diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen Grafen ein , um am nächsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der Familiengruft des Schlosses beizuwohnen . In der uns bekannten Schloßhalle ruhten auf schwarzem Katafalk die sterblichen Ueberreste des Todten . Die Halle war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen , schwarze Gardinen verhüllten die Fenster , den Fußboden bedeckten schwarze Teppiche . Auf prächtigen Kandelabern von gediegenem Silber , ein Familienerbstück des Hauses Boberstein , brannten flimmernde Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so düstern Halle . Die Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flören um Arm und Hut . Es war festgesetzt worden , daß von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Männern in der Tracht trauernder Knappen den Sarg umgeben sollte . Diese Männer waren der Dienerschaft entnommen und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an . Um diese Zeit nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung , um durch Auflegung ihrer Hände ihm die letzte Ehre zu erweisen . Diesen langen Zug tief trauernder Gestalten eröffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta . Gebückt , einsam , in düstere Gedanken versenkt , folgte Herta . Sie begnügte sich nicht mit bloßer Berührung der Hand des Todten . Sie warf sich nieder auf die Stufen des Katafalkes und betete innig und heiß für die Ruhe des Grafen , für Vergebung seiner frühern Vergehen , für das Wohl ihres wiedergefundenen , ihr noch so unbekannten Vaters und für Bekehrung ihres wüsten , boshaften Vetters . Nachdem sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte , kehrte sie mit den übrigen Leidtragenden wieder zurück in die oberen Gemächer , ohne jedoch in deren Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen . Sie zog es vor , auf ihrem Zimmer , nur von Emma umgeben , die Mitternacht heranzuwachen . Es befremdete die verwittwete Gräfin , daß von den Unterthanen eine verhältnißmäßig nur sehr geringe Anzahl im Schlosse erschien , um ihrem verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen . Die Leibeigenen waren eigentlich dazu verpflichtet , indem es die Sitte im Hause Boberstein erheischte , daß der jedesmalige Erbe der Herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von Neuem Schutz verhieß und sie als rechtmäßig ererbte Unterthanen anerkannte . Am Katafalk seines Vaters war die Aufrechthaltung dieser Sitte für Magnus eine Unmöglichkeit ; denn außer einigen zitternden Greisen , die längst keine Dienste mehr thun konnten und unter Seufzen und Beten dem Grabe zuwankten , befanden sich unter den Leibeigenen , die zur Leichenschau kamen , blos heulende Weiber und neugierig gaffende , in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder . Ueber solche Nichtachtung alter Gebräuche der jetzt ihm zugefallenen Leibeigenen war Magnus höchlichst empört . Er konnte nicht zwifeln , daß ihm allein diese Opposition gelte , daß die ehemaligen Unterthanen des Vaters seinen Schutz gar nicht begehren wollten . Deshalb beschloß er in stillem Grimme , der oft seine stechenden Augen unheimlich machte , unmittelbar nach der Bestattung sämmtliche Unterthanen auf das Schloß zu rufen und daselbst ein allgemeines Strafgericht über sie ergehen zu lassen . Worin dies bestehen sollte , darüber war er mit sich selbst noch nicht einig . Noch vor neun Uhr waren Halle und Schloßhof von Zuschauern leer . Nur die wachehaltenden Diener standen am Sarge , in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit entgegenschlief . Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab , beugte sich noch einmal über den Todten und küßte die kalten bläulichen Lippen . Am Sarge kniend und wieder heiße Gebete lallend , ließ sie ihren Thränen freien Lauf . Keiner von den Dienern störte die Trauernde in ihrem Schmerz . Sie traten schweigend zurück , selbst gerührt von der Andacht des schönen Mädchens , das mit wahrhafter Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte . Wohl eine Viertelstunde mochte Herta geweint und gebetet haben , als sich über der Halle ein lebhaftes Hin- und Widergehen bemerklich machte . Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit . Die Thränen sich von den seidenen Wimpern trocknend , verließ sie den Katafalk und ging nach der Treppe . Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen , bleichen Schreck auf ihrem hübschen Gesichtchen . » Was ist Dir , meine Liebe ? « sagte Herta weich , die treue Dienerin umfassend . » Ach gnädiges Fräulein , « versetzte die Zofe athemlos , » die Herrschaften sind recht bestürzt ! Denken Sie , es ist ein großes Feuer in der Haide ! Es muß ein ganzes Dorf brennen . « » Beruhige Dich , mein Kind , « gab Herta zur Antwort , » ist es , wie Du sagst , so werden die Nachbarn gewiß herbeieilen und den Bedrängten beistehen . Auf welcher Seite ist der Brand ? « » Gegen Süden . Graf Magnus besorgt , es möge der Zeiselhof sein . Die gnädige Frau Gräfin kann ihn kaum zurückhalten ! Sie will Boten absenden , um sichere Nachricht zu erhalten . « » Laß uns sehen , « sagte Herta . » Von meinem Zimmer aus muß die Feuerstätte grade zu überschauen sein . « Als die beiden Mädchen dieses erreichten , erlosch fast der Schein der Kerzen in der lichten Gluth , die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug . Herta öffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches , der von ihm aufstieg . Der Anblick war eigenthümlich , voll schauerlichen Reizes . Ueber der schwarzen Linie der Haide hoben und senkten sich Wogen glänzender Flammen , die oft wie Riesenhände in den dunkeln Nachthimmel hineingriffen oder in zerstäubenden Garben , in brennenden Fontänen aufsprühten . Woge verdrängte Woge ; es war , als bräche aus den fernen Bergen ein Meer von Gluth über die Ebene und wolle nun in bäumenden Sturzfluthen Feld und Haide vernichten . Ueber dem Flammenheerde aber lag eine blutrothe schwere Rauchwolke , die in wunderliche , phantastische Gestalten zerfahrend , langsam höher und immer