: » Ach , was wollen Sie da sehen ! Ich werde Sie abholen , wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schönbrunn . « Gestern ging ich mit ihm in einen herrlichen Garten , in voller Blüte , alle Treibhäuser offen , der Duft war betäubend ; Beethoven blieb in der drückenden Sonnenhitze stehen und sagte : » Goethes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt , auch durch den Rhythmus eine große Gewalt über mich , ich werde gestimmt und aufgeregt zum Komponieren durch diese Sprache , die wie durch Geister zu höherer Ordnung sich aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trägt . Da muß ich denn von dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen , ich verfolge sie , hole sie mit Leidenschaft wieder ein , ich sehe sie dahinfliehen , in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden , bald erfasse ich sie mit erneuter Leidenschaft , ich kann mich nicht von ihr trennen , ich muß mit raschem Entzücken in allen Modulationen sie vervielfältigen , und im letzten Augenblick da triumphiere ich über den ersten musikalischen Gedanken , sehen Sie , das ist eine Symphonie ; ja , Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum sinnlichen . Ich möchte mit Goethe hierüber sprechen , ob der mich verstehen würde ? - Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie . Wird nicht der geistige Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefühl durch die Melodie ? - Empfindet man nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie ? Und erregt diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen ? - Da will der Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen , wo alles in allem sich bildet zum Bett der Gefühle , die aus dem einfachen musikalischen Gedanken entspringen , und die sonst ungeahnt verhallen würden ; das ist Harmonie , das spricht sich in meinen Symphonien aus , der Schmelz vielseitiger Formen wogt dahin in einem Bett bis zum Ziel . Da fühlt man denn wohl , daß ein Ewiges , Unendliches , nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege , und obschon ich bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe , so fühle ich einen ewigen Hunger , was mir eben erschöpft schien , mit dem letzten Paukenschlag , mit dem ich meinen Genuß , meine musikalische Überzeugung den Zuhörern einkeilte , wie ein Kind von neuem anzufangen . Sprechen Sie dem Goethe von mir , sagen Sie ihm , er soll meine Symphonien hören , da wird er mir recht geben , daß Musik der einzige unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist , die wohl den Menschen umfaßt , daß er aber nicht sie zu fassen vermag . - Es gehört Rhythmus des Geistes dazu , um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen , sie gibt Ahnung , Inspiration himmlischer Wissenschaften , und was der Geist sinnlich von ihr empfindet , das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis . - Obschon die Geister von ihr leben , wie man von der Luft lebt , so ist es noch ein anders , sie mit dem Geiste begreifen ; - je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr schöpft , je reifer wird der Geist zum glücklichen Einverständnis mit ihr . - Aber wenige gelangen dazu , denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermählen und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart , obschon sie alle das Handwerk der Liebe treiben , so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik und haben doch ihre Offenbarung nicht ; auch ihr liegen die hohen Zeichen des Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst , alle echte Erfindung ist ein moralischer Fortschritt . - Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen , vermöge dieser Gesetze den eignen Geist bändigen und lenken , daß er ihre Offenbarungen ausströme , das ist das isolierende Prinzip der Kunst ; von ihrer Offenbarung aufgelöst werden , das ist die Hingebung an das Göttliche , was in Ruhe seine Herrschaft an dem Rasen ungebändigter Kräfte übt und so der Phantasie die höchste Wirksamkeit verleihet . So vertritt die Kunst allemal die Gottheit , und das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion , was wir durch die Kunst erwerben , das ist von Gott , göttliche Eingebung , die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt , was er erreicht . Wir wissen nicht , was uns Erkenntnis verleihet ; das fest verschloßne Samenkorn bedarf des feuchten , elektrisch warmen Bodens , um zu treiben , zu denken , sich auszusprechen . Musik ist der elektrische Boden , in dem der Geist lebt , denkt , erfindet . Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen Geistes ; ihre Bedürftigkeit , die alles auf ein Urprinzip gründen will , wird durch sie gehoben , obschon der Geist dessen nicht mächtig ist , was er durch sie erzeugt , so ist er doch glückselig in dieser Erzeugung , so ist jede echte Erzeugung der Kunst , unabhängig , mächtiger als der Künstler selbst , kehrt durch ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück , hängt nur darin mit dem Menschen zusammen , daß sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Göttlichen in ihm . Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie . Ein Gedanke abgesondert , hat doch das Gefühl der Gesamtheit der Verwandtschaft im Geist ; so ist jeder Gedanke in der Musik in innigster , unteilbarster Verwandtschaft mit der Gesamtheit der Harmonie , die Einheit ist . Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer , fließender , ausströmender Erzeugung . Ich bin elektrischer Natur . - Ich muß abbrechen mit meiner unerweislichen Weisheit , sonst möchte ich die Probe versäumen , schreiben Sie an Goethe von mir , wenn Sie mich verstehen , aber verantworten kann ich nichts und will mich auch gern belehren lassen von ihm . « - Ich versprach ihm , so gut ich ' s begreife , Dir alles zu schreiben . -