umzustoßen – er diktierte uns ein neues . Wir schrieben beide nach , um ganz sicher zu gehen – sein heiseres , oft von Röcheln unterbrochenes Flüstern war schwer verständlich ... Er ernannte den Chef seines Hauses zu seinem Universalerben , die Frau Marquise aber hatte das Nachsehen ; sie erhielt nicht einen Fußbreit Landes , nicht ein Goldstück seines Besitztums ... Der Sterbende unterschrieb das Schriftstück des Visconde als das vollständigste und klarste , und wir beide unterzeichneten als Zeugen ... Er legte befriedigt das Haupt auf das Kissen zurück , um zu sterben ; da wurde die Tür des Vorzimmers aufgerissen , dann kamen schleppende Seidengewänder näher ; wir kannten diese Schritte nur allzu gut ! Der Visconde eilte hinaus , um die Türe zu verteidigen , und ich – verbarg schleunigst das gültige Testament in meiner Brusttasche ... Draußen sank die schöne Aspasia vor dem Wächter der Türe nieder und schlang ihre weißen Arme um seine Knie . Das gelbe Haar , das ihr der Sturm auseinandergerissen hatte , schleifte lang auf dem Boden ; an der Seite des Gesichts aber floß es schmal und rot nieder und ringelte sich über den weißen Hals hin wie eine kleine Schlange – ein Stein aus niederstürzendem Mauerwerk hatte ihr Stirn gestreift – sie blutete ... Der Visconde vergaß seine Pflicht und Ehre über der rührenden Hilflosigkeit der Bittenden – die Tür flog auf , und die Marquise stürzte an dem Sterbebette nieder ... Dom Enriquez verwünschte sie mit seinem letzten Atemzuge , er ging hinüber mit der Gewißheit , sein Unrecht ausgelöscht zu haben ; aber die schöne Aspasia mit dem vor Angst zu Wachs erblichenen Gesicht war doch sein und unser Meister ... Die buntschillernde Schlange umstrickte in weichen , schmeichelnden Windungen den stolzen , ritterlichen Mann , den Hauptzeugen – er erlag dem Dämon . Er trat plötzlich in eine Fensternische , wandte dem Zimmer mit allem , was darin war , beharrlich den Rücken und sah unverwandt und angelegentlich hinaus in das nächtliche Sturmgebraus . Dann züngelte die Schlange an mich heran und zischte mir leise zu , daß ihr einziges Kind , der Abgott meines Herzens , mein sei , wenn ich geschehen lasse , daß sie das auf dem Tische liegende Schriftstück lese – ich wandte das Gesicht weg ; sie ergriff das Exemplar des Testaments , das ich nachgeschrieben hatte . Mit halblauter Stimme , bebend vor Ingrimm , überlas sie die ersten Paragraphen , die sie in deutlichster Form verstießen – sie wandte das Blatt nicht um – somit entging ihr das Fehlen der Unterschrift . Grell auflachend , ballte sie plötzlich das Papier in den Händen zu einem gestaltlosen Klumpen und schleuderte ihn in die Kaminflamme ... Erst nachdem die Frau Marquise kraft des ersten Testaments ihre Erbschaft angetreten , hatte sie die Gnade , mir achselzuckend und satanisch lächelnd die Mitteilung zu machen , daß sie bereits wenige Sekunden vor ihrer tollen Fahrt nach dem Sterbelager des Dom Enriquez ihre Tochter mit einem Ebenbürtigen verlobt habe . Ich konnte sie nicht mehr verraten , ohne den Kopf selbst in die Schlinge zu stecken . ‹ « ... Ein Gemurmel flog durch den Kreis . Der Portugiese schritt auf den Fürsten zu . » Das eigentliche gültige Testament des Dom Enriquez aber wanderte mit dem ruhelosen Mann , der auf die Eröffnung der Frau Marquise nicht ein Wort der Erwiderung gefunden hatte , in die Welt hinaus « , sagte er mit feierlicher Stimme . Er griff in die Brusttasche und nahm ein Papier hervor . » Er hat es kurz vor seinem Tode in meine Hände niedergelegt . Wollen sich Euer Durchlaucht überzeugen , daß es tadellos in seiner Abfassung ist ? « Mit einer tiefen Verbeugung reichte er dem Fürsten das Papier hin . Aller Augen hingen in atemloser Spannung an dem fürstlichen Antlitz . Niemand sah , wie der Minister bei dieser überraschenden Wendung mit leichenhaften Wangen anfänglich zurücktaumelte , dann aber sich halb von seinem Sitze erhob und mit vollkommener Hintansetzung des Schicklichen über die Schulter seines fürstlichen Herrn hinweg in das Blatt stierte , das dieser langsam , mit befangenem Zögern entfaltete . » Ha , ha , ha , mein Herr von Oliveira « , rief Seine Exzellenz heiser auflachend , » Sie gehen in der Mystifizierung Ihrer aufmerksamen Zuhörer wirklich so weit , selbst eine schriftliche Beglaubigung Ihrer allerliebsten kleinen Erzählung zu bringen ? « Auch dieser impertinente Ausruf wurde nicht weiter beachtet . Der auserwählte Kreis der Hoffähigen hatte ja das selten interessante Schauspiel , den Fürsten völlig fassungslos zu sehen . Er hielt das geöffnete Papier einen Augenblick in den leicht bebenden Händen , als traue er seinen Augen nicht . Sein Antlitz wurde dunkelrot vor Bestürzung – er überflog die erste Seite , dann wandte er das Blatt und suchte die Unterschrift . Wenn indes die lauschende Menge erwartete , nun auch die Namen des Dokuments von den Lippen zu hören , die wie nach Atem ringend sich öffneten , dann irrten sie sich – der Fürst war nicht umsonst langjähriger Schüler seines diplomatisch gewiegten Ministers gewesen – die Lippen schlossen sich wieder . Er legte sekundenlang die Rechte über die Augen , dann richtete er sich auf , als erwache er aus einem Traume , legte das Papier mit fieberhafter Hast zusammen und schob es in die Tasche . » Sehr hübsch , sehr interessant , Herr von Oliveira ! « sagte er in eigentümlich bedeckten Tönen . » Ich werde noch einmal darauf zurückkommen – gelegentlich ! ... Aber wahrhaftig « , rief er aufspringend , » Sie haben recht , liebe Schliersen , es fängt an zu regnen ! ... Eilen wir , unter das sichere Dach zu kommen ! Hören Sie , meine Damen , wie es in den Wipfeln saust und braust ? ... Schnell , schnell ! ... Fackeln voran ! « Es sah aus , als werde in eiliger Hast ein Zigeunerlager abgebrochen .