den Frauensleuten allein zu Tische . Nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig und entschlossen bei der Arbeit , als sie gestern die Freude angefaßt hatten . Sie schafften in Erde , Holz und Steinen , standen bis über die Knie in Schlamm und Wasser , schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher , und wenn so acht Mann unter einem schweren langen Baume einhergingen , konnte man glauben , sie hielten wieder einen Aufzug ; doch der Unterschied war gegen gestern , daß man keine Tabakspfeifen sah . Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im Wege ; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser hinaufgeschlendert , kehrte ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem Gange die Tätigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen . Wer nicht am Wasser beschäftigt war , der fuhr ins Holz , um die dortige Arbeit noch schnell abzutun , und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam wäre . Ich schämte mich , allein so müßig und zwecklos umherzugehen , und um nur etwas Entschiedenes zu tun , entschloß ich mich , sogleich nach der Stadt zurückzukehren . Zwar hatte ich leider nicht viel zu versäumen , und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht , ja sie kam mir schal und nichtig vor ; da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in die Nacht hinein wandern mußte , so ließ eine asketische Laune mir diesen Gang als eine Wohltat erscheinen , und ich machte mich trotz aller Einreden meiner Verwandten ungesäumt auf den Weg . So stürmisch und mühevoll dieser war , legte ich doch die bedeutende Strecke zurück wie einen sonnigen Gartenpfad ; denn in meinem Innern erwachten alle Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer goldenen Kugel , und ich war nicht wenig überrascht , mich unversehens in der Stadt zu befinden . Als ich vor unser Haus kam , merkte ich an den dunklen Fenstern , daß meine Mutter schon schlief ; mit einem heimkehrenden Hausgenossen schlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer , und am Morgen tat meine Mutter die Augen weit auf , als sie mich unerwartet zum Vorschein kommen sah . Ich bemerkte sogleich , daß in unserer Stube eine kleine Veränderung vorgegangen war . Ein Lotterbettchen stand an der Wand , welches die Mutter billigen Preises von einem Bekannten gekauft , der es nicht mehr unterzubringen wußte ; es war von der größten Einfachheit , leicht gebaut und nur mit weiß und grünem Stroh überflochten und doch ein ganz artiges Möbel . Aber auf ihm lag ein ansehnlicher Stoß Bücher , an die fünfzig Bändchen , alle gleich gebunden , mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur zusammengehalten . Es waren Goethes sämtliche Werke , welche ein Trödler , der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte , hergebracht hatte , um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten . Vor einigen Jahren hatte ein deutscher Schreinergeselle , welcher in unserer Stube etwas zurechthämmerte , dabei von ungefähr gesagt : » Der große Goethe ist gestorben « , und dies Wort klang mir immer wieder nach . Der unbekannte Tote schritt fast durch alle Beschäftigungen und Anregungen , und überall zog er angeknüpfte Fäden an sich , deren Enden in seiner unsichtbaren Hand verschwanden . Als ob ich jetzt alle diese Fäden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur , welche die Bücher umwand , beisammen hätte , fiel ich über denselben her und begann hastig ihn aufzulösen , und als er endlich aufging , da fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen Lebens auf das schönste auseinander , verbreiteten sich über das Ruhbett und fielen über dessen Rand auf den Boden , daß ich alle Hände voll zu tun hatte , den Reichtum zusammenzuhalten . Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr vom Lotterbettchen und las vierzig Tage lang , indessen es noch einmal Winter und wieder Frühling wurde ; aber der weiße Schnee ging mir wie ein Traum vorüber , den ich unbeachtet von der Seite glänzen sah . Ich griff zuerst nach allem , was sich durch den Druck als dramatisch zeigte , dann las ich manches Gereimte , dann die Romane , dann die Italienische Reise , und als sich der Strom hierauf in die prosaischen Gefilde des täglichen Fleißes , der Einzelmühe verlief , ließ ich das Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die ganzen Sternbilder in ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende Sterne , wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini . So hatte ich noch einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit . Ich war eben mit diesem zu Ende , als der Trödler hereintrat und sich erkundigte , ob ich die Werke behalten wolle , da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe . Unter diesen Umständen mußte der Schatz bar bezahlt werden , was jetzt über meine Kräfte ging ; die Mutter sah wohl , daß er mir etwas Wichtiges war , aber mein vierzigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen , und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur , band die Bücher zusammen , schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich . Es war , als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube verließen , so daß diese auf einmal still und leer schien ; ich sprang auf , sah mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben , wenn nicht die Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten . Ich machte mich ins Freie ; die alte Bergstadt , Felsen , Wald , Fluß und See und das formenreiche Gebirge