der ihm allerlei Dinge zurannte , die seine Beziehungen zu Frau Raßler nach der Meinung allwissender Leute als katastrophenreif erscheinen ließen . Gerade jetzt ein Skandal , wo er mit sich einig geworden , seinem Leben eine andere Richtung zu geben ? Er trug die letzten Zuschriften der Frau Kommerzienrat in der Tasche , uneröffnet , wie er sie empfangen . Was ließ sie ihn nicht in Ruhe ? Was drang sie sich ihm noch auf , da sie längst wahrnehmen konnte , daß das Abenteuer für ihn den Reiz verloren , daß er nur noch aus Gutmütigkeit ihr zu Willen gewesen ? Früher hatte sie ihm von Schuld und Sühne vorphilosophiert und ihm manchen Genuß mit ihren kalten moralischen Sprüchen verdorben - und jetzt , wo er sie wieder in die alte Ordnung und in die Arme ihres unerschütterlich verliebten Gatten sanft zurückgleiten lassen wollte , jetzt - ach , es ist ja zu abgeschmackt . Was die Weiber ihre Leidenschaft und Treue nennen , ist oft nur ihre Eitelkeit und Trotzköpfigkeit . Daß der Streber Parklas , der sich nun bis zum Regierungsrat hinaufgeschleimt , ein Schurkenstücklein gegen ihn und Frau Raßler im Schilde führen solle , wie Polly auszuplaudern wußte , daß man den Preßbanditen gegen ihn Hetzen und dem Kommerzienrat öffentlich eine Schimpf- und Schandsuppe einbrocken wolle , das wäre doch zu infam . Welchen Vorteil könnten sich diese Menschen denn davon versprechen , sich in eine Abrechnung zu mischen , die nur ihn , den Kommerzienrat und seine Frau anginge ? Abrechnung , ja , das sollte sein . Wenn er jetzt zu Raßler hinaufginge und ihm die ganze Unterredung mit Weiler berichtete und zugleich auf etwaige Schurkenstreiche , die gegen seinen Geldbeutel und seine Reputation im Anschlage , diplomatisch vorbereitete ? Und dann dankbare Verabschiedung und in den nächsten Tagen einen Ausflug , von dem kein Mensch wüßte , wozu und wohin ? Als Geburtstagsgeschenk , das er sich selbst macht , dem vollen Frühling entgegen , nach diesem langen Winter des Mißvergnügens ? Hinaus in die freie Ferne und die Stadt mit ihren Fesseln und Quälereien weit hinter sich ? Wahrhaftig , der Bosheit der lieben Mitbürger zu entkommen , muß man ihnen den Rücken kehren , sich vergessen machen , untertauchen , verschwinden . Und weil die Bosheit immer irgendwen und irgendwas haben muß , sich daran gütlich zu thun , wie der räudige Hund an einem Knochen , den er sich in der Gosse erschnüffelt , so wird sie für das entwischte Opfer sich flugs ein neues suchen . Die verfolgende Meute der menschlichen Bluthunde muß die Spur verlieren ... Ja , er wird sich der Hetze durch eine Frühlingsfahrt entziehen ... Brigitta hat sich ja wieder erholt und die Einsamkeit wird auch ihr doppelt gut thun , wenn sie von seinen Nervositäten nicht mehr zu leiden hat ... Und dem Weiler einen geharnischten Schreibebrief zum letzten Gruß , der Zähne und Hörner haben soll , damit er sich sputet , den verfahrenen Finanzkarren wieder auf glatte Bahn zu bringen ... Vielleicht wäre es auch empfehlenswerter , mit dem Raßler die Sache schriftlich abzumachen ; da weicht man unangenehmen Gegenreden aus und hat die eigene Rede vollkommen in der Gewalt ; zudem ist es nicht klug , noch einmal das Haus zu betreten , das so störende Erinnerungen weckt ... Im übrigen soll der dicke Kommerzienrat sich selber seiner Haut wehren ... » Aber dem Tristaniden Doktor Trostberg , dem könnte ich den erbetenen Besuch abstatten . Wenn ich nur nicht seine Redseligkeit fürchtete , heute , wo mir ohnehin der Kopf summt . Ich werde ihm ein willkommenes Studienobjekt sein . Eine abstrakte Natur , wird er sich wenigstens nicht in meine persönlichsten Angelegenheiten eindrängen . Er sieht im Einzelnen nur das Allgemeine . Er ist ein kühler ein frostiger Schematisierungsfanatiker . Seine Art , das Leben zu betrachten , wird mir gerade jetzt wohl thun , wie ein kaltes Sturzbad einem - erhitzten Kopf . Ich geh ' zu ihm ... Na , er wird Augen machen ... Mit meinem optimistischen Widerpart wird ' s freilich nicht weit her sein ... « Als Drillinger aus dem Schattenkreise der Kastanien treten wollte , kam eine lebhaft plaudernde Gruppe über den Steg am Wehr geschritten . Es waren drei Männer mit Cylinderhüten und hellfarbigen , kurzen Frühjahrsüberröcken . Drillinger trat rasch ein par Schritte zurück und lehnte sich an einen Stamm . In der Mitte des Steges blieben die Cylinderhüte stehen , vor der altertümlich aus Stein gehauenen Statue des heiligen Nepomuk mit dem , dürren Mooskranz , der im Scheine der nahen Gasflamme den Hals der grauen Bildsäule wie ein braungoldener Wulsttragen umschloß . » Teufel noch einmal , « sprach Drillinger für sich , » die stehen genau so da , wie das Cylinderkleeblatt , das ich einigemale an der Ecke des Gärtnertheaters bemerkt habe . Die reißen Witze über den armen Brückenheiligen , wie man an der Bewegung der Cylinder und an dem Lachen merken kann . Die Worte verschlingt das tosende Wasser . Ich stehe selbst so da wie ein Marterl ... « Daß ihm das dumme Bild von damals wieder in den Sinn kommen mußte . Er ärgerte sich über sich selbst und die Andern . Jetzt kamen sie näher . Er verstand zuerst nicht jedes Wort , aber immerhin mehr , als ihm lieb war . » Die vornehme G ' weih-Straße ... « » Wenn ich Raßler wäre , beantragte ich die Umtaufe ... « Es war eine meckernde Baßstimme . Der Sprecher trug einen semmelgelben Überrock . » Raßler ... Laus der Gute ... Laus der Gute ... « » Menelaus-Straße ! Das machte sich verflucht klassisch ... « » Das Spotten ist umsonst . Wenn die Quaistraße je einmal umgetauft wird ... « » Das wird sie sicher , denn in München wird alles umgetauft - nicht bloß die Straßen - « » Auch die großen Politiker : die Schwarzen in Patrioten