, daß du so wirr in Gottes Welt hineingeblickt hast und dich narren ließest vom Wahn , der dir die Sinne verklebte ? Halte einen Stab schräg ins Wasser , so siehest du ihn gebrochen ; und doch ist er das nicht ; betaste ihn , so ist er ganz . Nicht anders war ich betrogen , da ich vermeinete , ich und mein Nächster seien zweierlei . Ich spüre jetzo jenen tiefen Grund , allwo die Wesen eins sind , und jener Spuk der Eigensucht , der den Menschen trennt , zerflattert im Morgenstrahl . Im Lichte lächelt das neue Reich , ich hab es gründen wollen , doch meine Mühe war umsonst , ein Irrlicht hat mich genarrt . Das Himmelreich kommt nicht mit äußeren Gebärden , ein innerlich Einswerden ist es , ein Hirt und eine Herde , ein heiliger Leib , der uns zu Gliedern hat , ein durchdringend Strahlen , so in die heimlichen Herzwinkel leuchtet , eine Güte , die alles versteht und alles verzeiht , ein jauchzend Leben im Reichtum des Menschensohnes und ein Aufsteigen von einem Himmel zum noch höheren . Gleich in der Höhle hier ist eine Stufe solchen Aufstieges , hier ist die dunkle Schwelle meines Himmelreiches . Hilflos neben mir liegt mein Nächster , und sein Gott ist eben der , so in mir waltet , ich muß ihm sein der Vater im Himmel , mein Nächster ist mein Kind , mein armes , liebes . Und mit den letzten Kräften , die ich zu sammeln vermochte , richtete ich mich auf und tastete nach dem Verwundeten . Benetzt ward mir die Hand von einer warmen Feuchte , die aus dem Lederkoller quoll ; hier war die Wunde , die mußte ich stillen und kühlen . Und ich tat des Kollers Knöpfe auf und zerrte das blutgetränkte Hemd von der Brust ; das Tuch , das meinen Kopf verband , nahm ich ab , goß Wasser darüber , wusch des Stöhnenden Brustwunde , preßte mein nasses Tuch darauf und knöpfte den Koller drüber . Dann kroch ich zurück zum Orte , wo ich zuvor gelegen , vermutend , außer dem Wasserkruge , den ich daselbst gefunden , könne man mir sonst noch etwas Heilsames hingetan haben . In der Tat fand ich eine Schale mit saurer Milch , auch Eier nebst Brot . Sogleich kroch ich zu meinem Nächsten zurück und flößte ihm Milch ein , dann nahm ich selber Nahrung zu mir . Doch meine Kräfte , übermäßig anstrengt , wurden hinfällig , ich streckte mich auf den harten Stein . Meine Stirn begann wieder zu schmerzen , und ich war zu matt , ihr einen neuen Verband zu machen . Zugleich fühlte ich mein inneres Himmelreich getrübt , als ob ein Wolkenschatten darüber gleite . O wehe mir , Thekla , du bist ja fort , Berthulde hat dich umgebracht . Oder war ' s ein Traum , daß sie es eingestanden , da ich sie zur Rede gestellt ? Berthulde war doch bei mir droben in der Grotte ! Sie wollte mich betören mit ihrer Liebeswut , die Räuberin , die Mörderin ! Sie rühmte sich , ihr Messer habe Thekla gut getroffen ! Wie ich mich in erneutem Seelenschmerze winde , seh ich auf einmal wieder meines Vaters gütig Angesicht : » Was tust du , ungestümer Johannes ? Vergeben sollst du , nicht verdammen ! Wenn sie gemordet hat , so wußte sie nicht , was sie tat , verblendet von demselbigen Wahn der Eigensucht , der dich selber lange verstörte . Bedenke doch auch , die Minne war ' s , die tolle Brunst des jungen Blutes , was der Eifersüchtigen das Meuchelmesser in die Hand gab ! Minne war ' s zu dir , mein Sohn , und du selber hast sie ihr ins heiße Herz gepflanzt . Begreife doch ! Willst du das neue Reich gründen , so mußt du verstehen und vergeben . « Auf meines Vaters Rede folgt erneutes Stöhnen des Verwundeten neben mir , und horch , » Thekla ! « ruft er . Ich schrecke zusammen . Wie kommt er zu dem Namen ? Oder hat mich mein Sinn getäuscht ? Hab ich selber den Namen gesprochen ? Von neuem und ganz deutlich stöhnt der Mensch : » Thekla ! « und wälzt sich wie gefoltert von innerer Unrast . Ich richte mich auf und taste voll Bangen nach des Mannes Haupte . Sollte es Zetteritz sein ? Wahrhaftig ! Er hat sein langes Haar , und hier ist der gedrehte Schnurrbart , am Kinn der Spitzbart , auch der breite Kragen . » Zetteritz , bist du es ? « Ich rüttle ihn , da stöhnt und haucht er : » Ja , Johannes ! Hilf mir und sage mir , wo hast du Thekla ? « Nun seh ich rote Flecke tanzen , es wankt der Erde Grund ... Wirre Gesichter trieben lange ihr dämonisch Spiel mit mir , doch ich rang mich empor aus dieser neuen Versuchung , und immer klarer ward es mir , wie nur in ihres Wahnes Nöten die Menschenkinder sich sorgen und vor Angst einander berauben , unwissend , wo der wahre Schatz zu finden . Und wie sie immer nur meinen , der Irrwisch , dem sie nachjagen , sei das Köstliche . So tat der Zetteritz , nicht anders tat auch ich . Wie denn aber ? Thekla ein Irrwisch ? Nicht doch ! Nur was Zetteritz von ihr erlangen wollte , war sein Irrwisch . Wie aber stund es denn mit mir ? War ' s etwa auch von mir Verblendung , daß ich mein Weib zurückbegehrte ? Nicht doch , sie liebte mich ja , wie ich sie liebte ; uns beide einte jenes gütige Verstehen , aus dem das göttliche Reich wie aus einem Keim erwächst . Aber ist nicht solch ein Keim auch in Zetteritz ? Liebt er denn nicht denselben Engel , der