sein Frühstück zu genießen . Der törichte Franke lief jetzt durch die Stube indem er einen schönen jungen Mann an der Hand herzuführte , in dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht , den ihm der Unkluge geschildert hatte , zu erkennen vermeinte . Sie begrüßten sich gegenseitig und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden . Leonhard eilte in die Sebaldkirche , und die vollen Orgeltöne begrüßten ihn . Durch die gemalten , bunten Fenster schien die Sonne , und brach den scharfen Strahl in den schimmernden hellen und lieblichen Farben . Als wenn durchsichtige leuchtende Decken in Farbenpracht vom hohen Gewölbe niederhingen , so harmonisch verbanden sich die schönen Fenster mit dem ehrwürdigen schattenreichen Gebäude , das sie sanft erhellten . Die Kanzel , Sebalds schönes Grabmal , die merkwürdigen Bilder sah er jetzt nur aus der Ferne , um den Gottesdienst nicht zu stören . Auf die Predigt konnte er nicht eben achten , denn seine Träume übertönten das lehrende Wort des gutmeinenden Priesters . Er entfernte sich wieder still , um auch die schöne Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen , deren leichtere Bauart und schlankere Säulen fast fröhlich gegen des Sebaldus-Doms ernsteren Charakter abstechen . Er ließ seinen Genius gewähren , der heut in seinem Innern waltete , und den Vorhang vom Allerheiligsten zurückschlug . Wer diese Tempel-Empfindung niemals gefühlt und erlebt hat , der wird es schwerlich begreifen , daß Leonhard sich in einen Winkel verbarg , um seine Tränen unbemerkt strömen zu lassen . Als er sich an diesem wollüstigen Weinen ersättiget hatte , wandelte er wieder bei sonntäglicher Stille durch die herrliche Stadt , Wieder erfreute er sich , wie vor Jahren , der Blicke auf den Brücken über das Wasser hin , und die wundersamen hölzernen Galerien , die , geschnitzt , bemalt , häusliche Arbeiter zeigten , oder spielende Kinder , oder sinnende Menschen , die sich über das Geländer lehnten . Er trauerte über jede Veränderung , die er wahrnahm , und die die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten . Viele der wunderlichen Gemälde hatte man ausgelöscht ; so die Riesen in der Nähe des roten Rosses , welche Otnit , Hildebrand , Dietrich von Bern und andere Helden der alten deutschen Gedichte vorstellen sollten . Viele Häuser waren mit jenem aufgeklärten Weiß oder Hellgelb überzogen , an welchen vormals Engel und schwebende Marien prangten ; manche neue Gebäude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren Architektur , und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten Bürgerhäusern nur widerwärtig aus . So , geteilt in Zorn und Freude , kehrte er in seinen Gasthof zurück . Aber welch unangenehmes Gefühl überraschte und störte ihn , als ihm aus dem Eßzimmer ein rohes Geschrei entgegentönte , und er in der Ferne die fratzenhafte Figur jenes Wassermann unterschied , der ihm schon auf der Reise damals so verletzend entgegengetreten war . Er konnte es nicht über sich gewinnen , sich an derselben Tafel niederzulassen , weil ihm der Gedanke unerträglich war , von dem widerwärtigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden . Er ließ sich also von dem willigen Kellner seine Speisen in das Nebenzimmer bringen , wo er , weniger gestört , das laute Schreien des Übermütigen nur wie aus der Ferne vernahm . Sowie die Tür geöffnet wurde , vernahm Leonhard die Worte des laut Sprechenden deutlich , und um so mehr , da die übrigen nur wenig und leise sprachen . Nach und nach gewöhnte sich der Einsame mehr an das Geräusch , weil ihn seine gerührte Stimmung , vom Wein erheitert und gestärkt , nach und nach verließ , und einer alltäglicheren Fröhlichkeit Platz machte . So war ihm endlich in dieser sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrüßlich , und er konnte auf sein Geschwätz und seine Prahlereien , ohne sich zu ärgern , hinhören . Da vernahm er denn , wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzählte , und wie er dann wohl , zum zweitenmal vermählt , sich mehr zur Ruhe setzen würde , und weniger in den benachbarten Ländern umherreisen . Er kenne die Welt und habe sie gehörig genossen , daher sei ihm auch die Neugierde , die den jungen Gimpeln so eigen sei , völlig vergangen . Leonhard mußte lächeln , denn diese Äußerung traf ihn selbst am meisten , der diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Jünglings geschwelgt hatte , der zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verläßt . So fuhr nun Wassermann fort , seine Lebensansichten und seine Gedanken über Liebe und Ehe auszusprechen . War ihm die Liebe schon lächerlich , so war nach ihm die Eifersucht gar das Verächtlichste , wozu der Mann nur hinabsinken könne . Er verlangte für beide Geschlechter völlig dieselben Rechte und Befugnisse , und da keinem Richter und Gesetz das Recht zustehe , den Mann zu beschränken , wenn er nicht öffentlichen Skandal mache , so dürfe die Frau auch nicht wie eine Sultanin behandelt und eingesperrt werden . Wenn der Mann freilich Unrat merke , oder gar hinter eine Liebschaft komme , so sei es ihm natürlich erlaubt und geziemend , mit einem tüchtigen Stock vorzüglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen . Mehr als barbarisch aber , völlig abgeschmackt sei es , zu forschen , fragen , zanken über das , was vor der Ehe sich begeben haben könne . Eine europäische Narrheit sei es , von dem Mädchen und der Braut zu verlangen , daß sie keinen Mann vorher gekannt , oder geliebt , oder sich ihm ergeben habe , da es doch abgeschmackt herauskommen würde , wenn man den Bräutigam , ob jung oder alt , darüber examinieren oder erkommunizieren wolle . » Wahrlich « , rief er endlich , » auch hierin hat sich Moses als der größte Denker und Gesetzgeber erwiesen ; denn bei den Juden darf nach dem mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen , was die anderen Religionen in ihrer Torheit so hoch stellen .