben dahin , sich immer für etwas anderes zu geben , als er war , was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte , so daß er , der eigentlich nichts tat und nie etwas genützt hatte , doch zu jeder Minute in der kompliziertesten Tätigkeit begriffen war . Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten Schleichens und Lauerns , teils um die günstigen Momente zu erhaschen , um seine Narrheiten vorzubringen , teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen , da eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand , die ganze Welt der Unwahrheit und Lüge zu überführen , und es war nichts Lustigeres zu sehen , als wenn er , soeben hinter einer Tür , wo er gelauert hatte , auf den Zehen hervorhüpfend , plötzlich strack und steif dastand , mit rollenden Augen um sich stierte und mit bombastischen Worten seine Gradheit , Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrühmte . Da er bei alledem wohl fühlte , daß jedermann besser daran war als er , so erfüllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele , welches ihn verzehrte wie ein glühendes Feuer und welches sich dadurch äußerte , daß sein drittes Wort immer das Wort » Neid « war . Er versicherte , sich in einer ewig glückseligen moralischen Überlegenheit zu befinden , und sah daher in jedem Blatte , das nicht nach seiner Weise säuselte , einen neidischen Widersacher , und die ganze Welt war nur ein vor Neid zitternder Wald für ihn . Widersprach ihm jemand , so schrieb er jeden Widerspruch dem Neide zu , schwieg man während seiner Vorträge , so ward er wütend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten , um denselben des Neides zu beschuldigen , so daß seine ganze Rede durch das unaufhörlich wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum neidisch tönenden Gesange des Neides selbst wurde . So war er in allem der persönliche Feind der Wahrheit und atmete nur in Abwesenheit derselben , wie die Mäuse auf dem Tische tanzen , wenn die Katze nicht zu Hause ist , und die Wahrheit rächte sich auf die einfachste Weise an ihm . Sein Grundübel war , daß er schon im Mutterleibe hatte gescheiter sein wollen als seine Mutter , und infolgedessen konnte er nur leben , wenn er nichts zu glauben brauchte , was irgend ein Mensch sagte , alle Menschen aber glaubten , was er sagte . Nun konnte er sich freilich stellen , als ob dem so wäre , und er tat es auch , was schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen Verlogenheiten und seine Hauptlüge war ; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte machte sich doch zu offenbar im Gelächter seiner Nebenmenschen . Daher fand er kurz und gut seinen besten Stützpunkt in derjenigen Lehre , welche den unbedingten Glauben zum Panier erhebt . Schon daß die allgemeine Richtung der Zeit sich vom Glauben abwandte und die Mehrzahl der denkenden Menschen , wenn sie sich auch nicht dagegen aussprachen , doch denselben gut sein ließen und in der Praxis nur auf das Begreifliche und Erkennbare bauten , war ihm Grund genug , sich dieser Richtung schnurstracks entgegenzustellen und dabei zu behaupten , der Hang und Drang der Zeit ginge unverkennbar auf den erneuten Glauben los ; denn er konnte das Lügen nirgends lassen . Diejenigen , welche wirklich glaubten , waren ihm höchst langweilig , und er bekümmerte sich nicht um sie , daher er auch nie in einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft gesehen wurde . Dagegen hatte er es um so mehr mit denen zu tun , welche nicht glaubten . Nicht daß er sich um das Seelenheil derselben viel gekümmert hätte , obgleich er die Sache mit ängstlicher Hast verfolgte ; seine Angst war die hatte er einmal gesagt , daß er glaube , so mußten für ihn alle , welche nicht glaubten , Esel sein , und wenn dies auf sein Wort hin nicht angenommen wurde , so glaubte er selbst