aus dem glühenden Innern der Erde geschleudert haben . Bei einzelnen etwas grünen Stellen , aus denen ein Kirchthurm hervorragt , kann man immer annehmen , daß sich dort das stete unterirdische Sieden und Kochen auch an einer wohlthätigen Quelle verkündigt , deren Wasser an Ort und Stelle zum Baden dient , erkaltet in Krügen weiter ins Land geführt wird . Kleine Seen finden sich viele ; desto weniger Bäche . Der einzige größere ist jener » Fall « , an welchem Kocher liegt , eine von jenen uralten , schon in die Römerzeit zurückreichenden Städten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend . Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrück und den Ardennen begrenzten düstern Höhenblick , so fehlte es abwärts in den Kesselthälern nicht an Abwechselung . Die Cultur hatte dem steinigen Boden abgerungen , was diese nur an Fruchtbarkeit , wenn auch nur für Gerste und Hafer , irgend hergeben wollte . Und belebt war bei alledem die Gegend doch . Selbst auf der Landstraße begegnete man , außer Landbewohnern , Soldaten , die wie Benno sich beim Stabe einstellen mußten , manchem Geistlichen zu Fuß , manchem im Wagen ; des Verbeugens vor Heiligenbildern und vor offenen Kirchthüren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession mußte der Wagen halten . Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem wunderthätigen Gottes- oder Heiligenbilde . Auch war man ziemlich nahe schon jener hochbegnadeten Stadt , die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will und allerdings die ältesten Märtyrer und Heiligen aufzuweisen hat , ja die den heiligen Athanasius einst beherbergte , als er aus Aegypten vor den Arianern floh . Die Zeit war herangekommen , wo gerade des Athanasius ' Andenken lebhaft erneuert werden sollte ; mancher hohe Würdenträger , ja der Kirchenfürst der Provinz selbst eiferte ihm nach . In einem Dörfchen wurde gefüttert . Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr , fiel es auf , daß die Reisewagen mit höhern Geistlichen sich mehrten ... Benno erinnerte wiederholt daran , daß in Kocher eine geheime Verabredung sollte getroffen werden , der selbst Dominicus Nück , sein Principal , nicht fremd war . Er meinte jenes Rütli , auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte , ob Lucinde gleich , zur Mehrung ihrer Erregung , allmählich vernommen hatte , daß der Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfüllen könnte , wie oft - wie oft Ihm nahe zu sein ! ... Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwüler und schwüler . Gegen elf Uhr kündigte sich ein Gewitter an . In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon dunkle , tief graublaue Wolken ... Benno fing allmählich an in seiner schroffen Beurtheilung Lucindens nachzulassen . Einzelne ihrer Redewendungen , das Mitleid mit den Italienern , die vor einigen Stunden fast mit Rührung gesprochenen Goethe ' schen Verse hoben ihm immermehr ihre Erscheinung . Da sie die schwüle Luft bestimmte , den Schleier zurückzulegen , so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast vornehm sich gebenden äußern Eindruck . Lässig und wie hingegossen lag sie in der Ecke des Wagens . Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die grauen Zeugstiefelchen , die den kleinen Fuß bedeckten , gestemmt wurde , der Eindruck war der der Ruhe und fast einer höhern Ergebung . Gestern hatte sie von der Anstrengung und Ermüdung der Reise älter ausgesehen als sie war . Heute gab ihr eine geringere Röthe des Antlitzes , ja ein wachsbleicher Teint etwas Vergeistigtes . Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen . Die Athemzüge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust . Es war wie ein Hauch über ihr ganzes Wesen gekommen , der ihre Formen anschwellen und sie in plastischerer Vollkommenheit erscheinen ließ . Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgültigen und war es schon lange nicht mehr . Er sah hierhin und dorthin und gab sich , wie absichtlich , den Schein der Gewöhnlichkeit und prosaischsten Nüchternheit ; dennoch hielt er bei alledem den Gedanken fest : Wenn sie sich nur nicht rührt ! Wenn sie nur in dieser Stellung verharrt , die Augen , die kalten , nicht aufschlägt , nicht redet , ganz so bleibt , wie sie dasitzt , fast liegt , träumerisch , ohne Berechnung , ohne Koketterie und Bewußtsein von ihrem sich mehrenden Reize ! Lucinde merkte aber schon das Interesse , das sie einflößte . Leise blitzte unter den Wimpern ihr Auge . Fast seitwärts schielend sah sie auf . Die Magie des Eindrucks war zerstört . Woran dachten Sie eben , Fräulein ? fragte Benno erschreckend vor einem so immer in Thätigkeit verbleibenden Verstande . Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung , rückte und rührte sich nicht , senkte die Augen und sagte : Ich sehe Bilder vor mir , die mir Mignon und der Harfner weckten ... katholische Bilder ... Malen Sie sie aus ! Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort . Ich sehe ein Schloß und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein getaucht sind ... Ein schöner Park umgibt das altmodische Gebäude ... Es hat epheubewachsene Thürme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen ihre schönen Räder .... Bildsäulen lauschen versteckt aus Jasmin- und Geisblattbüschen ... Dazu ertönt vom Söller die Mandoline ... Ein Pilger schlägt sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten Pergamentbuch ... ein Mönch , der Liebling und Erzieher des Hauses , steht hinter ihr und schlägt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder ein Jäger im Walde ein Ritornell verhallen läßt , geht alles zur Ruhe ... Nun steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen Violinen und große Contrabässe herbei ... sie musiciren und das so