legte den Brief aus der Hand , dessen politische Meinungen einen geringen , die voraufgehenden Bemerkungen über Kathinka und Bninski aber einen desto größeren Eindruck auf ihn gemacht hatten . Er las die Stelle noch einmal : » Die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört unsere Pläne , und doch ist sie nicht zu ändern ; alles , was sich ziemt , ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen , was das Feuer schüren könnte . « Als er aufsah , fiel sein Blick auf das schöne Frauenbild ihm gegenüber , und allerhand Erinnerungen , in die sich zum ersten Male auch Befürchtungen für die Zukunft mischten , drängten sich ihm auf . Er kannte die Geschichte so vieler Familien . » Es erben ... « , aber ehe er den Gedanken ausdenken konnte , grüßte ihn der Zuruf : » Guten Morgen , Papa « , und auf seinem Sitze sich wendend , sah er Kathinka , die , den Kopf durch die Portiere steckend , ihm freundlich zunickte . Im selben Augenblicke war sie an seiner Seite , und unter ihren Liebkosungen schwanden die trüben Bilder , die noch eben vor seiner Seele gestanden hatten . Viertes Kapitel Bei Frau Hulen An demselben Abend war Gesellschaft bei Frau Hulen . Sie konnte damit , wenn sie standesgemäß auftreten und die ganze Flucht ihrer Zimmer öffnen wollte , nicht länger zögern , da Lewin für den nächsten Tag schon seine Rückkehr von Hohen-Vietz angezeigt hatte . Gleich nach Eintreffen dieses Briefes waren denn auch unter Beihilfe eines kleinen lahmen Jungen , der in dem Keller nebenan die Bierflaschen spülte und wegen seines körperlichen Gebrechens sonderbarerweise als Laufbursche benutzt wurde , die Einladungen ergangen und ohne Ausnahme angenommen worden . Um sieben Uhr brannten die Lichter in der ganzen Hulenschen Wohnung , die , neben einer kleinen , schon im Seitenflügel befindlichen Küche , aus zwei Frontzimmern und zwei dunklen Alkoven bestand . Die Hälfte davon war an Lewin vermietet , der indessen in seiner Abwesenheit und bei den freundschaftlichen Beziehungen , die zwischen ihm und seiner Wirtin obwalteten , nicht das geringste dagegen hatte , seinen Wohnungsanteil in die Festräume hineingezogen zu sehen . Und Festräume waren es heute , ganz abgesehen von den Lichtern und Lichterchen , die bis in den Flur hinaus nicht gespart waren . In beiden Öfen war geheizt , und auf den Simsen schwelten Räucherkerzchen , schwarze und rote , während alle Kunst- und Erinnerungsgegenstände , auf die Frau Hulen die besondere Aufmerksamkeit ihrer Gäste hinzulenken wünschte , noch eine besondere , ihnen angemessene Beleuchtung erfahren hatten . Unter diesen Gegenständen standen die Papparbeiten ihres verstorbenen Mannes , der Werk- und Küpenmeister in einer kleinen Färberei , in seinen Mußestunden aber ein plastischer Künstler gewesen war , obenan . Das meiste lag nach der architektonischen Seite hin . Außer einem offenen und figurenreichen Theater , das die Lagerszene aus den » Räubern « darstellte , hatte er seiner Witwe einen dorischen Tempel und einen viertehalb Fuß hohen , in allen seinen Öffnungen mit Rosapapier ausgeklebten Straßburger Münster hinterlassen , der nun heute mit Hilfe kleiner Öllämpchen bis in seine Turmspitze hinauf erglühte . Dieser Münster , wie noch bemerkt werden mag , stand auf einer hochbeinigen Pfeilerkommode und verdeckte gewöhnlich einen dahinter befindlichen kleinen Spiegel ; nicht aber heute , wo derselbe , um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen , als ob es der Zimmereinrichtung an irgend etwas Standesgemäßem gebräche , um drei Handbreit höher hinaufgerückt worden war . Nur die Turmspitze sah gerade noch in das etwas bleifarbene Glas hinein . Und wie zeigte sich Frau Hulen selber ? Sie trug außer der hohen weißen Haube , ohne welche sich niemand entsann sie je gesehen zu haben , ein braunes , noch von ihrem Seligen eigenhändig gefärbtes Merinokleid , dazu ein schwarzes , eng um den Hals gepaßtes Sammetband , in das abwechselnd blaue und gelbe Sterne eingestickt waren . » Wie wird es ablaufen ? « fragte sie sich und ging noch einmal alle wichtigen Punkte durch , putzte die Lichter , nur um ihre Unruhe loszuwerden , und strich in Lewins Alkoven , der heute als Garderobezimmer dienen mußte , die Bettdecke glatt . Dann sah sie wieder nach dem Straßburger Münster und seiner Beleuchtung , und ihr war , als ob sie hätte eintreten sollen . » Wie wird es werden ? « wiederholte sie beklommen , und zugleich einen Blick in den Spiegel werfend , zupfte sie an dem Halsband , das sich etwas verschoben hatte . In diesem Augenblicke klingelte es . Frau Hulen beeilte sich aufzumachen und war einigermaßen verstimmt , als sie wahrnahm , daß es nur die Zunzen war , eine alte taube Frau , die mit ihr auf demselben Flur wohnte und ihre Einladung zu der heutigen Reunion bloß aus Furcht vor ihren Klatschereien erhalten hatte . Denn sie hatte Gott in der Welt nichts zu tun und stand , sooft sie jemanden ins Haus treten und die letzte Treppe heraufkommen sah , immer hinter dem Kuckloch ihrer Doppeltür , um auszukundschaften , wer und was es eigentlich sei . » Ich bin wohl die erste , liebe Hulen . Na , einer muß der erste sein . « » Gewiß , liebe Zunz , und Sie werden doch Ihre nächste Nachbarin nicht warten lassen . Wollen Sie nicht Ihr Tuch ablegen ? « Die Alte , die die Worte der Hulen nicht recht verstanden , aber doch aus ihren Handbewegungen entnommen hatte , um was es sich handelte , schüttelte verdrießlich den Kopf , zog ihr rotes Crèpe-de-Chine-Tuch , ein Wahrzeichen aus alten , besseren Zeiten her , fester um sich und schritt gravitätisch , als fühle sie sich sicher in dem Furchtgefühl , das sie einflößte , in das nächstgelegene Zimmer . Es war das Lewins . Hier sah sie sich neugierig um , nickte ein paarmal , wie um ihre Überraschung über die Mitverwendung der doch vermieteten Räume auszudrücken , und