dem Kranken mitzutheilen , um ihm unnöthigen Verdruß zu ersparen . Aus diesem Schreiben nun ergab sich , daß der gute alte Verwalter bei den Behörden mit der Bitte eingekommen war , die Erndten seines Herrn zu seinem Vortheile in Beschlag zu nehmen , bis er befriedigt sei , ehe die Güter dem Pächter übergeben würden . Der junge Graf war so aufgebracht , daß er dem Verwalter sogleich das noch rückständige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte ; die Mutter aber widerrieth ihm diese übereilte Maßregel , und er sah selbst ein , daß es besser sei , nicht in der ersten Hitze zu handeln , sondern alle Rechnungen genau durchzugehen , ehe er einen Mann entließe , der es verstand , vier Jahre mit einer zahlreichen Familie anständig ohne alle rechtlichen Einkünfte zu leben . In solchen Beschäftigungen gingen mehrere Tage hin . Der Arzt hatte das Schloß verlassen , weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt , und der junge Graf dachte schon daran , nach Schloß Hohenthal zurück zu kehren und dem Oheim Bericht über Alles , was er gethan , abzustatten . Er wurde an der Ausführung dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert , daß einige von seinen Kameraden , die , wie er , verabschiedet waren , ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprächen , endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwürfe und Pläne mittheilten , die seine eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen ließen , und seine Seele mit einer Gluth erfüllten , die er vor Allem vor seinem Vater verbarg . Die Rettung des Vaterlandes schien möglich auf dem Wege , den man ihm zeigte . Preußens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern , ja schöner , herrlicher wieder aufblühen , als jemals . Diese Träume konnten wirklich werden , wenn alle treuen Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Könige , der sein Schicksal mit erhabener Milde trug , wie dem bedrängten Vaterlande ihr Blut und Leben weihten . Auch um über diese Pläne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem Oheime sich zu berathen , sehnte sich der junge Graf nach Hohenthal , und um , wie er sich leise gestand , die lang genährte Zärtlichkeit für die liebensdige Therese dem väterlichen Freunde zu vertrauen ; denn bei seines Vaters Lebensansichten und dessen feindlichem Spott über Armuth und uneigennützige Liebe konnte es ihm nicht einfallen , mit seinem nächsten Anhörigen über seine Neigung zu sprechen . In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt , um seine Meinung über den Kranken zu vernehmen und danach seine Reisepläne zu bilden , als dieser eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt , der die ganze Familie in Schrecken versetzte . Der Arzt wurde herbeigerufen , der dieß Mal nicht zögerte zu kommen , aber seine bedenklichen Mienen , als er den Kranken erblickte , so wie seine viel strengern und ängstlicherern Vorschriften ließen das Schlimmste befürchten . Er verließ das Schloß nicht mehr und widmete dem alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit , aber keine menschliche Kunst konnte die Wiederholung des Uebels verhindern , und der alte Graf deutete sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Töchter , indem er matt die Hand des Sohnes drückte , und sein Geist entschwand der körperlichen Hülle . Mit inniger Trauer schloß der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters und führte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg . Er empfahl den Schwestern , ihren Jammer zu mäßigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu trösten . Er selbst durfte sich keiner unthätigen Trauer überlassen , weil die Sorge für die Familie , deren Haupt und einzige Stütze er nun geworden war , seine ganze Thätigkeit in Anspruch nahm . Als das Nothwendigste geordnet und die irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren , eilte er nach Schloß Hohenthal , um den Rath seines Oheims in höchst wichtigen Angelegenheiten zu vernehmen . VIII Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager , um noch vor dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen , den er in seinem Kabinet mit der Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand . Der junge Mann eilte , seinem väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten , wie er die Angelegenheiten seines Vaters habe ordnen wollen , als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht habe . Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern , daß er sich zu zeigen bemühte , wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung geführt hätten . Wir thun gewiß immer gut , erwiederte ihm der Oheim , wenn wir alle Erscheinungen im äußeren Leben als unsichere Zeichen des wahren Innern betrachten und unser Urtheil über die Menschen mild sein lassen , wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen . Dieß würde uns aber zum völlig unthätigen Dulden führen , versetzte sein junger Freund . Gewiß nicht , erwiederte der Graf ; denn die Milde , mit welcher ich den Menschen betrachte , der mir Unrecht zufügen will , braucht mich noch nicht zu bestimmen , seine Ungerechtigkeit zu erdulden , wenn ich mich auch ohne Haß dagegen vertheidige ; ja , ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich erzürnen , ohne darum den , der sie ausübt , geradezu zu hassen . Doch glaube ich , versetzte der junge Graf , daß es Verhältnisse gibt , in denen der Haß eine wahre Tugend wird , und ich meine , es liegen uns viele Gründe ganz nahe , die alle besseren Gemüther bestimmen sollten , sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen . Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und unsern edeln König ? fragte der Graf . Oder meinen Sie , fuhr er fort , als er sah , daß sein Verwandter schwieg , daß der Haß kräftiger wirkt , als die Liebe ? Nein , sagte der junge Graf ,