augenblicklich bei sich zu sehen . » Jetzt ? jetzt ? in dieser Minute ? Nimmermehr ! jetzt nicht , jetzt kann ich nicht zu ihm , « rief Hippolit , bald erglühend bald erbleichend . » Nein , Sie können und dürfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht , und ich selbst will dieses ihm erklären , « erwiderte Gabriele , gab dann schnell dem Bedienten Befehl , den Grafen in einer Sänfte nach Hause zu geleiten und ergriff die Gelegenheit , mit leichtem Gruß an ihm vorüber zu eilen , um Moritzen über sein Nichterscheinen zu beruhigen . Sie verschwand bald unter den Säulen der Vorhalle , und Hippolit starrte noch immer ihr nach . Er fühlte nicht , daß die Binde wieder um den verwundeten Arm gelegt ward , er merkte kaum , daß man dem Ausgange des Gartens ihn zuführte . Nur als er zu Hause in seinem eignen Zimmer , aus den Fenstern desselben , Gabrielens Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte , nur da kam ein lichter Gedanke an die zunächst vergangne Stunde in ihm auf . Ein schnell aufsteigendes Wetter thürmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor , schon fielen einzelne große Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der Pappeln beugten sich tief vor dem plötzlich sich erhebenden Gewittersturm . Mit bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur , der über Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien , als die Sonne die Wolken zerriß . Die Regentropfen wandelten sich in glänzend flüssiges Silber , und hoch über den Pappeln wölbte sich prächtig der leichte Farbenbogen des Friedens und der Hoffnung . Mit so anscheinender Kälte Gabriele auch immer die unerwartete Erklärung ihres jungen Freundes aufgenommen haben mochte , in ihrem Innern fühlte sie sich doch dabei von Mitleid , Schrecken und zürnendem Erstaunen bewegt . Vergebens versuchte sie das ganze unangenehme Ereigniß zu vergessen , sie konnte sich nicht enthalten in der Einsamkeit darüber nachzudenken . Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in dem Gräde erschüttert , es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf auf ihrem Gemüthe und doch war es ihr unmöglich , zu entdecken , wo und wie sie gefehlt habe . Mißmüthig über dieses beängstigende Empfinden , ergriff sie endlich die Feder , um sich gegen Frau von Willnangen über den Vorgang auszusprechen der es veranlaßte , und so vielleicht auch mit sich selbst darüber ins Reine zu kommen . Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben , als sie mit unwilligem Lächeln alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschloß . » Bin ich nicht thöricht ! « sprach sie bei sich selbst . » Müßte Frau von Willnangen nicht laut auflachen , wenn sie läse wie ich eifrig ernsthaft , gleich einem sechszehnjährigen Mädchen , ihr in großer Herzensangst die Liebeserklärung eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings mittheile , und sie bitte , in dieser entsetzlichen Noth mir zu rathen ? Nein ! wahrlich nein ! so großen Lärmen wollen wir über ein solches Flackerfeuer nicht anstellen ! Ihre Wangen erglühten in tiefer Beschämung . Wie war es mir möglich , die brausenden Ausbrüche eines exaltirten jugendlichen Sinnes so zu mißverstehen ? « dachte sie , während sie den angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete . Weichheit des eben Genesenden , Frühlingsfreude nach langem Entbehren , ließen ihn sich selbst verkennen ; warum denn nicht auch mich ? Er wird froh seyn , wenn ich zu vergessen scheine , was ich nur vergessend verzeihen kann , und was er gewiß nie wieder wagen wird in Anregung zu bringen . Höchstens könnte nur durch Widerspruch erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen , und das muß vermieden werden . « Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen , um Hippoliten die Erlaubniß zu erbitten , ihn am Abend besuchen zu dürfen . Moritz suchte seinen Jubel darüber in allen Sprachen , deren er mächtig war , auszudrücken und versicherte , nun ebenfalls in den nächsten Tagen wieder ausgehen zu können . » Wir wollen uns damit denn doch nicht übereilen , « erwiderte der Arzt , zu Gabrielen gewendet . Auch dem jungen Grafen wäre es sehr gesund , wenn er noch einige Tage daheim bleiben wollte , aber er läßt sich nicht halten und so ist es gerathner , wenn wir ihm das Ausgehen mit gehöriger Sorgfalt erlauben , als daß er uns , wie gestern geschah , entspringt , und unnützer Weise in Angst versetzt . Ich fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung ; auch seine Wunde schien sich wieder entzünden zu wollen , und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt als krank . Ich wußte nicht , was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte und war schon im Begriff , ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die ihm vorgeschriebene Diät zu halten , als ich erfuhr , daß er in der Sonnenhitze von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sey . « Hippolit erschien gegen Abend . Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft in Moritzens Zimmer zugegen . Er erröthete , erbleichte und kam bei ihrem Anblick sichtbar außer Fassung , doch Moritzens ausgelassene Freude über das Wiedersehen seines Lieblings überstimmte alles , und verbarg auch die kleine Verlegenheit , deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht gänzlich erwehren konnte . Moritz war an diesem Abend , vielleicht zum erstenmal in seinem Leben , die Seele des kleinen Vereins ; er scherzte , lachte über seine eignen Einfälle , und ließ übrigens niemanden zum Worte kommen . Hippolit bemühte sich zwar , wie sonst munter und unterhaltend zu erscheinen , aber der Zwang , den er sich dabei anthat , konnte nur einem Beobachter , wie Moritz war , entgehen . Gabriele ward dessen wohl gewahr , sie nahm ihn als Beweis des beschämenden Gefühls , mit dem er des gestrigen Morgens gedenken mochte , und strebte nur , durch möglichste Unbefangenheit