von der Stelle , ein sicherer Beweis , daß das in dem stillen Lager athmende Leben nicht in kampffähigen Männern wohne . Als ich endlich in geradester Richtung auf fit zulenkte , zogen sich die wilden Bestien auf , eine nahe Anhöhe zurück , von wo aus sie verdrossen zu mir herüberschauten , während die Krähen und Raben durch ängstlicheres Flattern und feindseliges Krächzen ihren Unmuth über die unverhoffte Störung an den Tag legten . Das Geräusch der Thiere nahm bei meiner Annäherung so sehr zu , daß dadurch jeder andere Ton übertäubt wurde , und kaum noch fünfzig Schritte mochte ich von den Zelten entfernt sein , als ich plötzlich zu meiner nicht geringen Ueberraschung eine klagende menschliche Stimme unterschied . Lauschend blieb ich stehen ; die Stimme klang jugendlich und bestand ans jenen gesangartigen Klagelauten , die , wie ich aus Erfahrung wußte , bei den Indianern mehr von Seelenschmerz , als von körperlichen Qualen zeugen . Ich hielt daher jede fernere Vorsicht für überflüssig , und nachdem ich die mit , ankerähnlichen Haken versehenen Fangleinen der Pferde auf die Erbe geworfen , um mir dadurch deren Wiederergreifen zu erleichtern , schritt ich geradenwegs auf das Wigwam zu , aus welchem die Klagetöne ununterbrochen hervordrangen . Bor den Zelten , deren vier in einem Halbkreise unter den Bäumen aufgeschlagen waren , spähte ich noch einmal um mich . Nichts in der nähern Umgebung beutete auf eine blutige Scene . Zwar lagen Waffen , Hausgeräthe , indianische Kleidungsstücke und Schmucksachen , die sonst mit der größten Sorgfalt aufbewahrt werden , unordentlich zerstreut auf der Erde umher , wie auch die Stützen des einen Zeltes zur hälfte umgebrochen waren , allein von einem stattgehabten Kampfe entdeckte ich ebenso wenig eine Spur , als von hinterlistigem Blutvergießen . Dagegen belehrte mich ein durchdringender Moderduft , daß ein anderes , nicht minder schweres Unglück die Eigenthümer der Zelte betroffen und diese entvölkert habe . Auf eine traurige Scene vorbereitet , hob ich den Vorhang des einzigen noch belebten Wigwams empor , aber ebenso schnell ließ ich ihn wieder fallen , als die mir entgegenbringende Luft mir fast den Athem raubte . Ein lebendes Wesen hatte ich indessen flüchtig bemerkt , was für mich genügte , sogleich auf die Rettung desselben zu sinnen . Schnell entschlossen zog ich mein Messer hervor und dasselbe in Mannshöhe in die straffe Zeltwand stoßend , ging ich , die scharfe Schneide nach außen gekehrt , ganz um das Zelt herum . Als ich wieder da eintraf , von wo ich ausgegangen war , führte ich noch einen Längsschnitt nach unten , und fast gleichzeitig sank die nun nicht mehr gehaltene untere Hälfte des Zeltleders auf den Boden nieder , mir einen unbeschränkten Anblick des bisher verborgen gewesenen Innern darbietend . Entsetzt starrte ich auf das Bild vor mir hin , entsetzt und zugleich von dem tiefsten Mitleid ergriffen ; und wohl war es ein Bild , welches ein Männerherz erschüttern , auf Augenblicke die ruhige Ueberlegung rauben konnte . Auf einer großen Büffelhaut , nur theilweise verhüllt von einer farbigen Decke , lagen nebeneinander zwei regungslose Gestalten . Ihre Züge waren durch die furchtbare Blatternkrankheit im Tode erstarrt ; ihre halb offen stehenden , aber gebrochenen Augen stierten ausdruckslos in ' s Leere , und aus ihrem ganzen Aeußern ließ sich entnehmen , daß sie bereits vor mehrern Tagen aus dem Leben geschieden waren . Vor den beiden Leichen und im schärfsten Gegensatz zu denselben , kniete eine junge Indianerin . Dieselbe , den Kinderjahren kaum entwachsen , war von der Krankheit verschont geblieben ; allein wenn man ihre ganze Haltung , die fest ineinander verschränkten Hände und dazu den verzweiflungsvollen Blick beobachtete , mit welchem sie auf die beiden Leichen hinsah , während sich ihren halbgeöffneten Lippen der leise melancholische Gesang entwand , dann bezweifelte man nicht , daß sie die beiden Gestorbenen um ihr Loos beneidete und am liebsten kalt und starr zwischen ihnen gelegen hätte . Nur noch mit Mühe hielt sie sich aufrecht ; offenbar hatte sie längere Zeit in dieser Stellung und ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen , hingebracht , jeden Augenblick erwartend , daß die Blattern sich auch ihrer bemächtigen würden . Allein nach ihr hatte der Tod seine Hand nicht auszustrecken gewagt ; es war , als habe er mit so viel Jugend und Schönheit Mitleid empfunden und das verwaiste Kind für spätere Tage , wenn der Schiller der Frühlingsblüthe erst vor dem Herbste des Lebens gewichen sein würde , aufsparen wollen . Und Jugend und Schönheit schmückten das arme verwaiste Mädchen , und zwar Schönheit , nicht allein nach indianischen Begriffen , sondern sie erinnerte an jene anmuthigen , südlichen Erscheinungen , wie sie die Künstler oft zu Modellen ihrer Madonnenbilder wählen , oder sie auch als Mittelpunkt einer lieblichen , von dem Lenz des Lebens umflossenen Familiengruppe auf die Leinwand hinzaubern . Als ich die junge Indianerin zuerst gewahrte , hatte sie mir ihr Profil zugekehrt , ein schönes , edel geschnittenes Profil , welches mich lebhaft an meine unvergeßliche Johanna erinnerte . Allerdings war sie kleiner und schmächtiger , allein die sanft gebogene Nase , die langen Wimpern an den gesenkten Lidern und die vollen Lippen waren die Johanna ' s , nur im verjüngten Maßstabe , und sogar das lange , rabenschwarze Haar , welches nicht schlicht , wie sonst stets bei den Eingebornen , sondern in Wellenlinien zu beiden Seiten des abgehärmten Antlitzes bis tief über die Schultern niederfiel , trug mit dazu bei , mir Johanna ' s Bild so recht klar in das Gedächtniß zurückzurufen . Doch nur beim ersten Hinblick wurde ich von einer gewissen Aehnlichkeit betroffen ; als ich erst vertrauter mit ihren Zügen geworden war , schwand auch die Aehnlichkeit , und ich sah eben nur eine junge verlassene Indianerin , zu welcher ein freundliches Geschick mich führte , um mich ihrer anzunehmen , sie zu beschützen und vor dem Untergang zu bewahren . Ihr Oberkörper war