lagen im milden Schein der Märzsonne , und indem meine Blicke alles umfaßten , empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen , das ich früher nicht gekannt . Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und Bestehende , welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet . Diese Liebe steht höher als das künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke , welches zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt , sie steht auch höher als das Genießen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien , und nur sie allein vermag eine gleichmäßige und dauernde Glut zu geben . Es kam mir nun alles und immer neu , schön und merkwürdig vor , und ich begann nicht nur die Form , sondern auch den Inhalt , das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen und zu lieben . Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen Bewußtsein herumlief , so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus aus jenen vierzig Tagen , so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse ursprünglich zuzuschreiben sind . Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann ; die Welt ist innerlich ruhig und still , und so muß es auch der Mann sein , der sie verstehen und als ein wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln will . Ruhe zieht das Leben an , Unruhe ruhe verscheucht es ; Gott hält sich mäuschenstill , darum bewegt sich die Welt um ihn . Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden , daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen lassen als ihnen nachjagen soll ; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht , kann denselben nicht so beschreiben wie der , welcher am Wege steht . Dieser ist darum nicht überflüssig oder müßig , und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen , und wenn er ein rechter Seher ist , so kommt der Augenblick , wo er sich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen Spiegel , gleich dem achten Könige im Macbeth , der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ . Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden , gleichwie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat , einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten . Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen . Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen . Ich hatte mir , ohne zu wissen wann und wie , angewöhnt , alles , was ich in Leben und Kunst als brauchbar , gut und schön befand , poetisch zu nennen , und selbst die Gegenstände meines erwählten Berufes , Farben wie Formen , nannte ich nicht malerisch , sondern immer poetisch , so gut wie alle menschlichen Ereignisse , welche mich anregend berührten . Dies war nun , wie ich glaube , ganz in der Ordnung , denn es ist das gleiche Gesetz , welches die verschiedenen Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht ; aber in bezug auf manches , was ich bisher poetisch nannte , lernte ich nun , daß das Unbegreifliche und Unmögliche , das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch ist und daß , wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung , hier nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen , um etwas Poetisches oder , was gleichbedeutend ist , etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen , mit einem Wort , daß die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf . Dies ist zwar eine alte Geschichte , indem man schon im Aristoteles ersehen kann , daß seine stofflichen Betrachtungen über die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten Rezepte auch für den Dichter sind . Denn wie es mir scheint , geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung , Zurückführung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf einen Lebensgrund , und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen , ist Kunst ; darum unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen , daß sie das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen , während die anderen dies wiedererkennen müssen und darüber erstaunen , und darum sind auch alle die keine Meister , zu deren Verständnis es einer besonderen Geschmacksrichtung oder einer künstlichen Schule bedarf . Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen Gestalt zu tun und fühlte mich nur glücklich und zufrieden , daß ich auf das bescheidenste Gebiet mit meinen Fuß setzen konnte , auf den irdischen Grund und Boden , auf dem sich der Mensch bewegt , und so in der poetischen Welt wenigstens einen Teppichbewahrer abgeben durfte . Goethe hatte ja viel und mit Liebe von landschaftlichen Sachen gesprochen , und durch diese Brücke glaubte ich ohne Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu können . Ich wollte sogleich , anfangen , nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten , nichts Überflüssiges oder Müßiges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein . Im Geiste sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir , welche alle hübsch , wert- und gehaltvoll aussahen , angefüllt mit zarten und starken Strichen , von denen keiner ohne Bedeutung war . Ich setzte mich ins Freie , um das erste Blatt dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen ; aber nun ergab es sich , daß ich eben da fortfahren mußte , wo ich zuletzt aufgehört hatte , und daß ich durchaus nicht imstande war , plötzlich etwas Neues zu schaffen , weil ich dazu erst etwas Neues hätte sehen müssen . Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand und die prächtigen Blätter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflösten , wenn ich den Stift auf