Nein , Herr Baron ! geantwortet hatte , sich wieder zum Fenster gewandt und mit den Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt . Jetzt war es auch nicht eben mehr wahrscheinlich , daß noch Jemand kommen würde . Der schmutzig rothe Streifen tief am westlichen Horizont verkündete , daß die Sonne , die den ganzen Tag unsichtbar gewesen war , im Meere versank . Der Sturmwind , der gegen die Fenster rasselte und klagend und heulend um das Haus und durch die hohen Wipfel der Tannen fuhr , zerriß die Schneeluft , und die unendliche graue Wasserwüste mit ihren schaumgekrönten Wellen breitete sich vor den Blicken des einsamen Mannes am Fenster aus in schauerlicher Erhabenheit . Er öffnete die Thür und trat auf den Balkon ; er lehnte sich auf das Geländer , durch dessen eiserne Stäbe der Wind in schrillen Tönen pfiff . Er warf keinen Blick auf die hohen Kreide-Ufer , die sich rechts und links weit und weiter erstreckten in einem ungeheuren Halbkreise , und die jetzt mit den starren Wäldern , die sie auf ihren schroffen Stirnen trugen , von der untergehenden Sonne für einen Augenblick blutroth angestrahlt waren . Er schaute nur immer hinab , wo hundert Fuß unter ihm das wilde Meer zwischen den Felsblöcken des Ufers donnernd brandete . Der weiße Gischt wirbelte in den scharfen Ecken der steilen Wände , von dem wilden Winde emporgetrieben , manchmal bis hinauf zu ihm und netzte ihm mit eiskalten Tropfen Stirn und Haar und Bart. Aber er achtete es nicht . In seiner Seele sah es wilder und stürmischer aus als da draußen in der Natur . Es war ihm , als wäre er ganz allein in der verödeten Welt , als bräche eben für diese verödete Welt die ewige Nacht herein und als wäre er verdammt , weiter zu leben in dieser ewigen Nacht . Es ist ganz recht , murmelte er , warum warst Du der Hans Narr , der sich wieder ruhig an dem Seile führen ließ , von dem er doch nun mittlerweile wissen mußte , wohin es ihn führte ! Und doch ! sie war so lieb , so gut in dieser Zeit , wie sie es nie gewesen ! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengesange verstopfen , der mir nie so nah und so süß getönt hatte ! Sirenengesang - das ist es eben ! Was weiß ein Weib von der treuen Liebe , deren ein Männerherz fähig ist ! Caprice Alles , Alles eitel Tand und Spielerei ! ein Paar blaue Augen , eine glatte Zunge und höfliche Manieren dazu - so muß das Püppchen ausstaffirt sein , wenn es den guten Kindern gefallen soll . Ob das Püppchen ein Herz in der Brust , Hirn im Schädel hat , das kümmert sie nicht . Im Gegentheil : das ist so unbequem , so langweilig , das paßt so gar nicht in die Puppenstube . Und so sei es denn abgethan , das Narrenkleid für nun und immer ! wie das Abendroth dort an den Felsen verbleicht , so will ich von meiner Seele wegwischen diese rosige Lüge , und rauh werden , wie das winterliche Meer , und wie mich Niemand liebt , so will ich Niemand lieben . Ich will durch das Leben ziehen , einsam , wie jener Schneevogel sich dort durch die pfadlose Luft schwingt , unbekümmert , wie er , ob irgendwo am Ufer unter überhangenden Felsen das schützende Nest bereitet ist . Das werden Sie nicht ; denn Sie sind ein Mensch , und der Mensch ist viel mehr , als die Vögel unter dem Himmel . Oldenburg wandte sich verwundert um nach dem , der in einem tiefen , festen Tone diese Worte gesprochen . Dicht hinter ihm stand Baumann . Ich komme , fuhr der alte Mann , Oldenburgs ängstlich fragenden Blick beantwortend , fort , im Auftrage der Frau von Berkow . Was ist ' s ? sagte Oldenburg , dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen getreten war ; sprechen Sie es aus ! Frau von Berkow ist sehr krank - nicht wahr ? Nicht Frau von Berkow ! erwiderte Baumann , eine andere Frau , die vor einer Stunde sammt ihrem Kinde zu uns auf den Hof gekommen ist , und die Sie , Herr Baron , vor ihrem Ende , das vielleicht nahe bevorsteht , noch einmal zu sehen wünscht . Eine Frau - mit einem Kinde ! wie ein Schleier fiel es dem Baron von den Augen . Kommen Sie ! sagte er . - Vor der Thür der Solitüde stand Melitta ' s , mit zwei kräftigen Braunen bespannter Schlitten . Die Männer stiegen ein , Oldenburg ließ sich von dem Kutscher hinten auf der Pritsche Zügel und Peitsche geben , und fort ging es im Galopp durch die düstern Tannen ; aus den Tannen hinaus in das ebene , sich nach Faschwitz zu allmälig senkende Land , das jetzt eine weite , von dem grauen Horizont begrenzte Schneefläche war , von der die spärlichen , mit Schnee bedeckten Bäume und Hütten sich kaum abhoben . Auch der Weg war verschüttet und selbst die Gleise , die der Schlitten vorhin gemacht hatte , schon schon wieder zugeweht . Man mußte mit der Gegend sehr vertraut und überdies ein so kundiger Rosselenker sein , wie es Oldenburg war , um in dieser Wildniß hügelauf , hügelab , zwischen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Rosseslauf dahinjagen zu können . Kaum ein Wort wurde unterwegs gesprochen , nach einer halben Stunde hielt der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhause von Berkow . Sie gingen in das Haus . Wollen der Herr Baron nur gefälligst in den Gartensaal treten , sagte der alte Baumann . Er ging voran in den Gartensaal , wo auf dem Tisch eine Lampe , und in dem Kamin ein verlöschendes Feuer brannte . Der Alte schob die Lampe höher , fachte das Feuer wieder an , und verschwand dann