schnellte er auf die Füße . Wo ein Feuer in Herzen und Hirnen glühte , fachte er es zur lodernden Flamme . Er riß von gebeugten Schultern die staubige Last der Tagesmühen , daß sie sich reckten , er sprengte die eisernen Ringe über der Brust der Hassenden , daß sie frei wurden , und vor seinem Atem zerstoben die Schleier , die Sorge und Übersättigung zwischen Welt und Mensch gewoben hatten . Und ihre Befreiung und ihre Kraft , ihren Zorn und ihre Zuversicht trug der brausende Ruf der Masse gen Himmel . Ihre Füße aber waren beschwingt . Unbekannte führten einander vertraut an den Händen . Kinder schwebten auf Armen und Schultern fremder Männer , damit sie , die Kommenden , ihre Augen sättigten mit dem Licht dieses Tages . Sie zogen zum Schloß in breiten , alles mit sich fortreißenden Scharen . Es bedurfte keines rauhen Kommandoworts , um jedes Räderrollen von diesen feierlich Bewegten fern zu halten . Und dann standen sie , Kopf an Kopf , ein Menschenmeer , das den riesigen Platz erfüllte , das an die grauen Mauern der ehrwürdigen Königsburg schlug , das emporflutete über die Stufen des Doms und in mächtiger Woge des alten Museums hohe Freitreppe überschwemmte , dessen Brandung übermütig aufwärtsschäumte bis in die Äste der Bäume . Waren es Tausende ? Hunderttausende ? Und es sang , es rief , es jubelte . Von den Kandelabern herunter , auf die sie geklettert waren , sprachen junge Studenten . Auf den Stufen des Doms stimmte ein Chor weißgekleideter Mädchen alte fromme Lieder an , und unter dem Kaiserdenkmal erzählte einer , der sehr alt war , von den Taten der Ahnen . Unsichtbar wandelten sie , von den Verzückten dieser Stunde heraufbeschworen , unter der Menge : die Luther und Goethe , die Fichte und Kant , die Bismarck und Nietzsche . Auf der Treppe des Museums stand Konrad . Geschlossenen Auges hörte er die Töne , die aus der Tiefe aufwärts rauschten ; beschwingte Fabelwesen der Vorzeit waren es , deren Flügelschlag er zu hören meinte . Dann plötzlich tiefe Stille - er schlug die Augen auf : hatte der Zauberstab des unsichtbaren Dirigenten die ungeheure Sinfonie der Masse gewaltsam unterbrochen ? Auf dem weiten , von der Abendsonne goldüberströmten Platz standen sie Kopf an Kopf regungslos , mit dem Boden verwurzelt , und schwiegen . » Der Kaiser spricht , « flüsterte jemand . Konrad hörte nichts ; niemand hätte von hier zu hören vermocht , was weit drüben am Schloß , wo die Gestalten kaum zu erkennen waren , geredet wurde . Und doch hielt jeder den Atem an . Und Konrad fühlte das Lauschen der Hunderttausende . Eines Mysteriums Zeuge erschien er sich : denn in diesem Augenblick nahm das Volk einen Herrscher , um den der blendende Glanz der Krone einen weiten leeren Raum , eine große Fremdheit geschaffen hatte , in sich auf . Und einen Herzschlag lang , der , mag er auch nur Sekundendauer haben , in der Wage der Zeit schwerer wiegt als viele Jahre , waren alle Menschen Brüder . Da huben die Glocken des Doms zu läuten an ; ihre Stimmen von Erz wurden die Sprache dieser Stunde . Die Menge erwachte aus tiefer Versunkenheit . Auch Konrad hob den Kopf . War es nicht Else , die über ihm im weißen Kleid an der bräunlichen Säule lehnte ? Und sagte sie nicht laut , daß es mächtiger als die Stimme des Kaisers über den Platz bis zum Schloß hinüberschallte : » Vielleicht bist du um dieses Tages willen Königin geworden , o Esther ? « Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne ; stundenlang hatte er in der glühenden Sonne gestanden . » Haben wir wieder heiße Träume gehabt , bambino mio ? « hörte er eine alte Stimme mit zärtlichem Tonfall sagen . Er sah sich um . Es war leer geworden auf der Treppe . Langsam strömten unten die Menschenfluten zurück . Rosig färbte sich der Abendhimmel über ihnen mit langgestreckten weißen Wolken darauf wie Kometenschweife . Und im Schritt mit den anderen ging er unter den Bäumen der großen Straße . War sie da nicht schon wieder dicht vor ihm , die Weiße ? Mußte er ihr begegnen und vielleicht ihren Frieden stören ? » Frau Berg , « dachte er , » sie scheint mehr als glücklich , sie scheint - « und vergebens suchte er nach einem Ausdruck für das , was er bezeichnen wollte - » erfüllt zu sein , Erfüllung gefunden zu haben . « Es wurde ihm warm ums Herz , denn der Gedanke , sie könne leiden , vielleicht gar einsam sein und verlassen , hatte ihn oft gequält . Er spürte sogar etwas wie Neugierde ; gern hätte er den Mann gesehen , dem sie gehörte . Und er ging unwillkürlich rascher . » Konrad ! « rief ihre Stimme , ganz deutlich . Er prallte zurück . Aber sie sah sich nicht um nach ihm . » Konrad ! « klang es noch einmal , ein wenig ängstlicher . Da stürmte ein schlankes Bübchen , das wohl zu weit vorangeeilt war , der Rufenden entgegen , die es lachend auffing . Blonde , wehende Haare hatte es - tiefe , nachtdunkle Augen . Der Mann , der jetzt dicht hinter der Frau mit dem Kinde stand , schwankte wie von plötzlichem Schwindel gepackt . Hatte er Fieber , gingen Geister um ? ! Dieser Knabe war doch kein anderer , als - er selber ! Die Umstehenden wurden auf ihn aufmerksam . Er riß sich zusammen . » Mutti - « sagte in diesem Augenblick eine süße Kinderstimme , und die dunklen Augen hefteten sich weit und erstaunt auf ihn . Da wandte auch die Frau den Kopf . Das Blut wich aus ihren Wangen . Aber sie faßte sich rasch , denn schon fühlte sie , wie die Neugierde ringsum sich auf sie