, laß mich los ! Sie beachtete es nicht . Wer hat Dir das gesagt ? wiederholte sie . Ich sehe es ja ! gab er ihr zur Antwort . Was denn ? Was siehst Du denn ? drängte ihn Seba , der das Herz fast hörbar klopfte ; denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft , und schwarze , unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht , als unten in der Straße das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt . Eine schmerzliche Sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen . Sie hätte fortgehen mögen , fort von Vater und Mutter , weit fort , um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren Thränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden , mit Einem Male für immerdar . Was siehst Du ? wiederholte Seba noch einmal , und ihre milder gewordene Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen . Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter , sagte er , und weinst immer wie sie , Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser stürzen ! Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen , sie erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken ; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht . Ein heißes Mitleid für die Todte mischte sich in Seba ' s Schmerz um das eigene Geschick , und Mitleid ist Befreiung ; denn wer Theilnahme für einen Andern zu empfinden vermag , reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Noth hinaus . Die Thränen schossen ihr in die Augen , indeß diese Thränen thaten ihr nicht so wehe , als die unzähligen andern , welche sie seit der Unglücksstunde bis auf diesen Tag vergossen . Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf , daß sie sich erlösen müsse , wenn sie nicht ihr Leben enden wolle ; daß sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung durch ein klar bewußtes Thun , durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung . Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen , sie konnte ihre reine , schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken , sie konnte Paulinen nicht mehr helfen ; aber sich selber konnte sie helfen , und Paulinen ' s Sohn war da ! Sie und dieser Knabe , Seba und Paul , sie gehörten zu einander , das war die Vorstellung , die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte . Er war ein Verstoßener , einer Verstoßenen und Verlassenen Sohn , und war sie doch auch entehrt und verrathen und wie seine Mutter verlassen worden . Sie hatte es bisher stets vermieden , mit ihm von seiner Mutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen . Heute fragte sie ihn , was er von seiner Mutter wisse . - Er hatte ein klares Gedächtniß von dem letzten Gange mit ihr bewahrt ; er erinnerte sich ihres Hauses , seiner Heimath , des Wagens , in welchem der Baron zu kommen gewohnt war , und er wußte , daß der Baron von Arten sein Vater sei . Aber mit der Festigkeit , welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet , hatte er , nachdem der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens entlockt , wieder geschwiegen bis auf diese Stunde . Auch des Augenblickes entsann er sich , da er die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte . Ich weiß es noch sehr gut , sagte er , wie ich aufwachte und die Stube voller Menschen war . Sie schrieen alle , die Mutter sei ins Wasser gestürzt , und die Magd , welche bei uns diente , hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe in der Hand und weinte . Seba schauerte zusammen . Was sollte aus ihr werden , wenn sie es nicht vermochte , mit sich selber fertig zu werden , mit ihrer Schuld , mit ihrem Unglücke ? Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ , auf welchem sie sich eben angetroffen ? Was sollte aus ihren Eltern werden , wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten , ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen ? Nein , nein , niemals ! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben , als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten , um sicher vor dem Tode zu sein . Ich will nicht untergehen , ich will und werde nicht zu Grunde gehen ! Ich will leben bleiben , Paul ! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern , bei meinen guten , armen Eltern , lieber Paul ! Sie weinte bitterlich und weinte lange . Paul , wie alle Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt , weinte mit ihr . Er hielt sie mit seinen Armen umfaßt , und es war ihr , als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn , als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde Wärme ihre Brust . Ihre Thränen hörten zu fließen auf , auch sie umfaßte den Knaben zärtlich , und ihn an sich drückend , sagte sie : Paul , habe mich doch lieb ! Ja , antwortete er ihr ernsthaft . Und wir wollen recht gut sein , Paul ! Ja , entgegnete er ihr wieder . Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen ! Hörst Du , rechte Freude , Paul ! Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen , und Du mußt recht brav werden , Paul ! Ich will Dich auch so lieb haben , wie Deine Mutter , ich will Deine Mutter sein , Paul ! rief sie , und es kamen Kraft und Freude in ihre Stimme bei den Worten . Ich will Deine Mutter sein , Paul , und Du sollst mein Sohn sein , das heilige Vermächtniß Deiner armen Mutter ! wiederholte sie . Kommen wir dann auch in das Schloß und in