des oben angeführten Briefes - von dem ich mir später eine Abschrift erbat - von neuem bittere Thränen vergießen mußte . » Jetzt erkläre mir , « sagte ich zu Friedrich , als wir unseren vor Frau von Tessow ' s Villa wartenden Wagen bestiegen , » warum Du den Konsistorialrat - « » Zu einer Konferenz mit Dir gebeten ? Verstehst Du nicht ? ... Das soll mir als Studienmaterial dienen . Ich will wieder einmal hören - und diesmal notieren - mit welchen Argumenten die Priester den Völkermord verteidigen . Als Führerin des Streites habe ich Dich vorgeschoben . Einer jungen Frau geziemt es besser , vom christlichen Standpunkte aus Zweifel über die Berechtigung des Krieges zu hegen , als einem Herrn Oberst - « » Du weißt aber , daß wir solche Zweifel nicht vom religiösen , sondern vom humanen Standpunkt - « » Diesen müssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenüber gar nicht hervorkehren , sonst würde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt . Die Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch , und gerade der Widerspruch , welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den Geboten der Kriegsführung besteht , wollte ich von einem militärischen Oberpfarrer - d.h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums - erläutern hören . Der Geistliche stellte sich pünktlich ein . Offenbar war ihm die Aussicht verlockend , eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu können . Ich hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefühlen entgegen , denn es fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu . - Aber zum Wohle der Sache , welcher Friedrich fortan seine Dienste geweiht , konnte ich mir schon einige Überwindung auferlegen und mich mit dem Satze trösten : Der Zweck heiligt die Mittel . Nach den ersten Begrüßungen - wir saßen alle Drei auf niederen Lehnstühlen in der Nähe des Ofens - begann der Konsistorialrat also : » Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen , gnädige Frau . Es handelt sich darum , aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen , welche nicht ohne scheinbare Berechtigung sind , welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden können . Sie finden z.B. , daß das Gebot Christi , man solle seine Feinde lieben und ferner der Satz : Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen in Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen , der ja doch bemächtigt ist , den Feind an Leib und Leben zu schädigen - « » Allerdings , Herr Konsistorialrat , dieser Widerspruch scheint mir unlöslich . Es kommt auch noch das ausdrückliche Gebot des Dekalogs hinzu : Du sollst nicht töten . « » Nun ja - auf der Oberfläche beurteilt , liegt hierin eine Schwierigkeit ; aber wenn man in die Tiefe dringt , so schwinden die Zweifel . Was das fünfte Gebot anbelangt , so würde es richtiger heißen ( und ist auch in der englischen Bibelausgabe so übertragen ) » Du sollst nicht morden . « Die Tötung zur Notwehr ist aber kein Mord . Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im Großen . Wir können und müssen , der sanften Mahnung unseres Erlösers gemäß , die Feinde lieben ; aber das soll nicht heißen , daß wir offenbares Unrecht und Gewaltthätigkeit nicht sollten abwehren dürfen . « » Dann kommt es also immer darauf hinaus , daß nur Verteidigungskriege gerecht seien , und ein Schwertstreich erst dann geführt werden darf , wenn der Feind ins Land fällt ? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus - wie kann da überhaupt der Kampf beginnen ? In dem letzten Krieg war es Ihre Armee , Herr Konsistorialrat , welche zuerst die Grenze überschritt und - « » Wenn man den Feind abwehren will , meine Gnädige - wozu man das heiligste Recht hat , so ist es durchaus nicht nötig , die günstige Zeit zu versäumen und erst zu warten , bis er uns ins Land gefallen , sondern es muß unter Umständen dem Landesherrn frei stehen , dem Gewaltsamen , Ungerechten zuvorzukommen . Dabei befolgt er eben das geschriebene Wort : Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen . Er stellt sich als Gottes Diener und Rächer über den Feind , indem er trachtet , Denjenigen , der gegen ihn das Schwert nimmt , durch das Schwert umkommen zu lassen - « » Da muß irgendwo ein Trugschluß stecken , sagte ich kopfschüttelnd , diese Gründe können doch unmöglich für beide Parteien gleich rechtfertigend sein - « » Was ferner den Skrupel betrifft , « fuhr der Geistliche fort , ohne meine Einrede zu beachten , » daß der Krieg an und für sich Gott mißfällig sei , so fällt dieser bei jedem bibelfesten Christen weg , denn die heilige Schrift zeigt zur Genüge , daß der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat , Kriege zu führen , um das gelobte Land zu erobern , und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu . 4. Mose 21 , 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas . Und wie oft wird in den Psalmen die Hilfe gerühmt , die Gott seinem Volke im Kriege angedeihen ließ . Kennen Sie nicht Salomos Spruch ( 22 , 31 ) : Das Roß steht gerüstet für den Tag der Schlacht , Aber von dem Herrn kommt der Sieg . Im 144 . Psalm dankt und lobt David den Herrn , seinen Hort , der » seine Hände lehrt streiten und seine Fäuste kriegen . « » So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen Testament : der Gott der alten Hebräer war ein kriegerischer , aber der sanfte Jesus verkündete die Botschaft des Friedens und lehrte Nächsten- und Feindesliebe . « » Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14 , 31 ohne jeglichen Tadel von einem König , der sich mit einem anderen König in den Krieg begeben will . Wie oft gebraucht