Kind ! Pah , der Leutnant Kind befand sich bereits auf dem Wege ; - er reiste dem Herrn von Glimmern nach , und der Leutnant von Bumsdorf war der Ansicht , daß die beiden Herren jedenfalls irgendwo zusammentreffen würden . Der Leutnant Viktor von Fehleysen schritt auf und ab und sah unschlüssig bald nach dem Revolver , welchen er auf den Tisch niedergelegt , hatte , bald nach der Tür und sagte leise von Zeit zu Zeit : » Ich freue mich , daß ich lebe ! Ich freue mich , daß ich lebe ! « Da öffnete sich die Tür , und herein trat hastig und sehr bleich die Frau Klaudine , gab dem schnell aufspringenden Hugo die Hand und schloß den Sohn fest in die Arme . Das Schnaufen und Scharren des armen , müden Roland draußen im Schnee hatte sie aus dem Morgenschlafe geweckt ; sie hatte die fremde Männerstimme in dem Gemache unter ihrer Kammer gehört , und die heftigste Angst um den Sohn trieb sie schnell vom Lager empor und die Stiege hinab . Schon an der Tür erhorchte sie einige Worte und Namen , die sie teilweise beruhigten , teilweise aber auch um so heftiger erschütterten ; und nun stand sie , blickte von einem der beiden Männer auf den andern und rief : » Ihr dürft mir nichts von allem , was geschah , verbergen . Sie sind die Nacht durch geritten , und Leonhard sendete Sie , Hugo : - Sie sprachen von Nikola ; - was bringen Sie meinem Sohn und mir ? « » Wir wollen dir auch nichts verbergen , Mutter « , sprach Viktor so sanft , wie es sonst durchaus nicht in seiner Art lag . » Du hast deinen Sieg über uns alle gewonnen ; aber du wirst dich wohl wieder einmal von neuem einzurichten haben . Nikola kommt zu dir , und ich gehe , aber diesmal in Frieden , und du wirst mich auch nicht zurückhalten wollen . « Die Frau Klaudine erfuhr ebenfalls durch den Leutnant von Bumsdorf alles , was sich in der Residenz zugetragen hatte und was noch kommen sollte . Sie saß während der Erzählung mit tief verhülltem Gesichte ; als jedoch Herr Hugo zum zweitenmal zu Ende kam , blickte auch sie aus feuchtglänzenden Augen fast heiter auf und sagte : » Ja , gehe , mein Sohn , ich habe dich lange in Schmerzen entbehren müssen ; doch heute gebe ich dir mit ruhigem Herzen meinen Segen zu deinem Scheiden . Du hast nur einen Weg vor dir - geh und sich zu , daß jenem unseligen Mann von deinem alten Kettengenossen nicht mehr geschehe , als zu verantworten steht ! Du kannst nicht mit der Frau Friedrichs von Glimmern unter einem Dache wohnen - geh und sei gut , mein lieber Sohn ! Gott hat sich als ein gerechter Gott an uns erzeigt ; Viktor , Viktor , siehe zu und hilf , daß kein neues Blut über unsern Weg fließe , daß keine neue wilde Tat zum Himmel um Rache schreie . Gedenke zu allen Stunden daran , wer von jetzt an der Seite deiner alten Mutter wandeln und sitzen wird , und du wirst ein tapferer Mann sein , ein starker und milder Mann . « » Wahrhaftig , das sage ich gleichfalls « , seufzte der Herr van der Mook , » es ist gut so , wie es ist . Das sehe ich wohl ein , und ich danke auch dem jungen Herrn Kameraden hier recht herzlich für seinen beschwerlichen Nachtritt . Er jagt mich aus einem warmen Nest , du gute , alte , stolze Mama ; aber es ist mir , als hätt ich hundert Jahre lang geschlafen , und bei allem , was lebendig ist , ich freue mich , daß ich wache ! Ich hatte das Leben vor mir wie einen Tanz nächtlicher Spukgestalten und hatte das Wort , das sie auseinanderjagen konnte , vergessen . Nun hat es ein anderer aus der Ferne herübergerufen , ich wache - ich lebe , und ob ich gleich wieder hinaus muß auf die Landstraßen , der Tag ist von neuem mein , und ich werde ihn benützen , nicht wie ein Wilder , ein Betrunkener , ein Wahnsinniger , sondern wie ein vernünftiger Mann , ein anständiger Gesell . « Nun hatte die Frau Klaudine schon seit einigen Augenblicken die Hand des Leutnants Hugo gefaßt und fing jetzt an , mit ihm zu reden , als ob das Große und Ängstliche der Stunde gar nicht vorhanden sei . Mütterlich besorgt , erkundigte sie sich nach seinem Befinden und freute sich sehr , zu vernehmen , daß er vollkommen wieder aufgetaut sei und daß die Strapazen der Nacht nur von den wohltätigsten Folgen für ihn in jeder Beziehung sein würden . Sie konnte sogar ein Wort des innigsten Mitleids für den armen Roland finden , und wie der Herr van der Mook kam auch der Leutnant von Bumsdorf immer mehr zu der Überzeugung , daß die Frau Klaudine doch eine » stolze Seele « sei . Um zehn Uhr hielt der Leutnant auf dem Fuchs des Wirts zum Ochsen in Fliegenhausen in Bumsdorf vor dem Hagebucherschen Vaterhause und hatte , ehe er sich dem eigenen Hause zuwandte , ein recht angenehmes , aber doch ziemlich unnötiges Gespräch mit dem Fräulein Lina Hagebucher . Um elf Uhr hatte Viktor von Fehleysen die Katzenmühle verlassen ; die Frau Klaudine saß still mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl und horchte auf die Schritte , die sich in der Ferne verloren , und horchte auf die Schritte , die sich aus der Ferne näherten . Sie betete für alle - für alle ; wer aber betete für Unsere Liebe Frau von der Geduld ? Vierunddreißigstes Kapitel Auch wir sitzen und lauschen einen Augenblick den Fußtritten , die sich entfernen , und denen , die sich nähern ; denn wir haben nunmehr zwei Wege vor uns