unnütze Blöße gegeben hatte . Das Kaffeezeug war fortgeräumt , die Hausfrau erhob sich , um den süßen Wein und das Confect zu holen , die den Imbiß vervollständigen sollten , aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt , die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluß gerathen . Die gute Meinung , welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt , hatte einen schweren Stoß erlitten , und die Kriegsräthin hatte auch besser von ihrer Wirthin gedacht . Nach der sorglosen Weise , in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen lassen , hatte sie die Mutter nicht für so spießbürgerlich und namentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten . Sie waren beide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen , über deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vorstellung machten . Seba ' s erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen , welche ihr die Ueberzeugung aufgedrängt , daß sie gewissenlos von einem Elenden verrathen und verlassen sei , war der Drang gewesen , sich Vater und Mutter zu Füßen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen . Aber es war genug , daß ihr eigenes Herz gefoltert ward , daß sie sich selbst verloren hatte , daß sie elend geworden war , daß sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts , nicht mehr rückwärts zu blicken wagte . Ihr war Alles entrissen , was bis dahin ihr Leben ausgemacht : nur Eine Gewißheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben : sie wußte , daß sie das Glück ihrer Eltern war , und sie liebte ihre Eltern . Daran mußte sie sich halten ! Es wäre ihr eine Befreiung gewesen , sich anzuschuldigen , ein Trost , sich zu demüthigen ; denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter , verdienten Tadel , als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen , deren es sich nicht mehr würdig glaubt . Aber was sie selber auch empfand , wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurtheilten , wie tief sie sich erniedrigt fühlte , den Eltern mußte und wollte sie zu bleiben suchen , was sie ihnen gewesen war : ihr Stolz und ihre Freude . Sie mußte schweigen , sie mußte die Wiederkehr einer Ruhe heucheln , nach der sie vergebens rang , mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte , und Heucheln fiel ihr schwer . Sie sah es , daß die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden waren , seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen entgegen kam . Es entging ihr nicht , wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten , wie ängstlich die Eltern danach spähten , einen Strahl der alten Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken ; sie hätte sie selber suchen , finden mögen , neuen Muth und neues Wollen und Streben ; aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit ? Traurig , den Kopf auf die schmale , weiße Hand gestützt , saß sie eines Abends an dem Fenster ihrer Stube . Draußen war das Wetter schlecht . Es war noch früh im Jahre , ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn klatschend zur Erde . In den großen Lachen spiegelten sich die Lichter der Laternen , welche die Leute , die unter ihren Schirmen in das Theater gingen , sich vortragen ließen . Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen , welche für einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der Aufführung von Schiller ' s » Fiesco « begonnen hatte . Kein Gebildeter hatte bei diesem Anlaß fehlen dürfen , auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt , und Verrina ' s : » Was that jener eisgraue Römer , als man seine Tochter auch so - wie nenn ' ich ' s nur - auch so artig fand ? « lag noch schwer auf ihrer Seele . Sie war von Herzen traurig , sie konnte nicht deutlich denken , nur daß sie müde , bis zum Tode leidensmüde sei , das fühlte sie mit dumpfer Schwere . Sie hatte keinen religiösen Glauben , an dem sie sich erheben , keine Kirche , in der sie beten konnte , denn der Cultus , dem sie durch ihre Geburt angehörte , war ihr fremd geblieben ; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater , dem sie sich anvertrauen konnte , sie hatte keinen Erlöser , an den sie sich wenden konnte . Sie war ganz allein , ohne eine Stütze , ohne einen anderen Halt , allein mit der unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens , die ihr sagte , daß sie gefehlt , daß sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich selber , und daß kein fremder Trost und keine fremde Hülfe von ihr nehmen könne , was sie selber auf sich geladen hatte . Paul , der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war , um seine Freundin zu besuchen , hatte sich allmählich daran gewöhnt , ihr schweigend Gesellschaft zu leisten . Eine geraume Zeit sah der große , schlanke Knabe geduldig zu , wie auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem Winde kämpften . Endlich mochte er dessen überdrüssig sein , denn sich zu Seba wendend , bat er : Sprich doch mit mir ! Sie überhörte es . Er wartete wieder eine Weile , ob sie sich nicht mit ihm beschäftigen würde , dann sagte er ganz plötzlich : Seba , Du wirst Dich gewiß auch noch einmal ins Wasser stürzen ! Sie fuhr entsetzt empor . Wer hat Dir das gesagt ? rief sie , indem sie ihn bei den Händen erfaßte . Ihre Stimme klang ihm fremd , und so gewaltsam hatte sie ihn niemals angefaßt . Er fürchtete sich vor ihr . Laß mich los , rief er erschreckend