. Als sie ihrem Sohne begegnete , blieb sie stehen , und in der Gegenwart von einigen zwanzig Zeugen sagte sie plötzlich : » Sie wollen uns morgen verlassen ? Sie sind sehr eilig , Ihre schönen Besitzungen in Ste . Roche in Augenschein zu nehmen ! Doch müssen wir Ihren Eifer loben - mehrere Ihrer Vorfahren pflegten von Zeit zu Zeit sich dort aufzuhalten . Ihre Eltern haben diese Neigung nicht gefühlt - vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder ähnlicher . - Wir werden uns diesen Abend bei der Königin sehn ! « Als sie bei diesem Winke das Wort an einen Anderen richtete , fühlte Leonin zuerst etwas wie Groll in sich aufsteigen , und sein gequältes Herz malte sich in seinen bleicher werdenden Zügen . Mit demselben Ausdrucke noch sah ihn die sanfte Henriette von England am Abende bei der Königin , in dem ungewöhnlich vergrößerten Zirkel , und ihr theilnehmendes Lächeln wollte ihn aufrichten ; da sie hoffte , er würde durch ihre Vermittlung noch Alles diesen Abend erreichen , was seine sichtlich gekränkte Stimmung verrieth . Nach dem Erscheinen des Königs , der sehr bald seinen Platz neben seiner schönen Schwägerin einnahm , ward es Leonin möglich , sich Mademoiselle de Lesdiguères zu nähern , die mit der größten Theilnahme ihn aus der Ferne beobachtet hatte . Er fühlte sich , wie immer , an ihrer Seite erleichtert ; - sie schien ihm heute vor Allen das einzige menschliche Wesen in diesem Kreise , und er glaubte , nach der gewöhnlichen Weise der Männer , sich jeder Empfindung hinzugeben , ohne der nothwendigen Mißdeutung ihrer Aeußerungen gedenken zu wollen , daß er ihr endlich die ganze Weichheit und Erschütterung seiner Seele zeigen dürfe . Er sagte ihr , daß er am andern Morgen abreisen werde - er sagte ihr , wie schwer sein Herz sei , wie es ihm scheine , er werde nie wieder hierher zurückkehren ; wie alle Hoffnungen , alle Wünsche auf diesem Schauplatze des Lebens ihm versunken wären , und er sich nur wieder finden könnte in der Einsamkeit von Ste . Roche - er verließe hier Niemanden mit schwerem Herzen ; allein die Trennung von ihr bekümmere ihn tief - gern , gern würde er ihr sein ganzes Herz aufgeschlossen haben , aber er müsse fürchten , daß sie ihn alsdann für immer aus ihrer Nähe verbanne , und es würde die Brücke , die ihn zurückführen könne , völlig abbrechen heißen , wenn er Sie nicht als seine Freundin wieder zu finden wisse . - Er sagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme , der die tiefste Herzensbewegung ausdrückte , und blickte sie dabei mit einer Bewunderung an , die ihre ungewöhnliche Schönheit ihm immer einflößte , und die ihm dies Mal durch den Ausdruck ihrer Züge , durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien . Viktorine fühlte seine Worte , seine Blicke , seine ganze Stimmung mit der vollkommen gerechtfertigten Ueberzeugung , von ihm geliebt zu sein und sich jetzt als die Ursache seiner Verzweiflung , seiner Abreise ansehen zu müssen . Hätte man Leonin die Aufgabe gestellt , Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu überzeugen , die ihrige zu gewinnen , er hätte diese Aufgabe nicht besser , nicht vollständiger lösen können , als durch sein , seit Monaten verfolgtes Verhältniß zu ihr . Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu haben , da er nie förmlich um sie geworben , innerlich sich diese Absicht nicht eingestanden . Er hatte den Genuß des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht , er hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt , ob die Mittel , die er zu Beidem wählte , das unbewachte , argwohnlose Herz eines Mädchens mit Hoffnungen erfüllten , die der ihr bewiesenen Liebe gemäß sein mußten . Er würde jeden Vorwurf voll Erstaunen zurückgewiesen haben , da er ja niemals um ihre Hand geworben hatte ; - und doch würde er dieses letzte Formular der Liebe selbst für überflüssig gehalten haben an einer andern Stelle , wo er doch nicht mehr hätte thun können , als hier , wenn er diese Absicht hätte ausdrücken wollen . - Was Leonin überdies nicht wußte , Viktorinen aber von ihrer geschwätzigen Mutter längst vor seiner Bekanntschaft verrathen ward , war das , zwischen der Marschallin und dem Hause Lesdiguères unter Genehmigung beider Majestäten , abgeschlossene dereinstige Ehebündniß ihrer beiden Kinder . Mademoiselle de Lesdiguères war allerdings an Rang und Reichthum die ausgezeichnetste Partie des Hofes - die Marschallin konnte nicht klüger wählen , und die Persönlichkeit des Fräuleins schien , selbst unter den später eintretenden Verhältnissen Leonin ' s , ihren Sieg zu sichern . Doch Viktorine grollte jedem Zwange , und sie beschloß , Leonin so abstoßend und hart zu behandeln , daß die Eltern ihre vorschnellen Pläne aufgeben müßten . Wie sie es versuchte , haben wir erwähnt ; eben so , wie sie nach und nach das Opfer jener gewöhnlichen , edeln weiblichen Täuschung in Bezug ihrer Einwirkung auf Leonin ' s Karakter wurde , der ihr noch unvollendet erschien . Jetzt liebte sie ihn - und nicht mehr , was er durch sie werden könnte , war die Frage - sondern , ob er ihr , so wie er war , gehören könne und wolle . Trotz dieser stärker werdenden Empfindung aber besaß sie zu viel Karakter , um einem Vorsatze untreu zu werden , der außerdem ihr edles Herz erfüllte - dieser war , ihre Gebieterin , die Königin , die sie anbetete , die Viktorine als Freundin und Vertraute zärtlich wieder liebte , nie gänzlich zu verlassen ; da sie sich bewußt war , mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das vielfache Böse , das in dem Verhältnisse beider Ehegatten lag , zuweilen abhalten , mildern oder versöhnen zu können . Sie hatte daher der Königin , wie dem Könige in ihrer unumwundenen Weise erklärt , sie würde nur