vor einigen Tagen auf der Route über Eidsvold nordwärts gegangen . Ob sie via Trondjem fahren wollten oder den Mjösensee entlang durch Gudbrandsdalen nach Romsdal reisen , das blieb ungewiß . Rother besann sich keinen Augenblick . Er rollte sofort auf den Rädern der Nordbahn gen Hamar . In Norwegen erinnern die Einrichtungen , Verkehrsmittel , offiziellen Uniformen weit mehr an England-Amerika , als an Deutschland . Auch die Eisenbahn , mit der er dem Mjösensee ins Innere des Landes entgegenflog . In Hamar endet dieses Bahngeleise und zweigt sich von da nach Drontheim ab . Während die Anderen umsteigen , überlegte er , ob er bis morgen auf Ankunft des Dampfers , an den er Anschluß versäumt hatte , hier warten solle . Einen Tag Zeit verlieren ? Nein , er wird den Mjösensee entlang mit Skyds , den zweirädrigen Carriolen , nach Lillehammer fahren . Ein freundlicher Norweger , hülfsbereit wie sie alle , führt ihn zu einem Wagenbesitzer . Dieser rothhaarige sommersprossige Bauer mit echtnordischem hartlistigem Ausdruck verlangt einen ziemlich hohen Preis , aber es scheint wirklich eine endlose Strecke . Um 5 Uhr Nachmittag starten sie und erst um 2 Uhr Nachts sollen sie in Lillehammer anlangen . Das Pferd sieht kräftig aus und hat gut gefuttert . Sie preschen los . Hier und da grüßt zu Seiten des Weges eine Hütte , karmoisinroth angestrichen , wie alle Blockhäuser im nordischen Hochland . Das Gehölz wird spärlicher . Manchmal reckt sich nur eine hohe Tanne an steiler Felswand aus wildem Geröll , wie ein großer Gedanke , alle Trümmer überlebend , sich in verwüsteter Seele erhebt . Die letzten Strahlen der Sonne spielen durchs hohe Riedgras und , von goldigen Lichtern überzittert , schaukeln sich die Halme im leisen Wind . Ja , der Fjord begleitet die endlose Fahrt . Unablässig sieht man durchs struppige Ufergebüsch sein glänzendes Auge . Rother hemmte etwas die allzu scharfe Gangart des Rosses . Es wird immer stiller , immer dunkler . Nur weiße Wölkchen darüber und silberne Sterne . Um 11 Uhr Nachts hielten sie vor einer Skydsstation , um noch etwas Abendbrot aufzutreiben . Es gab uralten Schinken , der wie steinharter Bärenschinken , also wie getrocknete Schuhsohle , schmeckte : Eier von zweifelhafter Frische , für die man eilten verbogenen Kupferlöffel mit einer Rinde voll vorsündfluthlichem Schmutz erhielt ; vorzügliche Milch und ranzigen Käse von röthlicher Farbe und süßlichem Geschmack , wie man ihn mir im Norwegischen Hochland findet . Der Skydsvorsteher und der Führer unterhielten sich über die Verrücktheit des Engländers , der mit Skyds das ganze Mjösen-Ufer abrase . Sie wunderten sich baß , als er in das Stationsbuch seine deutsche Herkunft einschrieb . Aber nur weiter , weiter ! Immer hinein in die ahnungsvoll dämmerige Nacht ! Tausend Erinnerungen quirlten durch sein Hirn , während sein Auge das Mähnenflattern des rüstigen Rosses verfolgte . Um halb zwei Uhr Nachts - es wurde schudderig kalt - hielt der Wagenlenker plötzlich die Zügel an und erklärte , daß sie unmöglich bis zum Morgen nach Lillehammer gelangen könnten ; das Pferd sei zu erschöpft . Sie machten also zu Gjövik vor der nächsten Skydsstation Halt und klopften die Leute aus dem Schlaf . Er erhielt wirklich ein uraltes Himmelbett und versank in unruhigen Schlaf . Frühmorgens hockte er wieder auf der Carriole . Diesmal aber führte das Söhnchen des Wirths als Skydsbub die Zügel und plauderte unverdrossen in den lichten Morgen hinein , selbst eilt kleiner Morgenelf mit rosigen Bäckchen lind wasserblauen Augen . Sie führen fröhlich hindann . Um Mitttag langten sie wirklich in Lillehammer an , mit einem Hunger erster Güte . Dort aus der Plattform des Hotels hoch oben die Thäler des Mjösenfjords überschauend , genoß er die letzten Stunden des Tages mit unsäglichem Wohlgefühl . Tausend Sonnenpünktchen flimmerten über der spiegelglatten binnen Fläche des Sees . Doch die Schatten stiegen von den Bergen tiefer und tiefer , bis sie den Wasserspiegel berührten . Das schäumende Wehr glitzerte wie flüssiges Silber , Wiesen und Haferfelder in grellem Grün und Gelb . Meilenweit schlangen sich die Höfe , so schmuck und zierlich , als wären sie buntlackirte Papphäuschen aus einer Spielzeugschachtel . Und dann überlief den See plötzlich eine tiefgrüne Färbung , aus der sich nur in lichtem Grunde die abgespiegelten Waldwipfel abhoben . Die Berge in der Ferne tauchten sich in Violett und Dunkelblau . Ununterbrochen brauste das Wehr durch die schweigende Waldesnacht . Der spitze grellschwarze Schieferthurm der alten Kirche , der in der Abendröthe silbergrau geschillert , ragte jetzt mit kalter Schärfe in die durchsichtige Dämmerluft , während das stumpfe Ziegelroth des Kirchenrumpfes sich zu blassem Rosa abtönte . Aber indem Rother sich so dem Genuß des Augenblicks hingab , durchzuckte ihn plötzlich ein eigenthümlicher Schrecken . Er empfand einen heftigen tickenden Schmerz , er griff nach der Brust - was war das ? Der Schmerz ließ sofort nach . Rother saß athemlos mit klopfendem Herzen da - aha , da kam er wieder . Und weiter , ab und zu , in regelmäßigen Zwischenräumen meldete sich der eigenthümliche stechende Tick an der Stelle , wo die Lungelflügel sich dehnen . Rother versuchte mehrere Proben . Er holte tief Athem , er bückte sich - immer derselbe Schmerz . Dann holte er einen kleinen Handspiegel hervor , den er bei sich trug , und besah in der Nähe seine Hautfarbe . Kein Zweifel - runde gezirkelte Rothflecke zeichneten sich auf den Backen ab , unter den Augen wich das Fleisch wie ausgehölt und zusammengeschrumpft zurück . Kein Zweifel - das war die Schwindsucht . Er untersuchte seine Brust . Sie schien so mager und eng , daß er unterm Halsknochen mit der ausgespreitzten Hand umspannen konnte . Schon als Knabe war er so schmalbrüstig gewesen , daß ein Arzt nach untersuchendem Klopfen bei einem Katarrh ihn angelegentlich fragte , ob er beim Treppensteigen keine Beschwerden empfinde . Beim Militär rangirte man ihn zur Ersatzreserve wegen allgemeiner Schwächlichkeit . Die Anlage lag also