mit ein und derselben immer wiederholten hämmernden Handbewegung stieß er seine abgerissene rauhe Rede hervor . Etwas von » Kapitalismus « und » Bourgeoisregierung « drang an Gustavs Ohr . An den hinteren Tischen wurde man unruhig . » Lauter ! « rief jemand dem Redner zu . Der Mann erhob die Stimme und sagte nunmehr deutlich vernehmbar : » Wie kann man von Behörden oder Regierung Abstellung unseres Notstandes erwarten , wenn die aufs engste verbunden sind mit der blutsaugerischen Unternehmerclique , ja , wenn die nur die Handlanger sind des Kapitalismus ... « Während er diese Worte in die Versammlung rief , hatte sich der Polizeioffizier erhoben . Er setzte den Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst . Die meisten Anwesenden waren gleichzeitig von ihren Plätzen aufgesprungen . Das Rufen von tausend entrüsteten Männern ertönte wie ein einziger Schrei des Zornes . Ein Sturm , ein Tosen erhob sich , in dem die einzelne Stimme verschlungen wurde wie die kleinen Wellen von der zur Flutwelle aufgepeitschen Brandung . Gustav erbebte . Was würde jetzt werden ! In den Gesichtern umher las er Ingrimm und trotzige Entschlossenheit . Was konnte der entfesselten Wut dieser Tausende widerstehen ? Der Polizeioffizier stand unbeweglich vorn auf dem , Podium , er musterte das tobende Meer zu seinen Füßen scheinbar unerschrocken . Der Vorsitzende verschaffte sich durch Winke und Zeichen so viel Ruhe , daß seine Aufforderung , ruhig auseinanderzugehen , gehört ward . Zwar wurden Fäuste geschüttelt , manch haßerfüllter Blick traf den Vertreter des Gesetzes da oben , manch halbunterdrücktes giftiges Wort erklang ; aber dabei blieb es . Allmählich , in größerer Ruhe und Ordnung , als man es bei einer solchen Menschenfülle für möglich gehalten hatte , setzte sich die Menge in Bewegung und räumte den Saal . Draußen auf der Straße freilich war erst zu erkennen , wie gut die Versammlung all die Zeit über bewacht gewesen war . Im Lichte der Gaslaternen blitzten Pickelhauben . Einzelne Berittene sprengten auf und ab und hielten den abströmenden Zug in steter Bewegung . Gustav hatte das Bewußtsein , etwas Großes erlebt zu haben . Eine Ahnung war ihm aufgegangen , daß es Kämpfe gab in der Welt , von denen er daheim , wenn er hinter den Pferden einhergeschritten war , sich nichts hatte träumen lassen . Ein Vorhang war weggerissen worden vor seinen Augen , der ihm eine ganze Welt verborgen gehalten hatte . Die nächsten Tage brachten neue Erlebnisse . Er ging mit Häschke in die Arbeitsnachweisbureaus und in die Fabriken . Da sah er in langen Reihen die Arbeitsuchenden stehen : Männer , die ihre Fertigkeiten , ihre Kräfte anboten wie eine Ware . Er hörte die geschäftsmäßigen kalten Fragen der Bureauchefs , er sah die verzweifelten Mienen der Abgewiesenen , vernahm unterdrückte Seufzer und wilde Flüche . Dann wohnte er noch anderen Volksversammlungen bei . Er hörte die Rede eines berühmten Reichstagsabgeordneten der Arbeiterpartei . Durch Häschke lernte er einzelne Genossen kennen . Er bekam einen Begriff von dem Dasein einer weitverzweigten mächtigen Verbindung , einer Macht , die weit hineinreichte in alle Verhältnisse . Und je mehr er sah , je mehr zog ihn an , was er kennen lernte . Es war , als sei er an den Rand eines Strudels geraten . Er fühlte , daß er da hinabgerissen werden sollte , widerstrebte und wurde doch in den verfänglichen Kreis hineingetrieben . Als Soldat hatte er mehr als vier Jahre in der Stadt zugebracht ; aber wo hatte er seine Augen damals gehabt ! Jetzt erst , schien es ihm , wisse er , wozu er überhaupt lebe . Bis dahin hatte er hingedämmert ohne Sinn und Verstand . Er sah auf einmal die Welt mit ganz anderen Augen an . Hier allein in der großen Stadt war das Leben des Lebens wert , wo jeder Augenblick neue Erlebnisse , neue Erfahrungen brachte . Aber dieses schöne Leben fand sein Ende . Eines Tages beim Überzählen seiner Barschaft entdeckte Gustav , daß er kaum noch so viel habe , um nach Hause reisen zu können . Die letzten Tage hatten viel gekostet . Da war mancher Groschen für die arbeitslosen Genossen draufgegangen . Häschke hatte auch nichts mehr , aber er nahm Vorschuß und konnte so Gustav aushelfen . Eines Tages trennten sie sich . » Mach ' s gut , Schwager ! « sagte Häschkekarl zum Abschiede . » Und wenn dir ' s in Halbenau nich gefallen will , dann denk ' an Häschken . Ich wer ' dir ' n Platz hier warmhalten . « VIII. Auch nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen , verlangte Karl Büttner mit hartnäckigem Eigensinn von Therese , sie solle ihm sein Geld herausgeben . Die Behandlung , die ihr von seiner Seite widerfahren , hatte die standhafte Frau so wenig entmutigt , daß sie sich nach wie vor weigerte , ihm zu sagen , wo sie das Geld versteckt halte . Unter der Hand erkundigte sich Therese nach ein paar Ziegen . Neuerdings hatte sie beschlossen , Ziegen von dem Gelde zu kaufen . Jetzt noch Schweine aufzustellen , war zu spät im Jahre , damit wollte sie bis zum nächsten Frühjahr warten . Karl war wie umgewandelt . Ein neuer Zug schien in sein Wesen gekommen zu sein , der ihm früher gänzlich fremd gewesen : Tücke . Man wollte ihm sein Geld vorenthalten - gut ! Seine Antwort darauf war , daß er sich auf die faule Haut legte . Ein Freund von angestrengtem Arbeiten war er niemals gewesen , aber jetzt stellte er sich an wie ein stätischer Gaul . Bis in den Vormittag hinein wälzte er sich im Bette , dann verlangte er zu essen . Wenn das Gewünschte nicht gleich kam oder nicht nach seinem Sinne war , fluchte und schimpfte er . Therese war nur noch seine Magd . Früher , wo Karl die Gutmütigkeit in Person gewesen , hatte Therese ihn oft geplagt mit ihrer