! So gefällig auch Benno war , ihr den Vorfall in aller Ausführlichkeit mitzutheilen , verschwieg er doch seines Vetters persönliche Aufregung durch die gefundenen Erinnerungen an dessen Vater . Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen Abschiedsblick zu ... Hedemann schaute unverwandt in die Ferne . Wie wenig er auch glauben konnte , daß die Italiener an dem Frevel betheiligt waren , bekümmerte ihn doch die Belästigung , der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten . Allmählich gab sich auch der Postillon sowol mit dem Blasen zufrieden , wie mit seinen Mittheilungen über den neu erst im Weißen Roß eingetretenen Knecht , den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten , der fehlte ... Lucinde schlug , da der Staub zunahm , ihren Schleier über und forderte Benno auf , seinen Cigarren zuzusprechen . Sie war in ihrem Leben von Jérôme , vom Kronsyndikus , Klingsohrn , Serlo genug » eingeräuchert « worden . Benno folgte ihrer Erlaubniß , indem er sagte : Mein Onkel , der Dechant , ist galanter ! Sie werden bei ihm von Tabackrauch nie belästigt werden ! Wie alt ist der Dechant ? fing sie nach einer Weile an . Ah , ah ! erwiderte Benno . Wie alt ! Fragen Sie das nie in der Dechanei ! So alt wie Methusalem ist er nicht , aber so jung auch nicht , wie - von der guten Frau von Gülpen , die nun schon dreißig Jahre seine Wirthschaft führt , seine Geburtstage numerirt werden ! Dreißig Jahre ? unterbrach Lucinde . Eher mehr als weniger ! erwiderte Benno . Und zu Hedemann hinaufrufend , fuhr er fort : Nicht wahr , Hedemann , als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen , schwankte der Onkel um das Ende der Sechziger herum ? Er müßte demzufolge jetzt siebzig sein ! Aber ich will nicht gut dafür sagen , daß nicht Frau von Gülpen seine nächste Geburts-oder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen besteckt ! Lucinden machte der Name » Gülpen « in Verbindung mit einer Geburtstagstorte einen fast märchenhaften und in der Wirklichkeit kaum möglichen Eindruck . Hat Frau von Gülpen , fragte sie , nicht eine Verwandte , die sich Frau von Buschbeck nennt ? Benno versicherte , diesen Namen nie gehört zu haben . Hedemann ! rief er ; hat die Tante eine Verwandte , die sich Frau von Buschbeck nennt ? Lucinde ergänzte : Eine Schwester vielleicht ? Hedemann oben zuckte die Achseln . Das Jahr 1809 , wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshöhe gestürzt sein sollte , lag über die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus . Benno drückte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch : Wir sind vielleicht an eine zu große Anzahl von Verwandten unserer verehrten Frau von Gülpen gewöhnt ! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr , Hedemann , die Nichten der Tante - Erstes Kennzeichen Ihres Onkels , schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung auf den Deckmantel für die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen Wohnung ab - Erstes Kennzeichen also Eitelkeit ! Eitelkeit ? sagte Benno . Vielleicht auf seine weißen Hände ! Und doch nicht ! Diese Selbsttäuschung über den Geburtstag gehört zu des Onkels Philosophie ! Zweites Kennzeichen : Philosophie ! Welche Philosophie ? Die , welche dem Dr. Laurenz Püttmeyer zu Eschede noch immer nicht den Hegel ' schen Lehrstuhl und Fräulein Angelika Müller einen Mann verschafft hat ? Sie sind unterrichtet ! lachte Benno . Nein , keine von unsern Haarrauch-Philosophieen , die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu Grunde gehen , wie die da , die seit ein Paar Tagen auf unserer Universität drüben zu leben aufgehört hat ! Allerliebst , wie in unsere schöne deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein solches römisches Kapitel sein » Kannichverstan « hineinsprechen und sogleich so in ihr herumwühlen und aufräumen darf , wie hoffentlich jetzt die Bauern von St.-Wolfgang nicht unter den Götterbildern des guten Napoleone aufräumen ... Sehen Sie nichts , Hedemann ? Nichts ! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein Perspectiv gebrauchenden Gefährten . Napoleone erzählte mir , der Dechant liebe die Antike ! fuhr Lucinde fort . Ein Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst ? ... Indem rief Hedemann einige Bauern an , die eilends des Weges kamen . Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus , daß bei den Italienern nichts gefunden wurde , was auf ihren Antheil an dem nächtlichen Verbrechen hätte schließen lassen können . Wie mag man die Armen belästigt haben ! sagte Lucinde nach einer Weile und summte , da Benno über die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten Heimat mit dem Schönen in Nachdenken verfiel , vor sich hin die Worte Mignon ' s : Es glänzt der Saal , es schimmert das Gemach , Und Marmorbilder stehn und sehn mich an : Was hat man dir , du armes Kind , gethan ! Für den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden ! flüsterte Benno und deutete auf Hedemann , der über die Unschuld der Italiener Zeichen der größten Genugthuung gab . Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgeprägten Charakter . Man befand sich auf der Absenkung eines großen Thalbeckens , das viele Meilen weit sich in wellenförmigen Senkungen und Erhöhungen hinzog bis zu den Gebirgen , die Deutschland von Frankreich trennen . Der Naturforscher kennt diese Gegend als eine , die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet . Graue Basaltkegel stehen oft in der Mitte dieses Hügellandes als Reste vulkanischer Ausbrüche . Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten , von dünnem Zwergholz überwachsen . Oft steigen sie schroff bis zu den schärfsten und dann und wann mit einem Kreuz gezierten Spitzen hinan . Von einem höhern Punkte gesehen ist der Fernblick meilenweit , aber er ist nicht mehr wohlthuend durch Saatengrün und lichthelle Waldungen , das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen überstreut . Vulkane müssen hier einst einen feurigen Hagelregen