, die von ihren Lehrern hinausgeführt wurde . Und die Kinder sangen das erwartende Lied : » Lasset uns singen , Lasset uns springen , Frühling - Frühling - wird es nun bald ! « Am Abend in ihrem Zimmer trat sie ans offene Fenster . Mild und duftschwer strömte ihr die Luft entgegen . Sie blickte hinaus in die Tannen , die das Haus im Halbkreis umgaben . Am Nachmittag waren die Stämme und die Kronen in eins geschlossen gewesen . Abends aber waren die Stämme wie verschwunden und nur die Wipfel rotgolden überstrahlt , daß alle Zweige sich gesondert in die Stille streckten . Jetzt , in der Nacht , erschienen die Tannen , die das Haus in entferntem Bogen umgaben , wie ein dunkler , hoher Wall , aus dem sich nur der Zackenrand ihrer Spitzen heraushob . Vom Fenster aus blickte sie auf eine kleine Wiese , die von den Tannen umgeben war . Links drüben war eine Fahrstraße , auf deren anderer Seite ein weiter Bergrücken anstieg , ein sanfter Hang , über den das Städtchen hinaufkroch ; da lehnten sie dicht aneinander , die spitzgiebeligen Thüringer Häuschen , kletterten aus ihrer Mulde heraus , beengt , als suchten sie sich übereinander herauszudrängen , bis sie , in immer schmäleren Reihen , immer vereinzelter , an dem Berghang den Atem verloren und stillehielten ; über ihnen aber stieg , wie eine hochgewölbte Riesenbrust , die Wiese auf , die sich auf der Höhe in den Tannen verlor . ... Und während sie so am Fenster lehnte , hinaushorchend in den nächtlichen Wald , eins mit ihrer Einsamkeit , da kam es wie Wehmut über sie , - Wehmut aus dem weiten All . War denn Leid das ewige Erbe der Welt ? Und ihre innerste Stimme wurde laut und rief ihr die Antwort zu : Die Freude ist die Seele der Welt . Dieses Leid überwinden , überwachsen , - das ist die Aufgabe der ringenden Kreatur . Wann wird sie gelöst sein , diese Aufgabe ? ... Horch , - das war Gesang . Das scholl aus der Weite gedämpft , verschleiert , kam näher und näher , wurde lauter und heller . Und da - drüben auf der Fahrstraße , - da schob sich ein Trupp kleiner Leutchen durch die Dunkelheit und an den Stöckchen , die die Kinder hoch hielten , hingen bunte Papierlampions . Die Kinder waren es , die Schulkinder , die nach Hause zurückkehrten . Und sie sangen das Lied , - das Lied der Jugend , - der wachsenden Zukunft ... » Frühling - Frühling - wird es nun bald ... « Wie war sie froh , ihr Inkognito los zu sein , nicht mehr , wie unter fremdem Namen , als Pensionsgast an langen Tischen zu sitzen , leere Gespräche höflich anhören und die eigenen Gedanken verbergen zu müssen . Als sie Berlin wieder betrat , - da staunte sie : das war ja etwas wie Heimatsgefühl , das sie hier empfand . Nie vorher hatte sie gedacht , daß es irgend wo ein » Zuhause « für sie gab . Sie wohnte zuerst bei Stanislaus und Lore . Erst später wollte sie wieder eine eigene Wohnung nehmen , ihre sieben Sachen zusammensuchen und wieder aufstellen . Sie fand Stanislaus in gefesteter Stimmung , in zärtlicher und heiterer Vereinigung mit seiner Frau und , - wie er sagte , - » dick befreundet « mit Lörchen . Lore hatte wie früher ihr gutes , kräftiges Lachen . Der Glanz ihrer grauen Augen war noch heller geworden , wie ihr ganzes , brünettes Gesicht . Sie war üppiger und frauenhaft ruhig . Sie ging , wie vorher , ihrem Beruf nach , und die Sorge für das Familieneinkommen verteilte sich auf sie beide . Zufrieden waren diese beiden , daß sie zusammensaßen , fest verbunden und verbündet , daß sie sich verständigten in gemeinsamer Sprache , und daß sie in diesen lieben , heimischen Winkel alles hineintragen konnten , was sich von außen zu ihnen drängte , was sie empfingen und sammelten wie die Fischer , die ihre Netze ins Meer werfen . Und dann gab es ein Wiedersehen draußen im Grunewald . Mit großer Sehnsucht strebte Olga ihrer alten und ihrer jungen Freundin zu . Sie war noch immer schön und licht , die alte Frau , nur in ihren Augen lag gebannt ein Leid , - dem sie nicht vergönnte , überzuströmen , - denn Florian sollte heimkehren ! ... Sie dachte jetzt viel an das Dunkle ... Olga fand sie bei der Lektüre eines theosophischen Werkes . » Es ist gut gemeint « , sagte die alte Frau und deutete auf das Buch , - » es ist wunderbar erfunden : das Leben eine Sparkasse , deren Einlage man bei der - Wiederkehr als Kapital vorfindet und behebt ... Ausgestattet mit dem früher erreichten Entwicklungsgrad , tritt man ein neues Leben an ... Die Vergangenheit , die man im Verlaufe seiner früheren Lebensläufe erwarb , - entscheidet über die Qualifikation der Materie , die gegenwärtig der Träger des Ich ist ... Sehr gut gemeint , - sehr wunderbar ausgedacht ! Wer nur daran glauben könnte ! Schade , schade ... ich kann es nicht . « So war nicht einmal ihre heiße und bange Liebe zum Leben imstande , diese greise Denkerin zu dem Selbstbetrug zu verführen , dem sich so mancher junge Geist als einer genehmen Benebelung wollüstig ergibt . Und da war noch eine Begrüßung . Im Hause Frau Wallentins wohnte Eva mit ihrer Tochter - und mit ihrem jüngst geborenen Sohn . Ein schönes Kind , das aus blauen Augen lachte ... » Der kleine Aeneas « , schoß es Olga durch den Sinn , als sie Manfreds Sohn sah . Eva hob das Kind aus der Wiege und reichte es ihr . Und da - da - als sie den kleinen Manfred in den Armen hielt - da überstürzte sie eine