auf , beleuchtete unsicher ein Gesicht , eine knochige Hand : » Ermordet ! « - Noch ein einziger Aufschrei . Dann Stille - und tiefe , schwarze Finsternis . Auf die Straße trat alles , stumm , mit gesenkten Köpfen , denn das Licht der Bogenlampen blendete . » Der Traum ist aus , « sagte ein Alter und nickte Konrad zu , wie einem Freunde , dann fiel ihm der Kopf tief auf die Brust . An der nächsten Ecke lehnte todmüde eine Zeitungsfrau . Sie schrie mit rauher Stimme : » Eine russische Patrouille in Eydtkuhnen eingeritten - das Postamt von Schmidden verbrannt - « » Kanaillen - « , » Mordbrenner - . « Es waren junge Burschen , die als letzte aus dem Torweg traten und nun mit blitzenden Augen schrien : » Nieder mit dem Zaren - mit dem Knutenregiment ! « Und sie liefen dem Zuge nach , der eben , die ganze Breite der Straße beherrschend , alles mit sich fortriß . » Deutschland , Deutschland über alles - « brauste es in vieltausendstimmigem Chor . Aus den Fenstern winkten sie überall mit weißen Tüchern , aus den Wirtshäusern strömten sie hinaus , und Geschrei und Gesang erfüllte die ganze Stadt . Da schlug es ein Uhr , schwer , weithin schallend . Es war , als käme der neue Tag , ein Herold , belastet mit großer Kunde . Es gibt Städte , die schlafen des Nachts wie Kinder : früh und fest und ohne Traum ; wer im Dunkel durch ihre Gassen geht , der dämpft den Schritt und hält den Atem an . Aber Berlin schläft nie . Denn erst wenn der rohe Lärm des Tages schweigt , kommt der Rausch des Lebens über die Menschen : die Geister erwachen um Mitternacht wie in alten Gespenstergeschichten , Gedanken bekommen Gestalt , Gefühle Glut . Grau und fahl und frostig kommt mit dem ersten blassen Tageslicht die Nüchternheit . Wer dann des Morgens , sein eigener Schatten , scheu durch die Straßen heimwärts schleicht , der begegnet denen mit den rauhen Fäusten , die der Daseinskampf in den Dienst des Tages zwingt . Und feindselig fast schaut einer den anderen an ; es gibt kaum ein Verstehen zwischen ihnen . In jener letzten Julinacht aber , die gewitterschwül über dem Lande lag , hatten selbst die verschlafensten Städte unruhige Träume , und viele Fensteraugen in den Dörfern glänzten furchtsam über erntereife Felder . Berlin schlief nicht ; doch in seinem Wachen war etwas von Schlaf , der die Glieder zur Einheit bannt , den Atem zu einem Rhythmus bändigt . Nicht der Rausch in seinen tausend sinnverwirrenden Formen , nicht die Sorge in ihren zahllosen , quälenden Gestalten hielt die Augen der Millionen offen . Es war ein Gefühl , ein Gedanke - unnennbar noch - tief und heiß , von dem Glanz ferner Sternenwelten erhellt wie die Sommernacht . Und als dann der Morgen kam und die Menschen auf den Straßen einander begegneten , lag ein gutes Grüßen in jedem Blick , als wären sie Brüder geworden . Konrad verbrachte den Vormittag mit den notwendigsten Geschäften und den Vorbereitungen zu seinem Eintritt in die Armee . Viele , sehr viele , weit mehr als er irgend erwartet hatte , begegneten ihm mit den gleichen Absichten , und sie betrachteten einander jetzt schon wie Kameraden . Und die Nachrichten und die Kommentare und die Vermutungen flogen von Mund zu Mund : von Frankreich , das ohne Kriegserklärung die Grenzen nicht mehr respektierte , von der verräterischen Haltung Rußlands , dessen Patrouillen schon plünderten und sengten , während der Kaiser mit dem Zaren noch Friedensdepeschen wechselte . Von Friedensmöglichkeiten sprach niemand mehr ; die Sehnsucht nach Entscheidung , nach der erlösenden Tat beherrschte alle . Und nicht nur einzelne Züge waren es heute , die singend die Straßen beherrschten . Aus stillen Häusern kam es wie Ameisengewimmel , um die elektrischen Wagen schwirrte es , ein Schmetterlingsschwarm , es ergoß sich wie ein Wasserfall über die Treppen der Bahnhöfe und kroch , eine endlose , schwarze Schlange , aus den Erdlöchern der Untergrundbahn . Und der gleiche Gedanke , das gleiche Ziel schufen den gleichen Rhythmus des Schritts . Noch immer hatte Konrad die Menge als die größte Einsamkeit empfunden ; heute fühlte er sich weder als einer allein , noch als einer unter vielen ; sein Ich schien ihm in all die Tausende geteilt , die mit ihm gingen , und in seinem Ich schienen sie wieder wie in eins zu verschmelzen . Wie lange wanderte er schon im Takt ihrer Füße auf und nieder ? Wie lange schon warf die Sonne ihre Strahlenbündel über all die heißen Hirne ? Wölbte sich nicht seit einer Ewigkeit der gleiche silbergraue Himmel über ihm - still , feierlich , unerbittlich ? Oder war er eine riesige rotierende Kugel , die ihren ganzen Inhalt zu einer Masse zusammenwirbelte ? Und was war er , Konrad Hochseß , in diesem Augenblick noch , das ganz er selber war ? Da - er spürte etwas wie einen elektrischen Schlag , der den ungeheuren Körper , als dessen winziger Teil er sich bewegte , irgendwo weit vorn getroffen hatte . Und es war , als ob ein Wind sich erhöbe , die Blätter an den Bäumen aus ihrer Starrheit zu rütteln . Das Trompetensignal einer Autohupe durchschnitt schmetternd die bleierne Luft . Und der Wind ward zum Sturm , in den Kronen unsichtbarer Wälder rauschend . Vor dem grauen Wagen her , der sich in die Menge bohrte , sie auseinanderriß , zur Seite warf und einen zuckenden Schweif hinter sich herzog , gellte die aufpeitschende Fanfare der Hupe . Aber eine junge , starke Menschenstimme übertönte sie : » Krieg ! « Und zum Orkan ward der Sturm . Er drang in alle Gassen , in alle Höfe , er schlug Fenster und Türen auf , und wer noch verborgen im Winkel schlief , den